PERM - Hier saßen sie, Tag um Tag. An schmalen Werkbänken stanzten sie Kleinteile für Bügeleisen, Schicht um Schicht. Im Kesselhaus schippten sie Kohle, Stunde um Stunde. Die Unbelehrbaren, die Staatsfeinde und Widerständler, vom System dazu erklärt und weggesperrt. Weit weg vom Machtzentrum Moskau, hinter Stacheldraht. Gewissensgefangene wie der Schriftsteller Leonid Borodin, späterer Solschenizyn-Preisträger, der Bürgerrechtler Sergej Kowaljow, später erster Menschenrechtsbeauftragter unter Präsident Jelzin, oder der ukrainische Lyriker Wassyl Stus, der in einer der betonierten Isolierzellen unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben kam. In dieser Abgeschiedenheit sollten sie vergessen gemacht werden. Irgendwo im Nirgendwo des Uralvorlandes, am Fluss Tschussowaja. Heute ist hier ein Museum, als Perm-36 bekannt. Es ist ein einzigartiges für ganz Russland, um das allerdings ein erbitterter Konflikt ausgebrochen ist.

Die Baracken an feuchten Wegen mit großen Pfützen, eigentlich wären sie in den Neunzigerjahren bald verwittert. Ein paar Enthusiasten haben das verhindert und damit die Spuren der Geschichte bewahrt. Spuren von der späten Sowjetunion bis weit zurück in die Stalin-Ära. Zum monströsen Gulag-System, das einmal die gesamte Sowjetunion überzogen und Millionen Menschen in Zwangsarbeit, Krankheit, Hunger und Tod geführt hat. Wie kein anderes Zeugnis jener Zeit ist dieser Lagerkomplex im Dörfchen Kutschino umfassend erhalten worden, originalgetreu wiederaufgebaut, so weit es eben ging. Der Exkursionsleiter, ein stattlicher Mann Ende 50, ist einer, der den Terror fühlen kann, weil seine Familie Opfer unter Stalins Repressionen war. Er nimmt die Mütze ab, als er davon erzählt. Seit sechs Jahren führt er hier durch. Dreimal die Woche.

Doch dieser Ort ist zuletzt ein anderer geworden und im Begriff, seinen bisherigen Charakter immer weiter zu verlieren. Schon seit Monaten schlagen die Wellen um das Museum hoch, so dass der Fall sogar zu einem Politikum geworden ist und – ganz nebenbei – freilegt, was sich in Russland unter Wladimir Putin mit dem Krieg in der Ost-Ukraine verändert hat.

Um das zu begreifen, muss man gut 100 Kilometer weiter fahren, durch die hüglige Landschaft bis in die Millionenstadt Perm. An der Hauptmagistrale zwischen Gouverneurssitz und Multiplexkino thront ein weißes Lenin-Relief auf einem Sockel. Autos und Laster brummen daran vorbei. Aus der geparkten Wagenreihe am Straßenrand taucht Gennadi Storoschjew auf, ein adretter Herr mit schmalrandiger Brille, der das Denkmal zielgenau ansteuert. Der 67-Jährige ist führender Kopf der hiesigen Kommunisten. Er kommt gern hierher, zu diesem Relikt, einem Orden für gute sozialistische Arbeit. Der hübsch polierte Lenin erdet ihn im neuen Russland. Dem, das ohne die Sowjetunion auskommen muss.

„Antisowjetisch und gehässig“

Wenn er auf das Gulag-Museum Perm-36 schaut, dann sieht er einen Saboteur, der das Vergangene beschmutzt. Die Sowjetunion, davon ist er überzeugt, sei der beste Staat gewesen, den Russland je hatte. Der Lenin-Orden ist für ihn ein Zeugnis davon. Für Storoschjew ist alles, was in Perm-36 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgebaut und veranstaltet wurde, „antisowjetisch, gehässig, aggressiv und antistalinistisch“. Seine Partei macht dagegen schon immer mobil. Nie aber waren die Kommunisten damit so erfolgreich wie in diesen Zeiten.

Das hat Historikerin Tatjana Kursina schwer getroffen. Sie sitzt in ihrer Küche im 17. Stock eines Hochhauses am Permer Stadtrand, die Haare sind streng frisiert. Eine getönte Brille verdeckt ihre Augen. Dahinter tobt Wut. „Das Geld hat nie gereicht, auch das Baumaterial nicht. Leute waren es nie genug.“ Sie gehört zu den Gründern von Perm-36, war Helferin der ersten Stunde, als sie retteten, was sonst niemandem rettenswert erschien. Später wurde sie Geschäftsführerin des Trägervereins.

