Polizeiruf 110: Der Tausch, So., 20.15, ARD. Hauptkommissar Beck, früher Hauptmann Beck, war der letzte Fernsehkommissar, der schon zu DDR-Zeiten ermittelt hatte. Nun verschwindet auch er vom Bildschirm. Der Mitteldeutsche Rundfunk, vor die Wahl gestellt, entschied sich für das jüngere Duo Jaecki Schwarz/Wolfgang Winkler, gegen Günter Naumann, einen Charakterdarsteller der Defa, auf Berliner Bühnen und im DDR-Fernsehen. Naumann, inzwischen 71, nach mehreren Operationen in den letzten Jahren wieder genesen, kommentiert zähneknirschend: "Derrick kann froh sein, daß er nicht beim MDR angebunden ist. Horst Tappert ist schließlich ein paar Jährchen älter als ich." Becks letzter Fall "Der Tausch" ist kein extra geschriebener "Aussteiger"-Film, setzt aber einen würdigen Schlußpunkt unter Becks wechselvolle Karriere. Günter Naumann zählt ihn zu seinen wichtigsten "Polizeiruf"-Filmen. "Hier bin ich endlich einmal nicht nur der Kommissar auf Spurensuche, sondern kann mit meinen Partnern wirklich spielen", macht Naumann seinem Regisseur Andreas Dresen ein Kompliment. Ein Psychologe hat die Geschichte geschrieben: Hans-Ullrich Krause, Leiter eines Berliner Kinderheims und Autor von Hörspielen und Kriminalromanen. Eine völlig verstörte Frau (Ulrike Krumbiegel) bringt ein Baby auf die Polizeiwache, gibt an, sie habe dieses fremde Kind nach dem Einkauf in ihrem Wagen gefunden, ihr eigenes sei verschwunden. Bald geht bei der Familie ein Erpresseranruf ein. Auf der Suche nach den Tätern hält sich Becks übereifriger Kollege Lindemann (Manfred Möck) zunächst an die Mutter des "falschen" Babys (Sophie Rois), eine Alkoholikerin aus dem halbkriminellen Milieu. Doch der Menschenkenner Beck mißtraut schnellen Lösungen.Andreas Dresen, Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen, für seine einfühlsamen, sozial genauen Dokumentarfilme und Fernsehspiele mehrfach preisgekrönt, eifert hier Regisseuren wie Ken Loach oder Gianni Amelio nach, die ihre Geschichten im Alltag der kleinen Leute und Unterprivilegierten finden. "Der Tausch" ist Dresens erster Krimi und einer der stärksten "Polizeiruf"-Filme überhaupt, eben weil der Regisseur nicht in engen Krimi-Bahnen denkt, sondern sie für einen psychologisch stimmigen, emotional ungemein kraftvollen Film über soziales Scheitern benutzt. +++