Der Mann, der auf uns zukommt, hat den Gang eines 15jährigen Snowboarders. Es ist dieses coole Schlurfen, so als könne er jeden Augenblick über den Saum seiner schlabbrigen Hose stolpern. Der Mann spricht wie ein 20jähriger Werbefachmann: "Zukunftskompetenz bekommst du nur, wenn du am leading edge lebst, an der vordersten Trendkante." Günther Aloys ist 52 Jahre alt. Er müßte sich nicht bemühen, jung zu sein. Er könnte an der Bar seines Vier-Sterne-Hotels Champagner trinken, wie vergangenes Wochenende, als in Ischgl wieder Party war, zum Ausklang der Wintersaison. Er könnte auf einer Rolltreppe durch den Berg zu einem zweiten Hotel fahren, das auch ihm gehört, oder abends in seine Disco gehen und dabei zugucken, wie er Geld verdient.Doch Günther Aloys "verlinkt" sich mit Trendforschern. "Man muß sich in das Turbo-Tempo der Zeit reinklicken", sagt er. Wenn er sich in die Sofapolster in seiner Hotellobby lehnt, zeigt das keine Enspannung. Er lauert mit unruhigen Augen, die knapp an seinem Gegenüber vorbeischauen. Wie alle Ischgler hat Aloys Schiß. Schiß vor der laschen Sommersaison, in der trotz eines riesigen Fun-Sport-Parks, der jetzt auf dem riesigen Parkplatz der Seilbahn aufgebaut wird, und einer 400 Kilometer großen Mountainbike- und Wan- derarena nur ein Siebtel der Gäste des Winters kommt. Schiß davor, daß die Gäste zu alt werden und, wie vor zwei Monaten, als Lawinen das Paznauntal eingeschlossen hatten, sofort ihre Kreditkarten packen und abreisen. Er hat Angst, daß die Zukunft ohne sein Dorf stattfindet. Und weil Ischgl in seinem Wohlstand eingeschlafen sei und keiner sich traue voranzugehen, tue er es eben: "Einer muß ja die Tür nach draußen aufmachen, in die Zukunft, wo ein kalter Wind weht."Günther Aloys ist ein Schönling, hager, mit ganz dünnen Handgelenken. "Ich bin der Art-Direktor des Dorfes", sagt er und schenkt dem Animiermädchen, das sich in der Disco für ihn die Seele aus dem Leib tanzt, ein kurzes Nicken. Mit seinem Vater, dem damaligen Bürgermeister, fing er 1969 an, ein neues Dorf zu planen, hat Beton in den Berg treiben lassen, Ischgl mehrstöckig gemacht. Aloys plante überdachte Pisten, um die Saison zu verlängern. Er feierte Sadomaso-Partys in der Hoteldisco. Das Letzte, worüber er gerade nachgedacht hat, war eine 25 Kilometer lange Achterbahn durch das Tal. Und wenn eine seiner Ideen mal nicht klappt, wie die mit den 400 Kühen, die er mit Picassos und Warhols bemalen lassen wollte, bevor er merkte, daß deren Fell keine Farbe hielt, schreibt er Kinderbücher über Robbenbabys, die vor den Menschen fliehen, die sie abschlachten wollen.Aloys wurde zum Rebell des trägen, hausbackenen Alpentourismus. Er wird zu Vorträgen eingeladen, um zu erzählen, wie er Ischgl zum Markenprodukt gemacht hat, zu einer "Destination". Strebsamen Tourismusmanagern erzählt er Sachen, auf die sie allein nie gekommen wären, etwa: "Erholen kann man sich im Job, im Urlaub will der Gast was erleben." Eigentlich spricht er nicht von "Gästen". Er hat andere Worte dafür, redet von "Profis", "Funatikern" oder "globalen Naschkatzen". Auf "rotweißkarierte Wanderschweine" dagegen könne er gut verzichten.Vielleicht deshalb, weil er diese "Wanderschweine" als Kind im Sommer fast jeden Tag ertragen mußte. Günther Aloys wohnte nämlich in einer Hütte auf 2 265 Metern. Dort war sein Vater Gastwirt, und deutsche Wanderer waren die einzigen Besucher. Kam er ins Dorf, freuten sich die Kinder des rückständigen Tals über ihn, denn er war noch rückständiger als sie, wußte noch weniger, welche Platten man hörte und welche Filme man sah. Nach dem Ende der Schule flüchtete er nach Las Vegas.Als er zurückkam, war Ischgl auf dem Weg nach oben, und er übernahm das Hotel seines Vaters. 