Erst vor wenigen Tagen ist die 66-Jährige wieder einmal den Weg durch die hügelige Landschaft nach Kutschino gefahren – und bekam an der schwarzen Eisentür keinen Einlass. Seit einem Jahr gehe das so, sagt sie. Dabei sei dieser Termin offiziell abgestimmt gewesen. Als Besuch im Archiv, dem Herz des Museums. Zahlreiche Freiwillige, Studenten und Wissenschaftler, haben es mitaufgebaut. „Wenn ich es nicht einmal sehen darf, was soll ich dann denken?“ Tatjana Kursina hat Angst. Angst, dass 20 Jahre Aufarbeitung umsonst gewesen sein könnten.

Zu viel ist schon passiert: Die Gebietsverwaltung hat das Museum verstaatlicht und Kursina gegen eine Beamtin ausgetauscht. Seitdem laufen Verhandlungen über eine weitere Zusammenarbeit mit den einstigen Gründern. Bisher vergeblich. Einzig das Lager, wie es als Mahnmal nun Wind und Wetter trotzt, sei ihr Trost, sagt Tatjana Kursina.

Einer, der das Projekt immer beobachtet hat, ist Oleg Lejbowitsch, Professor für Erinnerungskultur an der Permer Akademie der Künste. Lejbowitsch hat sich in seinem braunen Bürosofa zurückgelehnt und die Beine übereinandergeschlagen. Er ist nicht überrascht von der Entwicklung. Was in Russland derzeit passiert, liegt für ihn in zwei simplen Formeln: „Rehabilitierung der Sowjethistorie“ und „Kleinhalten der Opposition“.

Mit summender Stimme zählt er all die Veranstaltungen von Perm-36 auf, die sich in diesen Kurs nicht mehr integrieren ließen. Es sind genau die Aktivitäten, die das Museum zuvor zum Vorzeigeprojekt einer ganzen Region gemacht hatten. Allein das Menschenrechtsfestival „Pilorama“ (Sägewerk) zog im Sommer Tausende Besucher an, darunter führende Oppositionelle und Aktivisten, Wissenschaftler, junge Leute. Das Festival mit Musik, Seminaren und Podiumsgesprächen machte Perm zu einem Begriff, Perm, die Stadt, die bis zum Fall des Eisernen Vorhangs ein abgeschottetes Zentrum der Rüstungsindustrie war.

Lejbowitsch kann sich an Zeiten erinnern, als Politiker noch neugierig darauf waren, was diese versprengten Idealisten da draußen aus dem Nichts erschaffen. Lejbowitsch, der selbst zu Stalins Verbrechen geforscht hat, fand das zivilgesellschaftliche Projekt immer gut. Nun glaubt er, dass alles in zwei, drei Jahren dichtgemacht werde. Mit einem zynischen Lächeln sagt er: „Das Museum hat jetzt alles verloren, was es jemals ausgemacht hat.“

Tatjana Kursina, die geschasste Geschäftsführerin, blickt zum Küchenfenster hinaus. In naher Ferne überragen blau-weiße Hochhäuser die Datschen mit ihren Spitzdächern. Sie erzählt, wie Perm-36 in das millionenschwere Präsidentenprogramm zum Gedenken an die Opfer politischer Repression aufgenommen wurde. Als Eckpfeiler im Konzept. Es kam einer Wegmarke gleich. Einer, die ihnen nach der neuerlichen Amtseinführung von Wladimir Putin eine gesicherte Zukunft versprach.

Die Krise begann, als die Gebietsverwaltung erstmals Gelder einbehielt. Das war 2013 unter dem neuen Gouverneur Wiktor Basargin – nachdem es mit all seinen Vorgängern gut gegangen war. Der einstige Partner pocht mittlerweile auf Finanzansprüche in Millionenhöhe. Die Selbstauflösung ihrer Organisation läuft. Ein amtlicher Stempel nennt sie seit Kurzem „ausländischer Agent“, Stigma für den Bezug internationaler Stiftungsgelder. Weitermachen wollen sie trotzdem, sagt Tatjana Kursina. Irgendwie.

Im Laufe der vergangenen anderthalb Jahre wurde die Ukraine immer präsenter. Erst schleichend mit dem Maidan, dann immer deutlicher nach Annexion der Krim und mit dem Krieg im Donbass. Als Gedenkstätte für Staatsfeinde und Umstürzler wurde Perm-36 verschrien und die Gründer als von den USA finanzierte „Geschichtsverfälscher“ verunglimpft. Einstige Insassen wurden als ukrainische Faschisten – „Banderowzy“ – verteufelt. So verbreitete es der staatlich kontrollierte Sender NTW, der für seine Hetzkampagnen berüchtigt ist.

Die Schablone lieferte die allgegenwärtige russische Propaganda von der vermeintlichen „faschistischen Junta“, die in Kiew an die Macht gekommen sei. Diese Schablone hat sich übers Museum gelegt. In einem weiteren vorläufigen Höhepunkt dieses Konflikts wurden im Museum Biografien der „Politischen“ entfernt, wegen der Ukrainer unter ihnen.

