Darf man mit Leuten befreundet sein, deren Plattensammlung hauptsächlich aus Tina-Turner-Alben besteht? Kann man eine Frau lieben, deren Lieblingsband die Simple Minds sind? Solche Fragen beschäftigten den Romanhelden in Nick Hornbys Bestseller "High Fidelity", und sie sind alles andere als nicht aus dem Leben gegriffen. Günter Krüger aus Marienfelde hat etliche Freunde, zudem ist er verheiratet, seit 31 Jahren sehr glücklich, wie er versichert. Und er besitzt 3 736 Tonträger (allein 1 600 LPs) von James Last.Krügers Held ist der Mann, der 1950 als Hans Last der beste Jazz-Bassist Deutschlands war und seit Mitte der 60-er als Big-Band-Leader mit seinem Sound den Deutschen die gute Laune auf den Plattenteller servierte. Ganz nebenbei avancierte der heute 73-Jährige mit seinem Mix aus Klassik, Swing und Pop zum erfolgreichsten deutschen Musikexport überhaupt: Weltweit verkaufte er über 80 Millionen Tonträger.Kürzlich absolvierte der gebürtige Bremer, der mittlerweile in Florida lebt, erstmals eine Tour durch China, und Günter Krüger wäre gern mit dorthin gefahren. Doch die Reise war dem 58-Jährigen - der seinen Ritterschlag als Fan erhielt, als ihn Last zu seinem 60. Geburtstag mit einlud - zu teuer. Der Servicetechniker für Industriewaagen ist seinem Musikhelden zwar auch schon mehrmals zu Konzerten hinterhergereist, unter anderem 1987 in den Ostteil Berlins zum Auftritt im Palast der Republik, doch gewöhnlich verzichtet er auf James-Last-Konzerte in anderen Ländern. Stattdessen steckt er alle Energie und viel Geld in die Komplettierung seiner Tonträger-Sammlung. Selbst seinen Urlaub richtete er häufig danach aus, aus welchen Ländern er noch seltene Last-Platten brauchte. Auf den harten Fan-Trip war Günter Krüger 1982 gekommen, als er das Orchester erstmals live in der Waldbühne sah. Seitdem hat er für sein Hobby etliche tausend Mark ausgegeben. Wie es sich für einen exzessiven Sammler gehört, besorgte er sich von einem Album schon mal zwanzig verschiedene Versionen, allein wegen der unterschiedlichen Cover. "Alles was er je veröffentlicht hat, egal ob als Hans oder James, habe ich", sagt Günter Krüger. Was ihn an der Musik so fasziniert? "Fragen sie mich was Leichteres." Jedenfalls kann er sich die Musik stundenlang anhören. "Das geht mir nicht auf den Senkel, obwohl ich sie schon hundert Mal gehört habe. Manche sagen ja, das sei nur Fahrstuhlmusik. Aber das ist eben alles Geschmackssache. Wenn ich auf dem Balkon sitze und auf der Straße die Jungen höre und ihr Bumbum aus dem Autoradio, ist das auch nicht mein Ding."Dass Krüger durch sein Hobby inzwischen trotzdem viele Freunde gewonnen hat, liegt vor allem am Internet. Seit er vor zwei Jahren mit einer eigenen Homepage ins Netz ging, meldeten sich Gleichgesinnte bei ihm. Auch ein chinesischer James-Last-Fan hatte ihn entdeckt und Kontakt aufgenommen. Seither beliefern sich die beiden Freaks kontinuierlich mit CDs ihres Idols. Xu Wei berichtete ihm, dass er samt Familie kürzlich beim Konzert in Peking war, ganz begeistert, dass Last ihm all seine 70 CDs signierte. Bei Lasts Konzert im Oktober im ICC war Krüger sicherlich der akribischste unter allen Fans. Der berühmteste ist er deswegen noch lange nicht, denn zu den Anhängern des Big-Band-Leaders zählen auch die HipHoper von Fettes Brot oder Techno-DJane Marusha. Das wissen nur nicht so viele.