Die Angst, zur kulturellen Provinz zu werden, ist mächtig im Rheinland. Vor allem in der bildenden Kunst traditionell stark mit Kölner Kunstmarkt, Düsseldorfer Akademie, reicher Galerienlandschaft und ausgeprägtem Sammlerwesen wächst nach vielen Berlin-Abwanderungen der Handlungsbedarf. Doch anstatt mit sinnvollen Strukturmaßnahmen die immer noch reiche, in Europa einzigartige Kunstlandschaft zu sichern und zu stärken, sucht die Kulturpolitik ihr Heil in Großereignissen. Kein Wunder also, dass die Museen entlang des Rheins vom Land Nordrhein-Westfalen und seiner Kulturstiftung zu einer bombastisch-ehrgeizigen Ausstellungsserie vereint wurden, die mit ihrem Titel "Global Art Rheinland 2000" internationales Flair und zeitgeistgerechte Dynamik verbreiten soll.Für das Millenniumsprojekt haben die Städte Duisburg, Düsseldorf, Köln und Bonn alte Rivalitäten überwunden; schon wird eine neue rheinische Einigkeit gepriesen, mit der man alten Glanz erhalten und zurückgewinnen will. Dem Jahrhundertpanorama im Museum Ludwig in Köln, wo alle Phasen der Moderne nach dem Trugbild eines gegenseitigen "Dialogs" zwischen den Kunstwelten der Erdteile befragt werden ("Berliner Zeitung" vom 4. Dezember), folgt das Bonner Kunstmuseum mit der Riesenschau "Zeitenwenden". Die Vorbereitung dieser zentralen Ausstellung im rheinischen Kunstrummel war von Streit, Skandalen und Pikanterien begleitet. Erstmals hat hier ein deutsches Museum ein Großprojekt weitgehend aus der Hand gegeben. Die Bonner Stiftung Kunst und Kultur e.V. ist eine "Bürgerinitiative", die Ausstellungen begleitet, finanziert und durch ihren Vorsitzenden Walter Smerling auch kuratieren lässt zuletzt setzte er die Sammlung Grothe im Berliner Gropius-Bau in Szene.Wie schon bei der Berliner Präsentation betreute Smerling die Bonner "Zeitenwenden" zusammen mit Dieter Ronte, dem Direktor des Kunstmuseums Bonn. Smerling ist ein zweifellos begnadeter Organisator mit unerschöpflicher Energie, der wie nur wenige die Sponsorentöpfe der Republik von der Deutschen Bank bis zur Telekom für sich zu gewinnen weiß. In Verruf kam die Bonner Kunststiftung immer wieder dadurch, dass Smerling die eigenen Projekte journalistisch begleitete und seine Filme vor allem dem WDR teuer verkaufte. Für den "Zeitenwenden"-Etat von 7,4 Millionen hat Smerling alle nur denkbaren Kräfte eingebunden, sogar ein prominent besetztes Kuratorium für das Eintreiben von Sponsorengeldern gegründet.Weniger Umsicht zeigten Ronte und Smerling im Umgang mit 33 angesehenen Kuratoren aus aller Welt, die sie 1997 auf dem Petersberg zu einem Konklave versammelten. Die Kuratoren erarbeiteten eine Künstlerliste mit 125 Namen und bestimmten vorausschauend fünf Mitorganisatoren, die aber bald darauf, angeblich aus Geldmangel, von Ronte und Smerling wieder ausgeladen wurden. Der Vorgang sorgte weltweit für Ärger und viele Museumsleute drohten an, "ihre" Künstler zur Absage zu bewegen. Hinzu kamen Unsicherheiten in der Finanzplanung, so dass die Zweifel an der Seriösität und Realisierbarkeit des Unternehmens wuchsen. Der ganze Ärger ist nun vergessen, vor allem dank Jan Hoet, dem unermüdlichen Kunstkämpfer und documenta-Chef von 1992, der in der heiklen Situation einsprang und immerhin 91 der Urliste zur Teilnahme gewinnen konnte.Wer nun mit offenen Augen durch die Ausstellung wandert, zweifelt bald, dass Smerlings unerschütterlich zur Schau getragene Kunstleidenschaft allein eine Lügenmaske für undurchsichtige Geschäfte sein soll. Doch bleibt ein schaler Nachgeschmack davon, wie leichtfertig Ronte den Ruf seines Hauses aufs Spiel gesetzt und die öffentlichen Geldgeber nicht vor Peinlichkeiten bewahrt hat. Die "Zeitenwenden" bieten trotz des eindrucksvollen Resultats kein Schulbeispiel dafür, wie sich die viel gerühmte öffentlich-private