Storoschjews Kommunisten hatten daran ihren Anteil, ebenso ein Dutzend Aktivisten der patriotischen Bewegung „Sut Wremeni“ („Wesen der Zeit“). Es sind radikale Sowjetnostalgiker, die vor allem im Internet für Furore sorgen. Auf einem früheren Fabrikgelände hinter Bahnschienen haben sie ihr Quartier in Perm; ihre Motivation ziehen sie aus dem Chaos der Neunzigerjahre, aus Wirtschaftscrash und Bandenkriegen.

In einem Zimmer im dritten Stock eines Backsteinbaus sprechen zwei von ihnen mit Wehmut von einem untergegangenen Land, das sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen. Pawel Gurjanow und Larissa Beljajewa, er, 31, Pharmaziedozent, sie, 30, Mikrobiologin. Ausgerechnet jenes Präsidentenprogramm für die Opfer der Repression, das Tatjana Kursina so beflügelte, wurde zu ihrem Gründungsmythos. „Das ist eine zweite Perestroika“, glaubt Larissa Beljajewa. Dabei habe schon die erste nur Zerfall gebracht.

Und einen ungerechten Umgang mit dem Erbe der Sowjetunion, findet Pawel Gurjanow. Auch mit Stalins. Der hängt im Porträt neben Lenin und Mao rechts an der Wand, links prangt ein gedrucktes Stadtpanorama auf einem Vorhang. Im Museum Perm-36 sei alles „historisch manipuliert“, das ist der Standpunkt ihrer Gruppe. Deshalb lassen sie die einstigen Wärter und Offiziere von gutem Essen erzählen, von sauberen Zimmern. Die jungen Leute rebellieren nicht gegen die Elterngeneration. Sie sind ihr stärkstes Sprachrohr geworden.

„Es soll alles objektiv werden“

Und sie wurden gehört. Die Ausstellung zu den Siebziger- und Achtzigerjahren werde neu konzipiert, erklärt die neue Museums-Kuratorin Jelena Mamajewa. Am Schreibtisch ihrer Beamtenchefin spricht sie von Quellenanalysen, Nachweisen und Augenzeugenberichten, davon, dass alles genau geprüft werden müsse. Röte zieht über die Wangen der jungen Frau. Stöhnend wie unter einer Bürde sagt sie: „Es soll einfach alles objektiv werden.“ Was Mamajewa ausführt, bedeutet: eher breiter, weg vom bisherigen Fokus. Einerseits mit internationalem Anstrich, mit dem Blick nach Kambodscha zu den Roten Khmern oder nach Ruanda zum Völkermord. Andererseits als detailgetreu gestaltetes Museum mit einem Blick auf alle, die je durch die kargen Baracken von Kutschino gingen. Ob Gefangene oder Schließer. Es klingt nach einem Neuanfang im Zeichen des Naturalismus. Das Lager Perm-36 – so scheint es – soll als Museum künftig allen gerecht werden, die ihr sowjetisches Leben darin nicht wiederfanden.

Eine Petition warb für den Erhalt des bisherigen Konzepts und fand bis heute mehr als 80 000 Unterstützer für die Gründer. Aber selbst die Fürsprache von Menschenrechtsbeauftragten auf allen Ebenen bis hinauf zu Michail Fedotow, dem Berater von Präsident Putin in diesen Fragen, ändert bislang nichts. Auch nicht der Beistand der renommierten Menschenrechtsorganisation „Memorial“, nicht aus Moskau, nicht aus Perm – wo der kleine Ableger das Museum mit aufgebaut hat und nun selbst im Clinch mit der neuen Leitung liegt. Die Petition kam von ihnen, blieb aber wirkungslos. Er habe nicht untätig bleiben können, sagt ihr Leiter. Dass ein Wink direkt aus der Präsidentenadministration kam, das hält er für ein reines Lippenbekenntnis.

Das müsse nicht sein, meint dagegen Professor Lejbowitsch. Er spricht von ganz widersprüchlichen Signalen aus dem Kreml, die im Ringen um ein Museum im Hinterland ihre eigene Dynamik entfaltet hätten. Die Verantwortlichen in Perm, so glaubt er, hätten sich entschieden, „welche sie hören und welche nicht“. Für einen Befreiungsschlag gegen den alten Gouverneur und alles, was mit ihm in Verbindung stand. Den Rest hält Lejbowitsch für willkommene Argumente in Zeiten von Aufruhr und Umbruch.

Es sind gute Zeiten für den Kommunisten Storoschjew vor dem weißen Lenin-Denkmal. Bevor er zur Arbeit geht, wird der Planer für Industriekomplexe noch persönlich. Er wolle jetzt nicht für alle Genossen sprechen, aber er selbst halte das Lagergelände für völlig kompromittiert. Als Zeugnis der Zeit sei es ohnehin nicht zu retten – egal, wie die neue Leitung es gestalte. Der ganze Kampf ist für ihn lange nicht vorbei. Er weiß, dass die Ukraine ihm dabei hilft. Alles neu macht der Krieg.