In seinem Buch über den britischen Mathematiker Alan Turing läßt Rolf Hochhuih diesen den Philosophen Wittgenstein fragen: "Hätte Einstein nicht ein abscheuliches Verbrechen begangen, wenn er Roosevelt nicht geschrieben hätte, Hitler baue an der 80mbe...? Vor acht Wochen haben Heisenberg, von Laue, Weizsäcker hier in unserem Camp ausgesagt, daß sie bis 1942 an der Bombe herumfummelten ... Sie konnten es nicht, sie dachten, sie sei nicht zu bauen; also hörten sie damit auf."Den erwähnten Brief an den USPräsidenten hatte der Professor mit der charakteristischen weißen Mähne schweren Herzens Im Sommer 1939 unterschrieben, weil Einstein am Vorabend des Zweiten Weltkrieges mehrere beunruhigende Meldungen aus Deutschland Ober den möglichen Bau atomarer Waffen erhalten hatte.Hätte Deutschland die Bombe bauen können?Im Juli 1945 kamen zehn führende deutsche Atoniforscher in das Landhaus Farm Hall in der Nähe von Cambrigde, um dort bis zum Jahresende als "Gäste" festgehalten zu werden. Die Behandlung durch die Briten scheint nicht übel gewesen zu sein, denn zur Verleihung des Nobeipreises an Otto Hahn wurde ein kleines Fest organisiert, auf dem mit "liedern, gebratenem Fleisch und etwas Alkohol" zünftig gefeiert wurde. Was Heisenberg, v. Weizsäcker und Ihre Kollegen nicht wußten: Sie wurden rund um die Uhr abgehört (~Operation Epsilon"), denn die Alliierten wollten nur zu gern wissen, wie weit Deutschland mit der Entwicklung der Atombombe gekommen war. Besonders interessant sind die Reaktionen der Physiker, die zu Hitler-Deutschland durchaus unterschiedliche Positionen hatten, nachdem ihnen am 6. August die Mitteilung über den Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima gemacht wurde.,, Die Gäste waren verblüfft" bemerkte ihr "Gastgeber", der britische Major T. li. Rittner.In der Tat dauerte es einige Zeit, bis dem ungläubigen Staunen der Deutschen die Erkenntnis folgte, daß es sich nicht um einen alliierten Propagandatrick handelte. Insbesondere zu zwei wichtigen Problemen, nämlich bei der kritischen Masse der Bombe und beim Plutonium, zeigten sich Heisenberg und seine Kollegen völlig ahnungslos. "Es hat nichts mit Atom zu tun ... Ich glaube kein Wort ... Ich glaube nicht, daß es etwas mit Uran zu tun hat ... Ich weiß immer noch nicht, was sie getan haben ... Es ist eine Schande, wenn wir nicht herauskriegen, wie sie es getan haben ...", so lauteten die Äußerungen von Heisenberg, und sein Kollege Wirtz bemerkte: "Ich bin froh, daß wir es nicht geschafft haben."Die abgehö~en Gespräche, die nun der Öffentlichkeit zugänglich sind -- leider nicht vollständig-, lassen den Schluß zu, daß die deutschen Atomphysiker 1945 weder das Geheimnis der Atombombe kannten noch wußten, wie eine Kettenreaktion in einem Uranmeiler ausgelöst oder wie Plutonium produziert werden konnten. Hierfür gab es vielerlei Gründe, wie die bevorzugte Förderung der Raketentechnik, die nicht mehr genügend Mittel für das Uranprojekt zuließ, als auch rein fachliche, wie die Vernachlässigung der Methoden zur Isotopentrennung. Die Tatsache, daß man "es nicht geschafft" hatte, wurde nach Kriegsende zur Legendenbildung benutzt. Nun behaupeten die deutschen Forscher, daß sie aus moralischen Gründen keine Bombe bauen w o 11 t e n.Insbesonder C. F. v. Weizsäcker hat zu dieser Frage mehrere Varianten beigetragen. Erst 1988 hat der Inzwischen zum Friedensforscher avancierte führende Kopf des deutschen Atomprogramms in seinem Buch "Bewußtseinswandel" ein Abrücken von dieser Position erkennen lassen, indem er erklärte, es habe "keine Verschwörung gegeben, die Atombombe nicht zu machen."Die Atomwaffenftage ist in Deutschland 1945 nicht ad acta gelegt worden, ja es ist fraglich, ob es hier je einen Bewußtseinswandel gegeben hat. Jedenfalls hat es in den vergangenen Jahrzehnten umfangreiche Lieferungen aus der Bundesrepublik für geheime nukleare Programml u. a. nach Südamerika, Südafrika und ganz speziell auch in den Irak gegeben. Experten wie Professor Milhollin von der Universität von Wisconsin meinen daher, es sei das unerldärte Ziel der Bundesrepublik, über jede fortschrittliche Nukleartechnologie zu verfügen. Dies könne nur bedeuten, daß Deutschland das Know-how besitzen will, um potentiell Atommacht sein zu können.In diesem Frühjahr schrillten im State Department die Alarmglocken, als die Bundesrepublik hoch angereichertes Uran für den neuen Garchinger Forschungsreakter beziehen wollte, ein Material also, mit dem sich relativ leicht Bomben herstellen lassen. Ein energisches "Nein" aus Washington war die Antwort, ebenso verhielt sich zumindest das offizielle Moskau. Der Reaktor kann aber genausogut mit hoch verdichtetem, aber niedrig angereichertem Uran betrieben werden. Somit lautet die Frage rund 50 Jahre nach den Diskussionen im Camp Farm Hall: Quo vadis, Bundesrepublik?