ORANIENBURG. Er hat viele Ordner mit Originaldokumenten durchforstet, er hat Akten von Prozessen gegen Naziverbrecher studiert. Monatelang. Um dann sagen zu können, wo sich im südbrandenburgischen Jamlitz am ehesten ein Massengrab befinden könnte, in dem hunderte von der SS ermordeter Juden verscharrt worden sind. "Ich bin dem Morden noch nie so nahe gekommen, habe die Opfer noch nie so dicht gespürt, wie bei dieser Arbeit", sagt Günter Morsch.Seine Arbeit hat mit der düstersten deutschen Vergangenheit zu tun. Morsch, 56, ist seit über zehn Jahren Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die das einstige KZ und sowjetische Speziallager Sachsenhausen, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, die Dokumentationsstelle Brandenburg sowie das Museum des Todesmarsches umfasst. Er hält Kontakt zu den Opferverbänden und kümmert sich um die Überlebenden der Lager. Er befasst sich mit Bauvorhaben in den Gedenkstätten, leitet Konferenzen, konzipiert Museen, lehrt an der Universität, veröffentlicht Aufsätze und Bücher."Als ich hier anfing, war mir bewusst, dass die Gedenkstätten in der DDR staatlich instrumentalisierte Orte waren, Tempel des Antifaschismus. Sie mussten saniert und neugestaltet werden", erzählt er. Und in Sachsenhausen musste die Geschichte des Speziallagers integriert werden, das der sowjetische Geheimdienst von 1945 bis 1950 dort betrieben hatte und das in der DDR verschwiegen worden war. Nicht, dass es in der Bundesrepublik sehr viel besser gewesen sei. Dort waren die einstigen Konzentrationslager der Nazis marginalisierte Orte, ohne Forschung, ohne Sammlungen und mit wenig Personal.In den Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück hat sich in den vergangenen 15 Jahren viel getan: Historische Gebäude wurden saniert, neue Museen eingerichtet, moderne Sammlungen, Bibliotheken und Archive aufgebaut sowie pädagogische Angebote entwickelt. "Der Prozess, den wir in den ostdeutschen Gedenkstätten begonnen haben, hat inzwischen auch die Gedenkstätten in den alten Bundesländern erreicht."Morsch hat sich seit frühester Jugend mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Ein prägendes Erlebnis war der Eichmann-Prozess, den er als Kind von zehn oder elf Jahren verfolgt hat. "Wir haben vor dem Fernseher gesessen und mit großer Erschütterung diesem unscheinbaren, kleinen Mann in der Glaskabine zugehört", erzählt der Historiker. "Ich habe damals Fragen gestellt, gerade auch unbequeme", erzählt er. Das habe zu vielen Konflikten mit denjenigen geführt, die die Aufarbeitung der Vergangenheit als Nestbeschmutzung diffamierten.Günter Morsch ist in einem kleinen Dorf im Saarland aufgewachsen. Er stammt aus einer katholischen Familie. Als Jugendlicher verteilt er Flugblätter. Gegen das Vergessen. "Sobald die eigene Familie betroffen war, hieß es doch immer: Opa war kein Nazi", sagt Morsch. Es gab in seinem Heimatort einen Sozialdemokraten, Alois Kunz. Ein Bekannter der Familie. "Er war ein geradliniger Mensch", sagt Morsch. Kunz habe sich gegen die Vereinigung des Saarlandes mit Hitlerdeutschland ausgesprochen. 1939 wurde er nach Sachsenhausen deportiert, im Oktober 1942 in Auschwitz ermordet. Morsch erzählt, wie sein Heimatort sich lange geweigert hat, Alois Kunz zu ehren. Er galt dort lange Zeit als Querulant. "Bis vor zehn Jahren noch war es nicht möglich, eine Gedenktafel für ihn anzubringen."Morschs Weg zum Historiker war kein gradliniger. Er fängt ein Musikstudium an, spielt Klavier, Posaune und Gitarre. Doch bald bricht er das Studium ab. Zur Bundeswehr gehen er und auch sein Bruder nicht - obwohl sein Vater dort als Beamter beschäftigt ist. "Mein Vater hat uns nie gedrängt. Er war von 1940 bis 1945 als einfacher Soldat im Krieg. Er hat immer gesagt, das reicht für mehrere Generationen", erzählt Morsch. 1972 kommt er nach West-Berlin, studiert Geschichte, Psychologie und Philosophie. Er promoviert zum Thema "Verhalten der Arbeiterschaft im 'Dritten Reich'".Bevor Morsch, der zunächst als Bildungsreferent bei den Gewerkschaften tätig war, nach Brandenburg kam, war er fünf Jahre lang Museumsrat eines Industriemuseums in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Motive haben ihn seinerzeit bewogen, das Amt des Gedenkstättenleiters anzunehmen. Zum einen sein Interesse am Nationalsozialismus und an Gedenkstätten, zum anderen war es auch ein ganz persönliches Motiv. Die Nähe zur wiedervereinigten Hauptstadt. "Ich mag Berlin sehr, die Direktheit der Menschen, die Unkompliziertheit. Außerdem bin ich ein Kulturmensch und in Berlin gibt es von allem alles", sagt Morsch, der mit seiner Frau in Oranienburg lebt.Zudem hat Günter Morsch immer gehofft, die Familie zusammenzuhalten. "Wenn Kinder groß werden, sind sie meist ganz schnell und ganz weit weg", sagt Morsch. Er hat zwei Söhne, 21 und 27 Jahre alt. Beide studieren in Berlin.Anfang nächsten Jahres wird in Jamlitz die Suche nach dem Massengrab fortgesetzt. Morsch wird sie verfolgen. Und dann noch dichter dran sein an den Opfern als beim Studium der Akten zu den Verbrechen in dem KZ-Außenlager.In unserer Serie stellen wir Brandenbürger vor - Menschen mit ungewöhnlichen Ideen, mit Bürgersinn und mit Engagement für das Wohl der Region.------------------------------Foto: Der Historiker Günter Morsch setzt sich seit seiner Jugend mit dem Nationalsozialismus auseinander. Er lebt und arbeitet in Oranienburg.