Die Idee entstand an einem klirrendkalten Februarabend weit unten im zersiedelten Südosten Berlins. In dem kleinen Proberaum eines alten Gewerbebaus ließ der Blues die Sinne fliegen. Wie im Rausch eilten die Hände über Gitarrensaiten, mit geschlossenen Augen bog sich der Bassist zum Sound. Der weiche Klang der Mundharmonika antwortete auf die Läufe der Hamond Orgel, der Schlagzeuger wippte an den Drums. Eine Band, sechs Männer, alle über fünfzig. Alle vierzehn Tage kommen sie nach der Arbeit zusammen -um gemeinsam zu musizieren. Als Barbara Friedhelmi an jenem Februar-abend diesem Konzert lauschte, wusste die 42-Jährige: "Wenn du so etwas nicht auch mal machst, entgeht dir etwas im Leben." Und sie beschloss: "Ich lerne endlich ein Instrument."Ein halbes Jahr später sitzt Barbara Friedhelmi bei Jürgen Trinkewitz am Flügel. Erste Stunde: Fallübungen. Schön locker der Handteller, leicht gekrümmt die Finger, aus dem Ellenbogen federn -und jetzt erstmal das F. "Nicht so hastig", ruft Trinkewitz, "fokussiert üben. Jeder Ton ist ein Fest." Friedhelmi seufzt und lächelt und macht sich auf zum E. Jeden Freitag steht sie jetzt bei Trinkewitz auf der Matte, zum Klavierunterricht an der Musikschule Fanny Hensel in Berlin-Tiergarten. Seit zwanzig Jahren bringt Trinkewitz dort seinen Schülern den Lauf über die weißen Tasten bei, immer häufiger sitzen Erwachsene neben ihm auf dem Schemel. Menschen ab Mitte 30 meist, die sich auf die Freude am Instrument besinnen, das sie nach manch quälenden Jugenderfahrungen einst in die Ecke gestellt hatten. Trinkewitz: "Da muss man oft erstmal alte Spannungen und Lernblockaden abbauen, die mit dem Instrument verknüpft sind." Neulinge wie Barbara Friedhelmi haben es da leichter. Allerdings: "Erwachsene haben im Laufe ihres Lebens bestimmte Hörvorstellungen entwickelt", sagt Trinkewitz. "Aber um ein Instrument zu lernen, muss man bewusst noch mal ganz von vorn anfangen."Davon lassen sich Menschen jenseits der 30 nicht abschrecken. Der Griff zum Instrument im Erwachsenenalter liegt im Trend. An vielen Musikschulen klopfen zunehmend Große an. An der Musikschule Zehlendorf/Steglitz etwa hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der erwachsenen Schüler auf fast Prozent verdreifacht. Nicht zufällig hat der Deutsche Musikrat 2007 in der "Wiesbadener Erklärung -Musizieren 50+" die Förderung der musikalischen Bildung Älterer auf seine Agenda gesetzt. Denn der demografische Wandel gibt der Entwicklung neuen Schub. Die Zahl der Menschen steigt, die genug Zeit und Geld haben, um selbst Musik zu machen. "Das Interesse von Erwachsenen hat eindeutig zugenommen, auch bei den weit unter 50-Jährigen", sagt Enno Graners, Professor am Institut für Musikpädagogik der Universität der Künste Berlin (UDK).Die UDK reagiert. Neuerdings hat sie "Elementare Musikerziehung für Erwachsene" (EME) im Programm. In solchen Kursen lernen sich die Großen in Improvisationen oder mit gemeinsamem Trommeln auszudrücken. "Vom Erlebnis zum Ergebnis", nennt das Graners. Schon wird musikalische Erwachsenenbildung als eigenes Studienfach angedacht.Mit einem Vorurteil wird Graners immer wieder konfrontiert: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. "Das ist völliger Unsinn. Durch die Hirnforschung wissen wir, dass Menschen dynamisch lernen -bis ins hohe Alter", sagt Graners und lacht. "Das Hänschen ist oft nur vorgeschoben." Unterschiede gibt es gleichwohl. Zum Beispiel in puncto Motivation. Wenn 40-Jährige zur Gitarre greifen, wollen sie