Er ist zurückgekehrt, um wieder wegzufahren - denn Angermünde und Berlin sind lange her. "Ein Leben ohne Berlin konnte ich mir nie richtig vorstellen", sagt der 92jährige. Es ist doch so gekommen: Günter Reimann, internationaler Währungsexperte und Börsenkenner, wird in ein paar Tagen wieder in New York sein, besser gesagt in seinem Haus auf Long Island. Seit sechzig Jahren ist der Deutsche Amerikaner. Sein Berlin-Programm hat sich der jugendliche Alte stramm organisiert: Er wird mit der S-Bahn seine Strecke von damals "abfahren" - vom Zoo zum Hackeschen Markt. Früher, in den Dreißigern, war dort die KPD-Zentrale. Und Günter Reimann war Mitglied dieser Partei. Seine Eltern, jüdische Kaufleute, murrten über ihn und seine "roten Freunde". Sie verbaten sich "das aufsässige Zeug" - kommunistische Schriften, die überall zu Hause rumlagen. Der Sohn aber provozierte weiter: "Die Fleischtöpfe reizten mich nicht", sagt er heute.Nach seinem Studium an der Berliner Handelsschule wurde er Redakteur des Partei-Organs "Rote Fahne". Den Journalisten Reimann interessierten bald nur noch Hintergründe. Er wollte weg von Artikeln wie "Pißbuden im Klassenstaat" - eine feuilletonistische Betrachtung der Pissoirs im feinen Grunewald und im rauhen Wedding. "Der Weltmarkt, Währungen, Devisen - das waren meine Themen." Stalins Thesen trafen sich bald nicht mehr mit seinen Ideen, seine Ideale von Freiheit und Selbstbestimmung kollidierten mit den repressiven Methoden des Parteiapparats. Reimann verließ die Genossen, der Jude Reimann mußte sie verlassen: 1933, als Bergwanderer getarnt, kraxelte er über die Grenze von Schlesien nach Böhmen, reiste weiter nach England, später nach New York. In Big Apple startete Günter Reimann durch: Er arbeitete als freier Wirtschaftsjournalist, trieb sich schon bald an der Börse herum, sammelt akribisch Wall-Street-Interna. "Ich kannte Hinz und Kunz", sagt er. Seine Informationen sollten andere auch haben - für Geld. 1946 gründete er deshalb seine eigene Zeitschrift, den "International Report". Mit dem Hochglanzmagazin, das "über den grauen Währungsmarkt hinter der staatlichen Finanzpolitik informiert", machte Reimann Millionenumsätze. 1981 verkaufte er das Blatt an die "Financial Times".Deutschland, Angermünde und Berlin hat er nie vergessen. Nach dem Krieg setzte er sich für die Care-Paket-Bewegung nach Deutschland ein - gegen den Willen des Päsidenten Harry S. Truman. Seine Kontakte zur europäischen Hochfinanz und deutschen Sozialdemokratie hat Reimann immer gepflegt. Nur zurück wollte er nicht. Nicht in ein Deutschland, das militärisch besetzt war und später geteilt. "Dabei ist es geblieben", sagt Reimann lächelnd, "obwohl mich Herbert Wehner immer zurückholen wollte." +++