Die Stimmung sei "super", berichtet ein Mitarbeiter des "Stern" am gestrigen Donnerstag. Soeben war bekanntgeworden, daß Chefredakteur Michael Maier seinen Posten räumen muß. Die Redaktion ist erleichtert, und das sagt viel über das Verhältnis zwischen Chefredaktion und Mitarbeitern im letzten halben Jahr. Der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, Gerd Schulte-Hillen, und Zeitschriften-Vorstand Rolf Wickmann hatten die Redaktion in der täglichen Konferenz um 10 Uhr über die Kündigung informiert. Der Verlag begründet die Trennung mit "unterschiedlichen Auffassungen in der Personalpolitik". Anlaß hierfür ist der Konflikt Mitarbeiter nennen es Machtkampf zwischen Maier und dem Geschäftsführenden Redakteur Thomas Osterkorn.Maier hatte Osterkorn in der vergangenen Woche gekündigt. Schulte-Hillen wirft Maier Kompetenzüberschreitung vor, weil er dies ohne Zustimmung des Verlages getan habe. Damit sei Maier vertragsbrüchig geworden, was die sofortige Kündigung nach sich ziehen müsse. Andere Quellen berichten, daß Maier durchaus der Meinung sei, die Personalie abgestimmt zu haben. Wie auch immer: Der Machtkampf war entschieden.Gerüchte über NachfolgerMaier hatte von seiner Abberufung am Mittwoch abend erfahren. Er war gerade aus Mazedonien zurückgekehrt, wo er die Familie des Dolmetschers Senol Alit besucht hatte, der ebenso wie die "Stern"-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer am 13. Juni im Kosovo ermordet wurde. In der kommenden Woche sollte Maier dem Vorstand sein neues Konzept, das angeblich fertig in der Schublade liegt, präsentieren. Dazu kommt es nicht mehr. Nach nur einem halben Jahr im Amt muß er gehen.Mit Maier verläßt auch sein Stellvertreter Oliver Herrgesell das Blatt. Dieser verhandelte gestern mit Rolf Wickmann über andere Aufgaben im Verlag. Wer neuer "Stern"-Chefredakteur wird, steht noch nicht fest. In Hamburg werden die Chefredakteure des "Spiegel", Stefan Aust, und der "Bild am Sonntag", Michael H. Spreng, als Maiers Nachfolger gehandelt. Auch eine interne Lösung ist denkbar. Vorerst leiten die Geschäftsführenden Redakteure Dieter Hünerkoch, Erwin Jurtschitsch und Thomas Osterkorn das Magazin. Maier hatte am 1. Januar dieses Jahres sein Amt beim "Stern" angetreten. Er kam ebenso wie Herrgesell von der "Berliner Zeitung", die er erfolgreich reformiert hatte. Beim "Stern" löste Maier Werner Funk ab, dem es in seiner vierjährigen Amtszeit nicht gelungen war, den Auflagenschwund des Magazins zu stoppen. Nicht ohne Grund verkauft sich das Blatt immer schlechter. Der "Stern" war mit dem Ende der neunziger Jahre zu einem Magazin geworden, dem es an inhaltlichem Profil und optischer Frische fehlt und das vorwiegend vom Ruhm vergangener Zeiten lebt. Maier erschien zunächst als der passende Modernisierer. Er versprach den Generationswechsel und eine Phase der Neubesinnung. Ein Magazin von höchster Qualität wollte er bieten, das große Optik, gute Unterhaltung, investigativen Journalismus und Nutzwert vereint. Emotionen sollten ebenso ihren Platz finden wie seriöse politische Information.Doch anders als bei der "Berliner Zeitung" konnte Maier nicht weitgehend unbemerkt am Relaunch des "Stern" basteln, sondern mußte von Beginn an auf offener Bühne spielen. Das mag er unterschätzt haben. Nach anfänglichem Lob erschienen bald Artikel, die Maiers Arbeit kritisierten, ihm das weitere Sinken der Auflage vorrechneten und von tiefer Mißstimmung innerhalb des "Stern", gar von Intrigen, berichteten. Die Kündigung des langjährigen Art-Directors Wolfgang Behnken hatte in der Redaktion Unruhe ausgelöst, andere Mitarbeiter, die quasi zum Inventar des "Stern" gehören, fürchteten um ihre Stellung. In Redaktionskonferenzen wurde der Chefredakteur attackiert: Konzeptionslosigkeit, mißlungene Editorials und schlechte Blattmischung waren einige Vorwürfe.Käufer verschreckt Maier machte Fehler. Manche Titelbilder des "Stern" mußten die Leser am Kiosk eher verschrecken als anziehen. Die Geschichte über Allergien beispielsweise wurde mit einem großen Stop-Schild illustriert, was leicht als Kaufwarnung mißverstanden werden konnte. Die versprochene Mischung aus Politik und Unterhaltung fand immer seltener statt. Im Heft der letzten Woche fanden sich auf den ersten 37 Seiten Berichte über den Krieg und die Toten, gefolgt von 22 Seiten über Riester und die Renten. Der Anfang vom Ende wurde an diesem Montag eingeläutet. In der "Süddeutschen Zeitung" erschien ein Beitrag über den "Stern", der mit Interna aus der Redaktion gefüttert war und den "alten Fahrensleuten" des Magazins ein Podium bot. Der Text, in dem von "Angst", "Elend", "Katastrophe" und "Totengräber" die Rede war, gipfelte in dem Zitat eines "Stern"-Mitarbeiters, daß es entweder bald eine neue Redaktion oder eine neue Chefredaktion geben müsse. Eine neue Redaktion gibt es nicht.