Regensburg - Ein Tag des Triumphes ist dieser 14. August 2014 für Gustl Ferdiand Mollath nicht – acht Jahre nach seiner Einweisung in die geschlossene Psychiatrie und fast genau ein Jahr nach der „Befreiung aus dem Psycho-Gefängnis“. Nicht bloß deshalb, weil es für den „Freispruch erster Klasse“, den er verlangt hatte, am Ende nicht reicht. Vor allem aber, weil das Gericht die Hoffnung dieses außergewöhnlichen Angeklagten erst über 17 lange Verhandlungstage hinweg und dann auch im Urteil enttäuscht.

Denn „die Thematik, um die sich bei Mollath alles drehte“, das Finanzgebaren der Hypo-Vereinsbank (HVB), wie die Vorsitzende Richterin Elke Escher in ihrer knapp zweistündigen Begründung ohne Ironie anmerkt, spielt in der Urteilsbegründung keine Rolle. Es geht um scheinbar Banales, um Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung.

Noch Minuten bevor das Urteil verkündet wird, redet Gustl Mollath draußen auf dem Flur über sein Lieblingsthema, die wohl auch dank seines unnachgiebigen Bohrens aufgeflogenen illegalen Geldgeschäfte des Kreditinstituts. Seine Ex-Ehefrau Petra, seinerzeit Anlageberaterin bei der HVB, soll in diese unsauberen Geschäfte durch Kurierdienste in die Schweiz verwickelt gewesen sein. „Ich kann ja die Justiz nicht zum Jagen tragen,“ sagt Mollath resigniert und begibt sich ein letztes Mal zu seinem Platz auf der Anklagebank.

Immer wieder hatte Mollath, anfangs von seinem Anwalt Gerhard Strate darin unterstützt, die Ladung von Zeugen aus dem Umfeld der Bank gefordert. Doch dann, als der Prozess sich nach Einschätzung Strates gerade „auf der Siegerstraße“ befand, hatte sich Mollath mit dem Hamburger Juristen trotz dessen wahrer Engelsgeduld überworfen. Strate ließ sich auch in seinem glänzendem Abschlussplädoyer das Zerwürfnis nicht anmerken.

Unbequemer Mandant

Er klassifizierte die Ex-Ehefrau als „untaugliches Beweismittel“ und bezeichnete ihre Aussagen als „Täuschungen mit manipulativem Charakter“. Sie sei Mitwisserin einer „im großen Stil praktizierten Geldverschiebung“ gewesen und habe aus Ranküne auf eine Unterbringung ihres Mannes in der Psychiatrie gedrängt. Er forderte einen Freispruch ohne Wenn und Aber für seinen unbequemen Mandanten.

Dass Mollath freigesprochen werden würde, stand von Anfang an fest. Denn ein Angeklagter darf in einem zu seinen Gunsten geführten Wiederaufnahmeverfahren nicht härter bestraft werden als im Ursprungsverfahren. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hatte Mollath 2006 im Schnellverfahren nach nur vier Stunden wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Der Freispruch aber war gekoppelt an die unselige Einweisung in die psychiatrische Klinik.

Spannend war nun, wie die Kammer die einzelnen Anklagevorwürfe werten würde. Die zwei Berufsrichterinnen und ihr Kollege Beisitzer begaben sich erwartungsgemäß nicht in die juristischen Untiefen von Verschwörungstheorien. Sie schenkten den Angaben von Petra Mollath in früheren Vernehmungen Glauben, dass ihr Mann sie im Streit geschlagen, getreten und gebissen habe. Zwar merkte die Vorsitzende Richterin Elke Escher in leicht kritischem Unterton an, die Kammer habe sich keinen eigenständigen Eindruck von der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin und Nebenklägerin verschaffen können, weil sie sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen und an keinem Sitzungstag vor Gericht erschienen sei. Aber an der Glaubhaftigkeit ihrer Schilderung bestehe kein Zweifel, so die Richterin.

Damals im August 2001 als die Ehekrise sich noch in einem frühen Stadium befunden habe, „hatte sie kein Motiv für eine Falschbezichtigung“, sagte Richterin Escher. Für das Gericht stehe außer Frage, dass es gewalttätige Übergriffe von Gustl Mollath gegeben habe. „Die vom Abgeklagten angebotene Variante“, seine Frau sei wütend aus dem Auto gesprungen und habe sich dabei verletzt, sei nicht nachvollziehbar. „Wie sollte sie sich dabei Bissverletzungen und blaue Flecken am Hals zugezogen haben?“, fragte die Richterin. Nur weil nicht auszuschließen sei, dass der Angeklagte damals durch eine „wahnhafte Störung“ schuldunfähig gewesen sei, werde Mollath in diesem Punkt freigesprochen, so die Richterin.

„Gewisser Realitätsverlust“

Es habe Anhaltspunkte gegeben, dass Mollath zeitweise unter einem „gewissen Realitätsverlust“ gelitten und sich in seinem Anprangern von Missständen verrannt habe, hatte der psychiatrische Sachverständige Norbert Nedopil erklärt. Nedopil hatte Mollath „fanatisch-querulatorischen Symptome und eine Privat-Realität“ attestiert. Richterin Escher versuchte Mollaths „vehementes Eintreten gegen Ungerechtigkeiten“ durchaus positive Seiten abzugewinnen: „Der Angeklagte kann nicht wegschauen, im Prinzip begrüßenswert.“

Solche Einschätzungen hört Mollath natürlich gern, und er kann sich über einen Punktsieg in zwei Anklagepunkten freuen. Zu dürftig und widersprüchlich seien die Anschuldigungen der Nebenklägerin. „Freispruch aus tatsächlichen Gründen“ nennen Juristen das, was einem Freispruch erster Klasse zumindest nahekommt.

Gleiches gilt für die Mollath angelasteten Sachbeschädigungen. Es gebe „keinen gesicherten Nachweis“, dass Mollath die Reifen des Autos seiner damaligen Frau und die Reifen der Fahrzeuge einer Transportfirma zerstochen habe, so die Kammer.

Um 12 Uhr an diesem Donnerstag ist Gustl Mollath endgültig ein freier Mann. Etwa 60 000 Euro darf er wegen erlittenen Unrechts aus der Staatskasse erwarten. Ob der Fall denn endgültig für ihn abgeschlossen sei, wird Mollath draußen vor dem Gerichtsgebäude gefragt. „Der Kampf“, antwortet er lächelnd und zupft sein Krawattentuch zurecht, „hat doch gerade erst begonnen.“ Der Kampf gegen die „himmelschreienden Missstände in den Psycho-Knästen“.