Es ist eine merkwürdige Hochzeitsgesellschaft, die an einem Maitag des Nachkriegsjahres 1952 auf dem Standesamt Berlin-Mitte in der Elisabethstraße erscheint. Der Beamte hat Mühe, die Beteiligten zu sortieren. Als Bräutigam erweist sich der schon ein wenig gebeugt gehende und fast kahlköpfige Herr mit den großen Ohren und den wachsamen, aber ein wenig melancholischen Augen. Die Myrtenkränzchen, die ihnen die Trauzeugin als Glücksbringer aufdrängen wollte, hat er lieber in die Tasche gestopft. In der Rolle der Braut eine kleine, propere junge Frau. Die Papiere besagen, dass beider Geburtstage fast 46 Jahre auseinander liegen.Eine Kollegenhochzeit. Beide sind beschäftigt am Institut für Romanistik der Humboldt-Universität - sie als wissenschaftliche Assistentin; er als Direktor. Die Geisteselite jener Zeit kennt ihn als Verfasser der LTI (Lingua Tertii Imperii - Die Sprache des Dritten Reiches), dem Schicksalsbericht vom Überleben eines jüdischen Intellektuellen in Hitlers Deutschland. Sie ist eine junge Berlinerin aus der Bombenkriegsgeneration, die ihr Abitur in Niederschlesien gemacht hat, nach der Flucht im Harz ihre Familie wiederfand, in Halle studierte und nun in Berlin promovieren will. Victor Klemperer und Hadwig Kirchner begehren die amtliche Besiegelung des Ehestandes.Victor Klemperer heiratet zum zweiten Mal. Ein Jahr zuvor ist Eva gestorben, die Frau, die ihn in die Abgründe des Judenhauses begleitet und mit ihrer Treue und ihrer Tatkraft über die Nazizeit gerettet hat. In seinen Tagebüchern hat er ihr gleichsam ein Denkmal gesetzt. Aber davon weiß zu dieser Zeit noch niemand etwas - außer ihm selbst. Der Standesbeamte, laut Tagebucheintragung des Bräutigams eine "zerknitterte drollige Persönlichkeit", ist "stolz auf den Sonderfall" und hält "nach dem juristischen Akt eine feierliche Rede mit viel Citaten u. mit dem Fünfjahrplan am Schluß."Es ist die frühe DDR-Zeit, der 70-jährige Romanistikprofessor ist Abgeordneter in der Volkskammer und hat an diesem Tag kaum Zeit fürs Private. Die junge Ehefrau lässt er zum Essen in den Klub des Kulturbundes in die Jägerstraße chauffieren. Er selbst begnügt sich mit "Kaffee und Semmeln" im Institut und eilt dann zur Volkskammer in die Luisenstraße, wo der Ministerpräsident Otto Grotewohl spricht, offenbar lang und erschöpfend. Im Tagebuch vermerkt er: "Kusczinsky (gemeint ist der Abgeordnete und Professorenkollege Jürgen Kuczynski) hat mir nachher zu meinem Schlaf gratuliert." Erst um Mitternacht, nach einer langen Autobahnfahrt, unterbrochen von zwei Reifenpannen, erreicht das gestresste Hochzeitspaar das Klemperersche Siedlungshaus in Dresden-Dölzschen, das sie fortan gemeinsam bewohnen werden.Ein ungleiches Paar. Alter Mann, junge Frau - Victor wird den Komplex nie los. Die scheinbar so neue Verbindung zwingt ihn zu generations-übergreifenden Nachdenklichkeiten. Närrischkeiten im Tagebuch, das er unverdrossen weiter- schreibt, wechseln mit Eitelkeiten. "Ich bringe doch Hadwig um ihr Jugendrecht", lamentiert er, aber er richtet sich auch wieder auf: "Ich liebe ihre Liebe zu mir, ich liebe ihre Jugend - ich liebe sogar ihren - nur ihren - Katholizismus."Hadwig ist die Pragmatische, die psychisch Stärkere in dieser Beziehung. Sie war es gewesen, die seine Verschämtheiten unter seinem Institutsfenster in der Dorotheenstraße mit der Marseillaise hinweg pfiff, und sich nachts unbemerkt von den Anderen in sein Direktorenzimmer schlich, wo er manchmal zu nächtigen pflegte. Nun, an seiner Seite, setzt sie seiner Atemlosigkeit, seinem Arbeitstempo und seinem bisweilen verzehrenden Drang nach später gesellschaftlicher Anerkennung ein ausgleichendes Moment entgegen. Sie begleitet ihn auf seinen Reisen zu Kongressen ins Ausland - ein bei den damaligen Verhältnissen aufregendes Privileg für sie selbst. Das Tintenfass und die Stahlfedern, ohne die der Tagebuchschreiber nicht auskommt, führt sie sorgfältig verpackt in einem Kästchen im Handgepäck mit.Mit dem Tag, an dem Victor stirbt, es ist der 11. Februar 1960, wird es in Hadwigs Leben still. Er hat sie umsorgt in ihr langes Nachleben entlassen, ihr eine Zukunft als freie Wissenschaftlerin gesichert. Heimlich ließ sich der evangelisch getaufte Rabbinersohn, der selbst nie zu einem Glauben finden konnte, um Hadwigs Seelenfriedens Willen sogar noch katholisch trauen.Fast zwei Jahrzehnte lang bewohnt sie allein das Haus in Dölzschen. Die Erinnerungen zehren. Und die Nachbarn auch. "Das war wie in der Kleinstadt. Die Leute haben mir nie verziehen, dass er mich geheiratet hat."Die Eltern Kirchner, ausgebombt in Berlin, wohnen in Halle. Dorthin treibt es die Tochter immer wieder zurück. Sie hat einen Lehrauftrag an der Universität, bleibt manchmal ein halbes Jahr, lebt