Guy Maddin zeigt seinen Stummfilm "Brand upon the brain": Hirnflüssigkeit dient der Verjüngung

Schaurig schön wurde die Berlinale am Donnerstagabend. In der Deutschen Oper führte ein aufgekratzter Guy Maddin - nach einigen Schwierigkeiten der Kuratorin Stefanie Schulte Strathaus namentlich korrekt zu danken - einmalig seinen Stummfilm "Brand Upon the Brain!" auf. In zwölf Episoden bearbeitet der leicht skurrile kanadische Experimentalfilmer dort angeblich autobiografische Erlebnisse. Ein fünfunddreißigköpfiges Orchester, drei versierte Geräuschmacher in Laborkitteln (die brechenden Knochen!) und Isabella Rossellini im schwarzen Anzug mit rotem Schlips als Einsprecherin unterstützten ihn an diesem Abend bei seiner unheimlichen Reise.Nach über dreißig Jahren stattet Guy in "Brand upon the brain" der kleinen Insel seiner Kindheit erstmals wieder einen Besuch ab. Er, dessen hervorragender Charakterzug stets "Always to please!" war, wie das Insert erläutert, will auch den letzten Willen seiner untoten Mutter erfüllen und den Leuchtturm anstreichen. Der diente einst ihm, seiner älteren Schwester und einer größeren Zahl von Waisenkindern als Zuhause. Aber das Ungeheuerliche lässt sich nicht übertünchen, die Geister der Vergangenheit sind allgegenwärtig.Denn während im Keller ein verrückter Wissenschaftlervater Tag und Nacht experimentierte, tobten oben die Stürme erwachender, abnormer und verdrängter Sexualität. Alles unter dem allgegenwärtigen Blick der tyrannischen Mutter, die das Geschehen auf der kleinen Insel mit Hilfe eines Aerophons und dem Scheinwerfer oben im Leuchtturm kontrollierte. Aber auch sie konnte nicht verhindern, dass sich ein jugendlicher Detektiv einschlich, der von besorgten Adoptiveltern entsandt wurde, um die Ursache für die sonderbaren Kopfverletzungen der Waisen zu finden.Der mal als Wendy und mal als Chance auftauchende Detektiv entfacht alsbald erotische Begehren bei den Geschwistern und befördert nicht zuletzt dadurch den Anfang vom Ende des ungeheuerlichen Treibens. Die Narben am Kopf, so stellt sich nämlich heraus, stammen von der Entnahme von Hirnflüssigkeit. Zum Elixier gebraut ergibt dies ein temporäres Verjüngungsmittel. Davon profitiert vor allem die egomane Mutter ("Nobody loves me!"), deren sehnlichster Wunsch es ist, wieder ein Baby zu sein. "To much for Guy".Die grobkörnige und wacklige Stummfilmästhetik ist perfekt imitiert. Maya Lawson, die im Film Guys Schwester Sis spielt, leiht dieser großartigen Mischung aus Horror- und Detektivgeschichte ein umwerfend passendes Gesicht. Wer sich den Dämonen seiner Kindheit so hinreißend und amüsant stellen kann, hat wenigstens nicht umsonst gelitten. Der Künstler stammt anderen Quellen zu Folge übrigens aus Winnipeg/Kanada.------------------------------Foto: Maya Lawson (l.), die Guy Maddins Schwester Sis spielt, leiht der großartigen Horror- und Detektivgeschichte das passende Gesicht.