Im Playboy erschien 1984 eine Bildstrecke, die so keiner erwartet hatte. Die Szenen waren nicht inszeniert, die nackten Mädchen ausschließlich schwarz-weiß fotografiert und sämtlich ungeschminkt. Sie trugen weder Stöckelschuhe noch Dessous, machten keine lasziven Posen. Etliche blickten verträumt oder selbstvergessen, die eine etwas scheu, die andere kess. Allesamt ein wenig spröde, wie Picassos "Sylvette im Holzsessel, nur angetan mit ihrer Haut ..."Die Serie "Mädchen aus dem Osten" machten den Leipziger Fotografen Günter Rössler - der heute achtzig wird - über Nacht im Westen bekannt. Die "Putzobersten", wie man in Sachsen die Genossen um Honecker nannte, hatten die Publikation nach etlichem Hin und Her erlaubt. Das spielte Devisen ein und überdies konnte alle Welt sehen, dass die DDR gar nicht so prüde ist, wie behauptet.Das Männermagazin schmeichelte dem Leipziger damals als "Helmut Newton des Ostens". Undankbarerweise hat er widersprochen. Das Inszenieren der Haut als metallische Oberfläche sei seine Sache nicht. Er will für seine "Nudes" Seele statt zur Schau getragenen Sexappeal. Auf seinen Bildern sind die Körper nie perfekt. Mal sieht man ganz deutlich Hautfältchen, Poren, Male oder Sommersprossen und Härchen, dann wieder ein Stück Hornhaut an den Füßen."Wenn der Körper schön ist, ist das fantastisch, aber wesentlich ist die Ausstrahlung übers Gesicht", sagt Rössler, der seine ersten Fotos schon als Zehnjähriger machte. "Man muss das Gefühl haben, auf einem Foto ein intelligentes Mädchen anzuschauen, nicht ein's, das sich anbietet." Vor über 50 Jahren begann er seinen Weg als Fotoreporter und Modefotograf; er belieferte Zeitschriften wie "Maschenmode" und "Sibylle". Aus puppenhaften Models, die nur Kleider vorführen sollten, wurde bei ihm junge, selbstbewusste Weiblichkeit.Zusammen mit Fotografen wie Arno Fischer, Sibylle Bergemann oder Roger Melis zeigte Rössler einen Typ Frau, der weit mehr als ein Modeständer war. An diesen Aufnahmen orientierten sich die Frauen. Und wenn sie die Klamotten zehnmal selber schneidern mussten, weil Konsum- und HO-Läden nicht bieten konnten, was die Fotos in den Zeitschriften versprachen.Immer mehr Zeit verbrachte Rössler mit der Aktfotografie. Unterm Dach seines Markkleeberger Wohnhauses baute er sich ein kleines Studio aus, ergatterte die nötige Beleuchtung. 1979 trumpfte der Fotograf mit der ersten Einzelschau eines Mode-und Aktfotografen in dem kleinen Land überhaupt auf. Das war im Kunsthaus Grimma, das Publikum kam in Scharen. So verschaffte Rössler dem im DDR-Kunstbetrieb lange, stur und prüde lediglich der "Gebrauchskunst" zugeordneten Genre künstlerische Emanzipation. Heute gehören seine Fotostrecken den Sammlungen der großen Museen.Multiplikator der Aktbilder war vor allem das in Berlin erscheinende "Magazin". Das Monatsheft mit dem obligatorischen - und hochbeliebten - Akt hatte kein eigenes Atelier, war also auf die Angebote professioneller Fotografen angewiesen. Einen offiziellen Markt für derartige Bilder gab es nicht, vielleicht ein halbes Dutzend DDR-Fotografen beschäftigte sich mit Nacktfotografie, allen voran Günter Rössler. Der Aufwand für Akte war und ist größer als für Reportage-und Nachrichtenfotos. Auch war Fotomodell zu DDR-Zeit kein Beruf. Die Freundinnen der Fotografen - oder Studentinnen - wurden überredet. Wie Eva Mahn von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle - heute lehrt sie dort. Sie zierte, dank Rössler - öfter das "Magazin". Ebenso Jutta Kupfer und Renate Stephan - in den Siebzigern waren sie die erotischen Symbole des Sozialismus.Rössler hat die jungen Frauen immer in sparsames, ja, spartanisches Schwarz-Weiß gebannt. Inzwischen werden seine Motive von Grafikern und Malern auch schon mal farbig zitiert. Trotzdem kann er das Bunte in der Fotografie noch immer nicht ausstehen. Das strenge Hell-Dunkel, das Spiel auch mit Schatten, strahlt Ruhe aus und schafft Atmosphäre. Rössler sieht die nackten Frauen vor der Kamera nicht als Objekte, sondern als Persönlichkeiten, nicht als Models, sondern als "Mädchen". Mit seinen Modellen verbindet er, der nach wie vor munter der Aktfotografie frönt, wie die jüngst im Markkleeberger Studio gemachte Aufnahme (siehe oben) deutlich belegt, jahrzehntelange Kollegialität, ja Freundschaft. Und nicht zuletzt Liebe. Sein letztes Modell Kirsten wurde ihm zur Lebensgefährtin und Assistentin; vor drei Jahren kam Tochter Filia zur Welt. Natürlich will der Achtzigjährige ihr das Fotografieren beibringen. Bildermachen, wie er sagt, "ohne Schnickschnack", mit mehr "Sein als Schein".Eine große Schau zu Rösslers Jubiläum richtet das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig ab September aus.Im Verlag Das neue Berlin erschien Ende 2005 Günter Rösslers Fotobuch "Mein Leben in vielen Akten".------------------------------Foto: Fotografie in Schwarz-Weiß, was sonst: Günter Rössler vor wenigen Tagen in seinem Markkleeberger Studio.