Ja, so ist das mit dem Genie. Erst machen alle ein großes Gedönse, und schon 400 Jahre nach seinem Tod kennt keiner mehr seinen Namen. Oder kennen Sie Johann Fischart?" fragt Hans Magnus Enzensberger, und natürlich sind alle überfragt. Johann Fischart hat die "Geschichtklitterung" geschrieben, zu seiner Zeit ein viel gelobtes und viel gelesenes Werk, in dem "Das Truncken Gespräch, oder die gesprächig Trunckenzech, ja die Truncken Litanei, und der Säuffer und guten Schlucker, Pfingsttag" enthalten ist. Es handelt sich dabei um eine Ausschweifung in Worten und Taten, eine langsam sich steigernde Rauschnacht, die der Erzähler nurmehr lallend beendet.Enzensberger hat diese onomatopoetische Orgie in seiner Anderen Bibliothek herausgegeben und angeregt, sie bei den Salzburger Festspielen lesen zu lassen. Und der Residenzhof ist wie geschaffen für einen solchen Zweck. Ein helles Segel ist über die Köpfe gespannt. Man sitzt an langen Tafeln, auf hohen Stühlen, und ein Lautenspieler geht durch die Reihen. Die Preislisten rascheln, die Gläser klirren und schon betritt der frühere Schaubühnen-Schauspieler Thomas Thieme die Bühne. Er liest, lacht und wundert sich über das, was er liest. Er stutzt und stolpert über die Worte, er trinkt und singt aus voller Kehle. Er krempelt sich die Ärmel hoch, zwängt sich zwischen den Tischen durch und beschimpft das Publikum: "Siehe da, ihr feinen Schmuddelbutzen, Bankbuben, Gurgelmänner, Vaterverderber, Vettelnkitzler..." Er hat auch allen Grund, es zu beschimpfen, denn auch nach der Pause sind noch alle nüchtern. Die Weine sind zu teuer, die Schmuddelbutzen sind sich zu fein. Sie lachen zwar, doch mehr in sich hinein.Nach der Lesung leert sich der Hof ganz schnell, und nur ein paar redliche Zecher, der Dichter, der Schauspieler und ihr Gefolge bleiben zurück. Eine üppige Brünette geht auf den Schauspieler zu und erzählt ihm, dass das erste Brauhaus zu der Zeit eröffnet wurde, als Fischart zur Welt kam. Sie hat manches von der alten Sprache nicht verstanden, aber der Dichter erklärt ihr, der Sinn des Ganzen sei ganz einfach: Saufen tut gut! Da wendet sich ein Mann vom Nachbartisch an ihn und fragt: "Entschuldigung, aber gehört Saufen und Pudern nicht immer zusammen? Ich bin ja nur ein biederer Salzburger, kein Künstler... Aber ist es nicht so? Ich jedenfalls", sagt der Mann, "kann nur pudern, wenn ich zuvor gesoffen habe."