1963 hatte dieser als Bürgermeister die erste Seilbahn des Tals durchgesetzt; seitdem ist aus dem armen Bergbauerndorf eine der reichsten Gemeinden des reichen Tirol geworden mit 9 000 Gästebetten, 200 Kilometer Pisten, fünf Seilbahnen und 36 Sessel- und Schleppliften. Im Sog von Ischgl ist das Tal zu Wohlstand gekommen und zu Streß, denn Ischgl diktiert den Gastwirten ein Nonstop-Tempo: 24-Stunden-Bereitschaft, 365 Tage im Jahr. Während Österreich in den vergangenen zehn Jahren ein Zehntel seiner Urlauber verlor, verdoppelte Ischgl seinen Umsatz. Doch dieser Winter hat gezeigt, daß dem gelifteten Ischgl langsam die Schminke verläuft. Die besseren Snowboarder sind längst in Orten, wo die Half-Pipes besser "geshaped" werden und ihnen auf den Berghütten die teutonische Skigaudi erspart bleibt. Aloys rühmt die "Jugendlichkeit als Kompetenz", aber welcher Jugendliche will heute noch Rockrentner wie Elton John oder Bob Dylan hören, der vergangene Woche zum Abschluß der Wintersaison spielte? Ischgl droht austauschbar zu werden nur ein bißchen luxuriöser als anderswo: Von den Après-Ski-Theken am Pistenrand wurde ein Tunnel mit 200-Meter-Förderband ins Dorfzentrum gebaut selbst für die besoffensten Gäste muß die Party weitergehen.Und weil ein paar Lawinen dabei nicht stören sollen, wollte der Tourismusverband Ischgl die Partygäste auch nicht groß verunsichern: Am Tag vor der Lawinenkatastrophe im Nachbarort Galtür, als das Tal längst gesperrt war, Lawinen abgingen und zehntausend Urlauber im Tal festsaßen, gab er ein Schreiben heraus, das am nächsten Tag in den Hotels auslag. Alle sollten froh sein, daß "etwas zu essen und zu trinken" da sei. "Es ist keine Krise, es ist kein Chaos, es ist Winter in den Bergen", war darin zu lesen. Nebenan in Galtür buddelten die Retter gerade nach den vermißten Menschen, in der größten Schneekatastrophe, die der Ort je erlebt hatte.Am 1. März, eine Woche nach dem Lawinenabgang, erschien in der Münchner "Abendzeitung" ein Interview mit Günther Aloys. Die Leute würden im Paznauntal Ski fahren, weil sie "in die Hölle" wollten, wurde Aloys zitiert. Und: "Wenn am Ende in den Köpfen übrig bleibt, daß es in Ischgl bebt und kracht, dann ist das doch toll." Aloys, der die Medien bis dahin als Partner in der Strategie seiner Vermarktung nutzte, fühlt sich mißverstanden und hat einen Anwalt eingeschaltet. Inzwischen ist er in Interviews vorsichtiger. "Jetzt ist man gehemmt, was rauszulassen", sagt er. Und er habe daran gedacht, "daß ich den Leuten weh getan habe". Aloys sagt: "Ich bin nicht frei im Denken."Ein Brief, den er drei Tage nach der Lawine an den Ischgler Tourismusverband faxte, spricht eine andere Sprache. Was ihn darin umtreibt, ist die "verheerende Umsatzsituation" und der "Produkt-Totaleinbruch" seines Dorfes. Er habe Vorschläge für einen "Trendumkehrschub" und: "Jetzt, heute noch handeln und schon am Wochenende einen ersten Event zu veranstalten wäre die beste Antwort auf die Situation. In Ischgl ist im Prinzip kein Unglück passiert, die Sonne scheint, der Schnee ist traumhaft.""Bei dem Aloys wär mal ein Psychiater zuständig", sagt Othmar Türtscher, der frühere Bürgermeister von Galtür. "So einen Totentanz finden wir pietätlos." Die beiden Orte sind zehn Kilometer entfernt und seit 650 Jahren Nachbarn. Ihre Bewohner