Der Kaufhaus-Erpresser Arno Funke alias "Dagobert" ist nach Ansicht von Gutachtern vermindert schuldfähig. Als Ursache nannten sie gestern vor dem Landgericht eine Berufskrankheit, eine Lösungsmittelvergiftung, die Hirnschäden und Depressionen verursacht.Arno Funke, der vor dem Landgericht zwei Kaufhaus-Erpressungen und sechs Bombenanschläge gestanden hat, war in den 80er Jahren ein "Spritzpistolenkünstler". Motorräder und Autos lackierte er mit bunten Motiven. An Aufträgen mangelte es dem gelernten Schildermaler nicht. Ein rund sechs Quadratmeter großer Raum diente Funke als Werkstatt, in der er bis zu 16 Stunden täglich arbeitete. Selten trug er eine Maske. Die Belüftung war schlecht. Bedingungen, die laut Gutachter die Vergiftung, eine Lösungsmittel-Encephalopathie, förderten."Alle guten Lösungsmittel wirken auf das Nervensystem, greifen das Hirn an", so der Neurologe Holger Altenkirch. Die Folgen: Müdigkeit, Apathie und Gefühllosigkeit. Auch Funke litt darunter. 1988, zum Zeitpunkt der KaDeWe-Epressung, brach die Krankheit voll aus. Bis heute hat sie sich nach Einschätzung von Altenkirch nur graduell gebessert. Funke sei deshalb bis 1994 in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt und vermindert schuldfähig.Diese Einschätzung teilte Psychiater Werner Platz. Er schilderte den 44jährigen als einen hochintelligenten, schüchternen, hilfsbereiten, aber auch konfliktscheuen Menschen mit "hoher sozialer Konformität". Zurückgezogen sei Funke aufgewachsen, als Schulkind ein "Träumer" gewesen. Schon als Kind habe er "immer geknallt und gepufft". Seine Phantasie und seine Lesegier brachten Funke den Spitznamen "Professor" ein. Sein damaliger Berufswunsch: Zirkusclown.Seit 1988 habe sich Funke als "lebende Leiche" gefühlt. Er verlor die Lebensfreude und litt unter Depressionen. Als Ursache nannte auch Platz die Organkrankheit. Geheilt ist Funke, der Anti-Depressiva nimmt, noch nicht. Auch in der U-Haft unternahm er einen Selbstmordversuch. Platz hält deshalb eine längere Behandlung für nötig. Über seine Zukunftspläne äußerte sich der 44jährige, der aufgrund der Gutachten eine Strafmilderung erwarten kann, nur vage. Nach der Haft wolle er im "kreativ-künstlerischen Gewerbe, natürlich im Bereich des Legalen", Fuß fassen. "Aber erst muß ich sehen, ob ich mit dem Urteil leben kann." +++