Haben die Sophiensæle eine Zukunft? Der Kulturmanager und Gesellschafter Jochen Sandig will ein Haus der Jungen Talente aus ihnen machen: Abgeben heißt Aufgeben

Es lief zuletzt nicht gut für die Sophiensæle, eine der wichtigsten Spielstätten der freien Szene in der Stadt. Es gab Zank mit dem Vermieter. Die Jury, die die Off-Spielstätten für die Fördermittelvergabe evaluiert, attestierte künstlerischen Konturverlust, der Vertrag der derzeitigen Leiterin Heike Albrecht läuft im Sommer aus und wird nicht verlängert. Der umtriebige und einflussreiche Kulturmanager Jochen Sandig (42) hat einst die Sophiensæle mitgegründet und ist heute mit Amelie Deuflhardt und Sasha Waltz Gesellschafter des Theaters. Zugleich ist Sandig künstlerischer Leiter der Compagnie Sasha Waltz & Guests sowie Co-Gründer und Co-Leiter des Radialsystems. Er will die Sophiensæle nicht aufgeben.Herr Sandig, warum lassen Sie den Vertrag mit der Sophiensæle-Leiterin Heike Albrecht auslaufen?Heike Albrecht hat eine streitbare und inhaltlich gute Arbeit gemacht. Obwohl sie viel Gegenwind hatte, standen wir immer hinter ihr und haben uns völlig herausgehalten, aber dann mussten wir als Gesellschafter aktiv werden: Der Eigentümer hatte den Mietvertrag gekündigt - vor allem Defizite in der Kommunikation hatten dazu geführt. Heike Albrecht konnte als Geschäftsführerin die Existenz der Sophiensæle nicht mehr absichern. Amelie Deuflhardt und ich mussten das Vertrauen zu Eigentümer und Verwalter erst wieder herstellen, was uns mit dem Abschluss eines neuen 15-jährigen Vertrags nach einem Jahr Verhandlung auch gelungen ist. Sonst hätte es keine Zukunft mehr für die Sophiensæle gegeben.Wollen Sie damit sagen, das vernichtende Resümee der Jury, die die freien Theater in Berlin evaluiert, hat gar keine Rolle gespielt?Die Jury hat die Arbeit der Sophiensæle zu negativ bewertet und auch in finanzieller Hinsicht eine harte Entscheidung getroffen. Aber wir müssen produktiv reagieren. Die Situation war nicht einfach. Als Heike Albrecht kam, hatte Matthias Lilienthal das HAU gerade "neu erfunden", das Ballhaus Ost war dazu gekommen und das Radialsystem. In dieser Konstellation müssen sich die Sophiensæle neu positionieren.Wollen Sie das jetzt übernehmen?Ich werde nicht die künstlerische Leitung übernehmen. Wir sind dabei,ein Programmteam zusammenzustellen. An dem werde ich beteiligt sein. Die Herausforderung ist, weiterhin ohne künstlerisches Budget zu arbeiten, da die Jury keinen künstlerischen Etat bewilligt hat.Bislang ging es doch auch ohne.Die Sophiensæle arbeiten seit ihrer Gründung so, dass sie mit Künstlern zwar über Projekte reden, diese aber nie selbstständig planen können. Alle Projekte sind von der Finanzierung durch Drittmittel abhängig. Das ist für die Beteiligten immer eine Vorschuss-Arbeit für eine bessere Zukunft gewesen. Auf Dauer geht das eigentlich nicht.Sie haben gemeinsam mit Folkert Uhde das Radialsystem aufgebaut. Sasha Waltz & Guests tourt erfolgreich durch die Welt. Warum geben Sie die Sophiensæle nicht ab?Wir haben das erwogen, aber als städtische Bühne kommt der Betrieb aufgrund der Haushaltslage nicht in Frage. Abgeben hätte Aufgeben bedeutet.Wie kann man sich die Neupositionierung vorstellen?Wir wollen keine Einzelperson als künstlerischen