Heute, morgen und am Sonnabend dirigiert Günther Herbig das Berliner Sinfonie-Orchester, dessen Chef er bis 1984 war. Er verließ das BSO unter politischem Druck, nachdem er sich gegen Änderungen der DDR-Regierung an der Planung für das neue Konzerthaus am Gendarmenmarkt gewehrt hatte. Anschließend leitete er Orchester in den USA und Kanada. Über seine Erfahrungen mit Berlin und dem Musikleben in Detroit und Toronto sprach Stefan Melle mit dem Dirigenten. Für Ihr Konzert haben Sie die "Vier Essays" des polnischen Komponisten Tadeusz Baird ausgesucht. Weshalb?Ich hatte das Gefühl, eine alte Schuld abzutragen. Anfang der 80er Jahre bat ich Baird, zur Eröffnung des Konzerthauses ein Werk für das BSO zu schreiben. Er sagte zu, starb aber vor der Verwirklichung. Er ist ein wunderbarer Komponist, der leider nie bekannt wurde wie etwa Penderecki oder Lutoslawski. Seine Musik ist hochmodern und dabei doch ganz unglaublich lyrisch.Über das Motiv Ihres Weggangs im Jahr 1984 ist wenig bekannt. "Politische Gründe" sollen dafür verantwortlich sein, daß Sie nicht Leiter des Schaupielhauses geworden sind.Als Kurt Sanderling als Chef des Berliner Sinfonie-Orchesters zurücktrat, bot man mir die Stelle an. Sie war sehr attraktiv, weil sie mit der künstlerischen Leitung des rekonstruierten Schauspielhauses verbunden wurde, wo das BSO Hausorchester werden sollte. Sechs Jahre arbeitete ich mit den Architekten an der Planung. Ich sah, daß die Hausherrenfunktion dem BSO ganz neue Bedeutung und künstlerische Entwicklung ermöglichen würde. Etwa ein Jahr vor der Eröffnung aber entschloß man sich, die Leitung des Hauses einem vom Orchester unabhängigen Kollegium zu geben. Mein Vertrag zählte nicht mehr.Da sind Sie gegangen?Ich trat zurück, und von dem Augenblick war ich eine Non Persona, erhielt Hausverbot, bekam keine Dirigate mehr. Dem Orchester stellte man es so dar, als hätte ich alles inszeniert, um die DDR zu verlassen. Doch ich verstand die Schaupielhausleitung als Lebensaufgabe. Nun hatte ich nichts mehr. Und als man mir den Vorschlag unterbreitete, das Orchester in Detroit zu übernehmen, sagte ich zu.Außer in Detroit waren Sie auch Chef im kanadischen Toronto. Was unterscheidet die Orchester dort von denen in Deutschland?In den USA gibt es überhaupt keine staatliche Kulturförderung, die Amerikaner wollen nicht, daß der Staat Einfluß auf das Kulturleben nimmt. Das Geld kommt aus dem Verkauf von Konzertkarten und aus Spenden. Ein solches System hält eine Organisation immer auf den Zehenspitzen, und zuerst hielt ich es für besser. Wenn aber die wirtschaftliche Lage nach unten zeigt, halten alle Geschäftsleute ihre Taschen zu, dann geht es dem Orchester an die Existenz. Wie kommen die Orchester durch die Krisen?Die Zähne zusammenbeißen. Das Orchester in Detroit wurde seit seiner Gründung 1922 zweimal aufgelöst, nach einem Jahr begannen sie neu. Das stimuliert das Tempo und die Qualität, mit der sie arbeiten. Gehen die Leute nicht mehr ins Konzert, weil das Orchester nicht gut spielt, wird es im nächsten Jahr nicht mehr existieren. Unter normalen Bedingungen, wenn die Leute Geld haben, hält das durchaus lebendig, aber als es dann knapp wurde in Detroit, begann ich, an dem Modell zu zweifeln.Nun favorisieren Sie das europäische Modell?Der Staat tut in den USA sehr wohl etwas für die Kultur: Spenden an künstlerische Institutionen können vollständig von der Steuer abgesetzt werden. Wenn eine Institution aktiv ist, hat sie die Möglichkeit zu blühen, andere gehen ein. Solange es aber diese Steuerregelung nicht gibt, muß der Staat in die Pflicht genommen werden.In Deutschland wird gegen die private Finanzierung von Kultur oft eingewandt, daß sie zu Mainstream-Programmen führe.Genauso ist es. Der Anteil zeitgenössischer Musik in den USA ist viel geringer als in Europa. Wenn ich Webern oder Schönberg dirigieren will, muß ich nach Paris fahren, und junge Komponisten in Amerika haben kaum Aussicht, aufgeführt zu werden. Das Grundproblem ist, daß eine Kulturinstitution einerseits berechtigte Ansprüche des Publikums befriedigen muß und andererseits den Weg in die Zukunft weisen, in der Kunst erzieherisch wirken muß.Berlin redet von sich gern als Musikstadt. Wird dieser Anspruch in Amerika wahrgenommen?Nein. Wenn man erzählt, daß Berlin acht Orchester hat, sagen sie: "Das kann doch nicht wahr sein!" das Staunen ist ein anerkennendes. Detroit hat 5,5 Millionen Einwohner und hat manchmal Mühe, ein einziges Orchester zu erhalten.Wie wirkt dieses Berliner Musikleben auf Sie selbst?Wunderbar! Gestern traf ich Daniel Barenboim, und er lud mich zu seinem Konzert ein. Das geht in Amerika nicht: Da sind sie immer der einzige Dirigent in der Stadt und treffen nie einen Kollegen.Sehen Sie im Konzerthaus, so wie es heute steht, eine Frucht ihrer Arbeit?Die Maße, die wir nach akustischen Gesichtspunkten festgelegt hatten, sind vom Denkmalschutz zum Original hin verändert worden. Nun ist der Saal schlicht zu hoch, falsch proportioniert, dadurch ist der Klang nicht richtig klar. Leonard Bernstein hat mir gesagt, es sei der schönste Saal der Welt, aber er meinte wohl doch mehr das Äußere.Welche Rolle kann das BSO in Berlin heute spielen?Vorgefunden habe ich ein Orchester, das seine Eigenheit bewahrt hat, die Sorgfalt, den hohen persönlichen Einsatz, und ich weiß, daß das BSO seinen großen Hörerstamm behalten hat. Das schrieb ich auch dem Senat, als er eine Fusion mit der Komischen Oper betrieb ohnehin eine Schnapsidee. Ich verstehe, daß man etwas verändert, wenn ein Ensemble keine Resonanz findet, aber so?Müssen Orchester auf veränderte Interessen ihres Publikums reagieren?In den 50er und 60er Jahren wurde das Publikum von seiten der Komponisten direkt ignoriert. Da wandte sich das Publikum ab. In den letzten 15 Jahren haben aber jüngere Komponisten erkannt, daß die Wirkung von Musik über die emotionale Beteiligung des Hörers geht. Unser Problem ist jetzt das Loch, das damals zwischen Moderner Musik und Publikum gegraben wurde. Es wird dauern, bis das Publikum das Mißtrauen verliert.Wollen Sie selbst noch einmal als Chefdirigent ein Orchester formen?Nein, nach 32 Jahren in solchen Positionen bin ich jetzt das erste Mal allein für Musik verantwortlich, das ist wunderbar.

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