meist keine Musikwettbewerbe mehr gewinnen. Sondern Spaß haben, entspannen, sich weiterentwickeln oder einfach rauskommen aus dem Trott von Arbeit, Alltag, Familie. Zum Beispiel in der Herangehensweise. Erwachsene legen häufig mehr Wert auf Erklärungen, wollen wissen, warum sie was üben sollen und beißen sich nach Graners Eindruck bereitwilliger durch kleine Technikübungen, mit denen man Kinder jagen kann.Graners Kollege Joel Betton, Professor für klassische Gitarre an der UDK, erläutert die Unterschiede zwischen kleinen und großen Schülern gerne mit dem Bild einer Wohnung. "Bei einem Kind sind alle Zimmer leer, sie können dort ein Regal reinstellen, hier ein Bild aufhängen, das Kind wird keine Einwände haben", so Beton. "Einen Erwachsenen dagegen müssen sie zum Möbelrücken bewegen. Der Lehrer ist der Begleiter." Er sollte die Situation jedes Schülers im Blick haben. Bei der Auswahl der Stücke die körperliche Verfassung berücksichtigen. Beim Umfang der Hausaufgaben die Anforderungen der Berufstätigkeit bedenken. Betton: "Erwachsene neigen ohnehin dazu, sich zu viel vorzunehmen. Nach drei Tagen haben sie ein schlechtes Gewissen, nach fünf schlechte Laune." Besser: Sich realistische Ziele setzen und jeden Tag ein bisschen üben, wie beim Yoga oder Joggen. "Wer zwanzig Minuten am Tag portioniert arbeitet, kommt schon sehr weit." Sein Tipp: Irgendwann in ein Ensemble einsteigen, "weil man da schöne Musik mit relativ wenig Können machen kann".Zum Beispiel bei Susanne Kundrus. Die Musiklehrerin leitet ein Ensemble von sechs Flötistinnen zwischen 35 und 70 an der Musikschule Zehlendorf. Ein Mal die Woche treffen sich die Damen zum gemeinsamen Spiel. Mittlerweile ist die Riege so gut, dass es schwer wird, Aussteiger zu ersetzen. "Ensemblespiel, egal ob als Duo, Trio oder Band, ist unheimlich wichtig, damit die Leute nicht zu Hause sitzen", sagt Kundrus. Langsamer lernen Erwachsene nicht. "Natürlich ist es mühsam, wenn die Arthrose kneift oder man 30 Jahre auf dem Bau gearbeitet hat", so die Flötistin. "Es sind aktive Menschen -und der Lerntyp ist entscheidender als das Alter."Kundrus Chef Joachim Gleich hat sich längst auf die neue Klientel eingestellt. Die Musikschule Zehlendorf ist die größte Deutschlands und kann mit 40 Ensembles aufwarten. In vielen sind Erwachsene dabei. "Lange hatten Musikschulen ein verstaubtes Image", sagt Gleich. "Jetzt spricht sich endlich herum, dass wir auch Erwachsenenbildung machen und hervorragende Qualität bieten." Der Schlager bei den erwachsenen Einsteigern: Klavier. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht, schätzt Gleich. Manchmal bringen ihn die neuen Schüler selbst zum Staunen. Wie jene Mittsiebzigerin, die bei Wind und Wetter ein Mal die Woche mit der Gitarre auf dem Rücken pünktlich zum Unterricht erscheint -gestützt auf ihren Rollator.------------------------------MusikschulenMusikschule Fanny Hensel Unterricht in verschiedenen Instrumenten, auch Tanz, Gesang und Ensemblespiel. Turmstraße 75, Tiergarten, Tel. 90 18 33 34 49.Leo Barchard MusikschuleGrößte kommunale Musikschule Europas mit Fachbereichen von Flöte bis Pop. Martin-Buber-Str. 21, Zehlendorf, Tel. 902 99 64 94.Universität der KünsteSeminar Musik für Laien und Liebhaber im Zentralinstitut für Weiterbildung, Beginn Mitte April.Bundesallee 1-12, Wilmersdorf, Tel. 31 85-0.------------------------------Foto: Schon 20 Minuten Üben am Tag können ausreichen, wenn man ein Musikinstrument lernen möchte. Auf die Ernsthaftigkeit kommt es an.