Leiter mehr, wir setzen auf Teamwork. Es geht um eine neue Modellstruktur im Zeitalter von Open Source und knappen Mitteln. Die Idee ist, dass an die Stelle der Teilhabe das Prinzip der "Teilgabe" tritt. Wir fragen die Künstler und Partner: Was könnt ihr den Sophiensælen geben?Klingt sehr idealistisch.Ist es auch. Genau aus einer solchen Energie ist der Ort vor 15 Jahren entstanden. Alle fragen immer, was gibt mir das Haus, an Raum, an Zeit, an Geld? Man kann die Frage aber auch umdrehen: Was gibst du dem Haus? Wir versuchen, möglichst viele an diesem offenen Prozess zu beteiligen.Und welche Ideen haben Sie?Wir versuchen, die Sophiensæle wieder neu als ein "Haus der Jungen Talente" zu denken. Wir entwickeln gerade ein Mentorenmodell mit Künstlern, die mit dem Ort gewachsen sind und bereit sind, Projekte von Künstlern der neuen Generation aktiv zu begleiten.Wer wird zur neuen Leitung gehören und wie groß wird dieses Team sein?Das Team steht noch nicht fest, und wir haben uns auch noch nicht bei der Größe festgelegt. Aber fünf ist vermutlich eine gute Zahl, für die Teamarbeit ist eine ungerade Zahl immer besser als eine gerade.Was wird aus den Leuten, die jetzt an den Sophiensælen arbeiten?Wir wollen Kontinuität und Neuanfang. Einige werden auf alle Fälle bleiben. Aber es sollen auch neue Kräfte dazukommen. Die Sophiensæle können keine hohen Gehälter bezahlen. Wir suchen Personen, die auch für die Idee, die Utopie arbeiten. Die Frage ist, ob ich an einem Staats- oder Stadttheater mit Hunderten von Mitarbeitern ein kleines Rädchen oder in den Sophiensælen einer von zehn Mitarbeitern bin, in einer Struktur, in der jeder gefragt ist, eigenverantwortlich das Ganze mitzudenken. Und es gibt ein gemeinsames Ziel. Nämlich die Hoffnung, dass die Jury, wenn sie die Arbeit der Sophiensæle in vier Jahren neu bewertet, auch einen künstlerischen Etat bewilligt.Darum geht es? Das hat mit Idealismus aber nur begrenzt zu tun.Unsere Ideen gehen doch weit darüber hinaus. Aber ich kann die Mitarbeiter nicht dauerhaft motivieren, wenn es nicht ein solches Ziel gibt, das die Spielräume der Arbeit erweitert und sie überhaupt erstmal auf ein solides Fundament stellt. Es geht aber vor allem darum, einen lebendigen offenen Kunstraum zu schaffen.Sie werden dann gleichzeitig im Leitungsteam des Radialsystems, von Sasha Waltz & Guests und der Sopiensäle sein. Ist das nicht zu viel? Und vermischt sich nicht da das privatwirtschaftlich geführte Radialsystem zu sehr mit dem aus Landesmitteln geförderten Sophiensælen?Wie gesagt, ich halte nichts vom klassischen Intendanten-Modell, wo ein Einzelner wie ein Sonnenkönig ein Haus regiert. Dass ich als Gründer an verschiedenen Projekten beteiligt bin, geht in der Praxis doch nur, weil die Verantwortung von starken Teams getragen wird. So zu arbeiten macht mehr Spaß, ist produktiver und ermöglicht mehr Vielfalt. Mir ist wichtig zu betonen, dass wir alle Konzepte, über die wir hier sprechen, und unsere Wirtschaftspläne mit dem Senat abstimmen. Eine Umverteilung von Mitteln ist im Übrigen zuwendungstechnisch gar nicht möglich.Das Gespräch führte Michaela Schlagenwerth.------------------------------Foto: Teamwork mit Jochen Sandig: "Wir fragen die Künstler, was könnt ihr den Sophiensælen geben?"