Während des I. Deutschlandtreffens der Jugend zu Pfingsten 1950 in Ost-Berlin erregte ein Teilnehmer überall besondere Aufmerksamkeit: ein großgewachsener, soignierter Herr, der schon fast zur "Großvätergeneration" gehörte, über das rechte Auge ein Monokel geklemmt und den Kopf mit einer strohernen "Kreissäge" bedeckt, trug das Blauhemd der Freien Deutschen Jugend. Führung übernehmen Er marschierte in der ersten Reihe neben Erich Honecker, dem Vorsitzenden des Zentralrats der FDJ. Es war Gustav von Wangenheim, dem für seine Komödie "Du bist der Richtige", die er für das Deutschlandtreffen geschrieben hatte, das Ehrenblauhemd verliehen worden war. Irgendwie drückte diese Kostümierung das Wesen seiner Persönlichkeit aus: den Freiherrn, "Adel im Untergang", den "Parteimenschen" und den Künstler, Schauspieler, Inszenesetzer seiner selbst. Am morgigen 18. Februar wäre er 100 Jahre alt geworden.Damals beim Deutschlandtreffen war der neue "Eiserne Gustav" schon 55 Jahre alt. Sein Vater war der Schauspieler Eduard von Winterstein, der "ewig Erste in der zweiten Reihe" des Reinhardt-Ensembles im Deutschen Theater. Gustav sollte nach dem Willen des Vaters kein Komödiant, sondern Landwirt werden. Aber nach dem "Einjährigen" bei den Gardekürassieren wurde Gustav doch Schauspieler. Der Krieg machte ihn zum Pazifisten.Im Geiste des Expressionismus schrieb und inszenierte er menschheitserlösende Sprechchöre. Gleichzeitig war er erfolgreicher Stummfilmschauspieler, so in Murnaus berühmten "Nosferatu". 1922 stieß er zur KPD, schuf die "Barbusse-Truppe", inszenierte rote Revuen und Massenspiele. Ab 1927/28 glänzte er am Schauspielhaus in Hamburg, danach in Berlin in klassischen Rollen.Als Leiter der "Roten Gewerkschaftsopposition" legte er sich in der Deutschen Bühnengenossenschaft mit seinem Vater an, der im Präsidium sozialdemokratische Positionen vertrat. Seine in die Theatergeschichte eingegangene Leistung war die Gründung und Leitung der revolutionären Berufstheatergruppe "Truppe 1931". Für sie schrieb er die berühmt werdende "Mausefalle", in der mit Mitteln einer "dialektischen Szenenmontage" vorgeführt wurde, daß die Angestellten auch nichts Besseres sind als die Proleten. Ein Riesenerfolg nicht nur in Berlin, sondern auch auf Tourneen durch Deutschland und die Schweiz. Es folgte die Revue "Da liegt der Hund begraben". Die dritte Inszenierung, "Wer ist der Dümmste?", wurde als erstes Theaterstück in Deutschland von den zur Macht gekommenen Nazis im März 1933 verboten.Wangenheim und seine Frau Ingeborg Franke emigrierten über Paris nach Moskau. Die Pläne, ein deutschsprachiges Theater zu gründen, zerschlugen sich.Wangenheim konnte als Regisseur 1935 in der Sowjetunion den Film "Kämpfer" drehen, der den Reichstagsbrandprozeß gegen Dimitroff zum Hintergrund hatte. Als er die Hauptrolle einer Arbeitermutter mit Lotte Loebinger statt mit Helene Weigel besetzte, zog er sich "50 Jahre Haß" von Brecht zu.Der Film kam im Dezember 1936 noch zur Premiere, dann verschwand er und konnte erst dreißig Jahre später rekonstruiert werden: Die "Tschistka", die "Säuberung" hatte eingesetzt und machte auch vor den deutschen Emigranten nicht halt.Beschämend, niederschmetternd die "Selbstkritiken" in Einheit mit Denunziationen anderer. Wangenheim verhielt sich nicht schlechter und nicht besser als andere, wenn er im Verhör durch die NKWD die Schauspielerin Carola Neher des "Antisowjetismus" bezichtigte, die dann die zehnjährige Haft nicht überlebte. Nach Berlin zurück Während des Krieges wurde Wangenheim Sprecher bei Radio Moskau, am 18. Mai 1945 kehrte er mit dem zweiten "deutschen" Flugzeug in das zerstörte Berlin zurück und wurde zum Intendanten des DT berufen.Entsprechend der Parteilinie für die Schaffung eines "demokratischen Deutschlands" betonte er im Spielplan die Klassik. 1946 wurde er durch Wolfgang Langhoff abgelöst, der als "Westemigrant" geeigneter schien, im ausbrechenden Kalten Krieg die Abwanderung von Künstlern in den Westen zu verhindern.Zu denen, die gingen, gehörte Gustaf Gründgens, den Wangenheim aus sowjetischer Internierung herausgeholt und als Maske im "Snob" die Rückkehr auf die Bühne ermöglichte.Wangenheim wurde danach Regisseur bei der DEFA und war als Dramatiker tätig, ohne noch große Erfolge zu haben. 1975 verstarb er vereinsamt in Berlin-Biesdorf. 1974 hatte er noch die Genugtuung erfahren, daß seine für die "Truppe 1931" verfaßten Stücke von Rowohlt gedruckt wurden, der es 1932 nicht mehr gewagt hatte, sie zu veröffentlichen.Wangenheim steht für nicht wenige bürgerliche Künstler, die im Kommunismus die Erlösung, zumindest die Lösung gesellschaftlicher Grundübel erblickten, aber bei der Herbeizwingung des Ideals Schaden an der eigenen Seele nahmen. +++

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