New York, im Jahre 7 nach Giuliani. Wenn man auf den Straßen Manhattans langgeht, fragt man sich, wo all die Armen, Obdachlosen, Hungrigen, Ausgemergelten und Drogenabhängigen der Stadt sind. Wenn man am Samstagabend in die Notaufnahme eines Krankenhauses in Bushwick, Brooklyn, eingeliefert wird, weiß man es."Haben Sie das mit Absicht gemacht?", fragt der junge Assistenzarzt in der Aufnahme, als er sich meinen eingeschnittenen Finger anschaut. Ich schaue ihn irritiert an. "Na, wollten Sie sich wehtun?", schiebt er ungeduldig nach. "Nein!", sage ich und lache hysterisch. "Haben Sie das selbst gemacht?", fragt er weiter. Langsam bekomme ich eine Ahnung von der Erfahrung, die hinter seinen Fragen stehen muss, und mir wird schwindelig. Ich bekomme ein blaues Band mit meinem Namen um das Handgelenk und kann zurück in den Wartesaal."Herzlichen Glückwunsch", sage ich zu meinem Mitbewohner, "ich bin ein gesunder Junge." Wir sind hier die einzigen Weißen. Mein Mitbewohner war früher Rettungssanitäter in Memphis. Jetzt arbeitet er für einen Künstler in New York, sieben Tage die Woche, acht Stunden am Tag, ohne Krankenversicherung. Wenn man nicht kurz davor ist zu verbluten, so seine Einstellung, sollte man kein Krankenhaus aufsuchen. Zumal nicht in Brooklyn. Zumal nicht an einem Samstagabend. Er greift in die Tüte mit Cashews, sein gebrochener Daumen fällt mir wieder ein, ein Arbeitsunfall, seit zwei Monaten unbehandelt.Eigentlich wollten wir heute Abend kochen und die republikanische Vize-Präsidenten-Kandidatin Sarah Palin bei "Saturday Night Live" anschauen. Im Warteraum läuft "Family Guy", eine beliebte Zeichentrickserie. Mein Mitbewohner überlegt, das Programm zu ändern. "Vielleicht kann ja einer der Polizisten auf die Knöpfe schießen", sage ich bitter. Denn das Patienten-Polizisten Verhältnis liegt hier bei 1:1. Zwei bewachen die Eingangstür, zwei öffnen die Tür zur Notaufnahme mit einer Chip-Karte, einer steht im Wartezimmer. "Wie werden denn in Deutschland die Leute davon abgehalten, in Krankenhäusern Drogen zu klauen?", fragt mein Mitbewohner.Der Warteraum-Polizist kommt auf uns zu. "Nicht schlafen!", brüllt er dem abgemagerten Mann neben mir ins Ohr. Der Mensch in den abgetragenen Klamotten ist einer der vielen, die hier versuchen, ein wenig Schlaf zu bekommen. Er richtet sich mühsam auf und hält dem Polizisten wie zur Verteidigung sein blaues Armband entgegen. Der Polizist winkt müde ab. "Ich muss das machen", sagt er auf meine bösen Blicke. "Die beobachten mich doch auch durch die Kamera."Drei Stunden und genauso viele Aufnahmegespräche später sitze ich im Behandlungszimmer. Vor mir liegen drei Menschen, kein Vorhang trennt uns. Der Mann links ist bis auf die Unterhose nackt. Er schreit, er wolle sofort seine Sachen wiederhaben, er wolle sich jetzt draußen eine Pizza kaufen, jetzt sofort ihr Arschlöcher, ich warte schon seit fünf Stunden, ihr Motherfuckers, und er habe so Hunger. Ich denke an meine Seitan-Chicken-Soup, die zu Hause auf dem Herd kalt wird.Der alte Mann in der Mitte hat eine Windel an und blutet am Hinterkopf. Rechts liegt ein ausgemergeltes Mädchen in Unterhose und T-Shirt, die nackte Haut gibt die Sicht frei auf ihre vielen Tattoos. Sie verrenkt ihren Körper in alle unmöglichen Richtungen und schreit: "Kann mir jemand helfen? Es tut wirklich weh, alles tut so weh!" Von ihrem Handgelenk hängen die Reste einer Fixierung. "Du hast gesagt, dass du kooperativ sein willst, sieht so Kooperation aus?" Die Ärztin stellt sich vor ihr Bett. Ich überlege, ob mir das Wort "kooperativ" in einem solchen Zustand etwas sagen würde. "Wenn du nicht kooperativ bist, können wir dich auch wieder auf die Straße setzen!" Das Mädchen schlägt die Beine über dem Kopf zusammen, dreht sich auf den Bauch, die Füße kommen auf dem Kopfkissen zu liegen. Ich würde ihr gern über den Kopf streicheln, sagen, dass alles gut wird. "Du wirst dich verletzen, wenn du so weiter- machst", stellt die Ärztin nüchtern fest.Ich merke, dass meine Wangen nass sind. "Samstagabend sind die alle hier", sagt die Ärztin und dreht sich zu mir um. "Sie weinen? Sie haben doch nichts?" Ich will sagen, dass ich nicht wegen mir weine, sondern wegen der Gesellschaft, lass' das aber. Das würde albern klingen in ihren Ohren, denke ich, und es stimmt vielleicht auch nur so halb. "Das war ja noch ein ganz gutes Krankenhaus", sagt mein Mitbewohner im Gehen.