mit Racine, Schiller, Sartre, Max Frisch und Thomas Mann im Kopf und spielt die gute Seele für ihre Studenten.Im Jahr 1977 zieht sie um, von Dresden-Dölzschen nach Dresden-Johannstadt, aus dem Grünen in die Platte. Immerhin Elbufer. Die Tagebuchaufzeichnungen Victors, die so lange unberührt im Schreibtisch lagerten, gibt sie in die Sächsische Landesbibliothek.Nur das Unverzichtbare hat sie mitgenommen. Die wertvollsten Stücke aus der Bibliothek natürlich, auch Evas Rollschrank, worin sie alles Papier lagert, das sich in ihrem Wissenschaftlerleben angesammelt hat. Auf einem Möbel daneben eine Bildergalerie. Winzig lugt der Kahlkopf mit den großen Ohren aus einem Passepartout hervor und muss sich die Gesellschaft einer Eule, eines Kreuzes und eines Glöckchens gefallen lassen.45 Jahre ohne ihn. Kein Anderer? Ein Seitenblick aus den graublauen Augen, ein Zucken in den Mundwinkeln: "Ich habe nichts gesehen. Ein bisschen intelligent hätte er schon sein müssen. So einer."So einer! Einer wie dieser geistsprühende Erzähler, Schwelger in französischer Literatur, Renaissance-Kenner, Charmeur und Spötter, der sich so selbstsicher über das Kathederpult der Humboldt-Universität in Berlin beugte, nur mit Spickzetteln für seine Vorlesungen ausgestattet, und den hämmernden Beifall seiner Studenten einheimste. Aber so einer kam nicht wieder.Andere Leute mischten sich nun ein in ihr zurückgezogenes Leben. Zuerst meldete sich eine Hörspielautorin. Sie ahnte den Erzählstoff. Dann stand der Ex-Kommilitone Walter Nowojski, nun Chefredakteur der Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur" auf der Matte. Der Aufbau-Verlag in Berlin, Herausgeber der NDL, zeigte Interesse an Klemperers Tagebüchern, und beide machten sich an eine Sisyphus-Arbeit. Tausende Seiten, eng bekritzelt mit einer äußerst gewöhnungsbedürftigen Handschrift, zum Teil auf miserabelstem Papier, waren zu entziffern, Namen zu prüfen, unverständliche Fakten zu kommentieren. Als Hadwig Klemperer im Herbst 1989 mit den Wende-Demonstranten über die Carola-Brücke zog, in der Hand einen Margarinebecher mit brennender Kerze, ihr selbstgebasteltes Windlicht, waren sie mit der Reinschrift immer noch nicht fertig.Doch dann platzten die Bände 1933 bis 1945 mitten hinein in die ersten Debatten um das Holocaust-Denkmal in Berlin und den Film "Schindlers Liste". Ein Fanfarenstoß auf dem Buchmarkt, der die alterszarte Frau in den öffentlichen Medienwirbel riss. Als man ihr und Nowojski im Oktober 1995 in München den Geschwister-Scholl-Preis verlieh, hielt sie nicht stand. Sie musste Pressetermine, Lesungen, Diskussionsrunden absagen und brauchte Wochen, um sich zu stabilisieren.Seither ist sie so etwas wie eine halböffentliche Person geworden. Eine Museumsführerin durch ein anderes Leben. "Wie soll", fragte sich Victor, "Hadwig über die Mauer dieses halben Jahrhunderts hinübersehen können, das ich vor ihr mit Eva durchlebt habe." Sie verstand mit jeder Tagebuchseite mehr. Die ARD-Serie, die voller historischer Unrichtigkeiten steckte, in der das Milieu nicht stimmte und die die Charaktere Victors und Evas Hollywood-like zurecht fälschte, hat sie schon im zweiten Teil abgeschaltet: "Der Film hat mich schwer beleidigt."Mittlerweile wird sie eher eingeladen von Frauengruppen. "Schreckliches Publikum", schimpft sie leise. "Die wollen immer nur das Eva-Thema." Kurze Pause, dann das Geständnis, dass es ihr eigentlich recht sei: "Ich rede ja nicht gern von mir selbst."Nun war sie wieder eingeladen zum Finale des alljährlichen Victor-Klemperer-Jugendwettbewerbs, veranstaltet vom Bündnis für Demokratie und Toleranz, der Dresdner Bank und dem ZDF. 75 000 Teilnehmer in den letzten fünf Jahren, und auch diesmal wieder die Ehrung der von der Jury ausgewählten Sieger in der Dresdner Bank am Pariser Platz.Beim ersten Wettbewerb war die Witwe Klemperer in der Jury noch mit dabei. Da plädierte sie gemeinsam mit Hildegard Hamm-Brücher für eine schöne kleine Schülernovelle. Aber der Text schien den Juroren zu betulich, "sie schauten mehr auf Plakate oder Spiele, was mehr Publicity macht." Beim nächsten Mal lud man die beiden altmodischen Damen gar nicht mehr ein.Die kleine Frau im Parkett während der Preisverleihung muss sich konzentrieren, damit es ihr nicht ergeht wie weiland ihrem Frischvermählten in der Volkskammersitzung. Manchmal gibt es sogar eine Neuigkeit. Das letzte Mal lernte sie, was ein Flying Buffet ist. Victor hätte das wohl unter seinem Stichwort LQI, Sprache des Vierten Reiches, notiert. Sie aber zückte ihre übliche Abwehrwaffe, den kurzen, trockenen Witz. "Es gab gute Ernährung", teilte sie auf einer Postkarte mit.------------------------------Foto: Victor Klemperer und Hadwig Kirchner Ende der 50er-Jahre