sind miteinander verwandt. Seit dem 23. Februar 1999, dem Tag, als die "Weiße Riefe" in Galtür abging, mit 400 Stundenkilometern ins Tal raste und 38 Menschen tötete, seit diesem Tag sind sich Ischgl und Galtür fremd geworden. In den Wochen nach dem Unglück kamen die Bewohner Galtürs abends um acht in der Dorfkirche zusammen und beteten Rosenkränze für ihre Lawinentoten. Abends um acht war in den Après-Ski-Bars von Ischgl schon so viel Bier geflossen, daß sich die ersten Gäste übergeben mußten.1979, als Othmar Türtscher Bürgermeister von Galtür war, hat er sich schon einmal mit dem Aloys-Clan angelegt. Damals kam Erwin Aloys, Vater von Günther, Seilbahnpionier und Bürgermeister Ischgls, zu ihm und schlug vor, "Ski total" zu machen und den Gletscher auf Galtürer Gebiet als Skischaukel zu erschließen. Othmar Türtscher hätte damals aus dem kleinen Bauerndorf Galtür eine große Skistation machen können er hätte bloß "Danke" sagen müssen. Doch er war für "Nein Danke": "Solange ich lebe, bleiben den Menschen die Berge so erhalten, wie sie sind." Woanders wäre Türtscher die längste Zeit Bürgermeister gewesen. Doch Galtür stand hinter ihm. Skilehrer, Bergführer und der Vorstand des Fremdenverkehrsverbands versammelten sich um Türtscher zum "Rütli-Schwur" und gelobten, die Vermarktung des Gletschers zu verhindern. Das gilt bis heute.Günther Aloys macht sich manchmal lustig über "Kukis", ältere Gäste, die nicht dem Ideal des "Funatikers" entsprechen, Rentner, die nicht mehr gut laufen können und das jugendliche Bild Ischgls verzerren. Vielleicht meint er Menschen wie den alten, weißhaarigen Herren, der gerade im Rollstuhl durch die Lobby seines Hotels "Madlein" gefahren wird und auf dessen Trainingsjacke Reste des Abendessens klebengeblieben sind. Der alte Mann ist sein Vater. Ein Übervater. Erwin Aloys, der Hüttenwirt, der Bürgermeister wurde, der Seilbahnpionier, der Seher, dessen Leben die Erschließung des Skigebiets war.Wenn Erwin Aloys von damals erzählt, versucht sich sein schlaganfallgelähmter Körper zu strecken. Er erzählt von seinen Bettelbesuchen bei der Landesregierung in Innsbruck, wo er als Verrückter verschrien gewesen sei. "Kommen Sie schon wieder wegen der Seilbahn?" hätten die gefragt. Und er habe gesagt: "Nein, ich komme wegen der Sorge um die Zukunft eines kleinen Dorfes." Als das Seil beim ersten Probebetrieb 1963 riß, dachte Aloys bloß: "Wir müssen, wir müssen. Wäre der Plan gescheitert, mein Leben wär kein Leben mehr gewesen." Aloys verbiß sich in eine Vision und gewann. Jetzt, wo er weiß, daß die Ischgler "die Welt schlagen können", beginnt er zu zweifeln. Ob es eine Grenze des Tourismus gibt? Er lächelt. "Die gibt es nicht." Ob sein Sohn bei ihm Rat sucht? Nein, der frage ihn nicht. Erwin Aloys sagt: "Ich habe Bedenken, daß ich am Ende der Sache nichts Gutes gemacht habe." Er versucht im Sitzen, seinen Rollstuhl mit tippelnden kleinen Schritten zu drehen. Es gelingt nicht. "Die Sorge bringe ich nicht aus den Gliedern raus", sagt er leise.Günther Aloys hatte den Termin mit seinem Vater arrangiert. Dabeisein wollte er nicht. Vielleicht hat er über sein Millenniumskonzept "Spirit-Universe" nachgedacht, eine multimediale Interpretation von Haydns "Schöpfung", bei der sich "die Menschheit vernetzt". Oder über das Wandern als neuen Modesport, wozu die Mädels in Zukunft "Strapse" tragen sollen. Günther Aloys hat seinen Vater nicht in sein Zimmer gebracht. Er hat jemanden geschickt. "Mein Vater", sagt er, "würde das alles genauso machen."