Partnerschaft künftig gestalten sollte. Vor allem aber beschädigten Ronte und Smerling durch undurchsichtiges Lavieren ihre eigene Ausstellung, die völlig unerwartet zu einem großartigen Schaufenster der zeitgenössischen Kunst geworden ist.Ronte hat das gesamte Haus leer geräumt und die Sammlung auf Reisen nach Berlin und Japan geschickt, so dass sich die Künstler großzügig in Axel Schultes wunderbar klarer, lichtdurchfluteter Architektur ausbreiten konnten. Kaum je hat eine Ausstellung so schön die an sich schreckliche Erkenntnis illustriert, wie sehr die zeitgenössische Kunst doch von ihrer Inszenierung abhängt. Das Bonner Kunstmuseum untermalt, monumentalisiert, ja schmeichelt der jungen Kunst, wie man es nur selten gesehen hat. Beinahe mehr noch als mit der ständigen Sammlung glänzt es hier als vielleicht schönstes Schatzhaus der Moderne. Rontes und Smerlings Verdienst besteht vor allem darin, hier nicht störend eingegriffen, sondern den Künstlern alle Unterstützung gewährt zu haben.So wurden die "Zeitenwenden" zu einer Art Zwischendocumenta, sie bieten einen sinnlichen Kunstüberblick, sind Erlebnispark ohne Generalthese, musealisiertes Manifest der Augenlust und des ungebrochenen Glaubens an die Strahlkraft der jungen Kunst. Wie aber beurteilt man eine Ausstellung, die bewusst auf alle Fragestellungen verzichtet, die Teilnehmer lediglich einlud, "ihre individuellen Positionen zur Zukunft zum Ausdruck zu bringen"? Die vielköpfige Auswahljury sorgte für große Heterogenität und Individualität der Positionen, so dass Eigenheiten etwa Asiens oder Afrikas ebenso schwer zu charakterisieren sind wie gegenwärtige Strömungen im westlichen Kunstbetrieb. Der einzelne Künstler kommt hier weit besser zur Geltung als etwa in Catherine Davids intellektueller Bußpredigt der documenta 10 oder in Klaus Biesenbachs Ruinenromantik der Berlin Biennale.Am ehesten erinnern die "Zeitenwenden" an Jan Hoets documenta 9. Auch dort gab sich der Intendant zuerst als Freund und Helfer der Künstler und demonstrierte ein mehr emotionales"Zeitenwenden" in Bonn Fortsetzung von Seite 11 ---als argumentierendes Verhältnis zu deren Werken. Rontes und Smerlings haben ihr Nichtkonzept so klar zu Ende geführt, dass man die fehlenden zusammenfassenden Essays nicht vermisst und sich auch nicht an den oft banalen Selbsterklärungen der Künstler im Katalog stört. Nein, man wandelt voller Genuss wie durch einen Lunapark oder eine Modemesse, freut sich über die Zusammenkunft der Kontinente und auch der Generationen, angefangen von einer invaliden Stoffpuppe der greisen Louise Bourgeois oder dem Kuriositätenkabinett der bald neunzigjährigen türkischen Opernsängerin Semiha Berksoy.Es fehlen nicht die internationalen Großkünstler, vertreten durch Georg Baselitz jüngste Sentimentalitäten, Günther Förgs belanglose Farbfelder, Anselm Kiefers neuestes Bleibuchregal oder Rebecca Horns schwebende Betten und automatische Geigen. Auch feiert man ein Wiedersehen mit Gilbert & George, die noch im Rentenalter unerschütterlich ihren Jugendprovokationen nachgehen. Zum hundertsten Mal sieht man die Zahlenspiele von On Kawara und Roman Opalka; andere Abonnenten der Kunstkarawane haben sich etwas Neues ausgedacht, etwa der Erinnerungsmelancholiker Christian Boltanski, der zwei endlos ratternde Nachrichtenticker Papier ausspucken lässt. Manch jüngerer Künstler wirkt dagegen früh vergreist, wenn er wie Andreas Slominski mit seinen altbekannten Tierfallen anreist.Die Müll-Installateure und Kinderzimmer-Ästheten, derzeit vor allem in Berlin in Mode, sind schwach vertreten. Die Requisiten des Neo-Dadaisten und Pseudo-Penners John Bock wirken im edlen Museumsambiente auch fehl am Platz. Ebenso wohltuend ist, dass nur Ayse Erkmen krampfhaft dem Kontext des Ortes nachspürt. Sie lässt rhythmisch eine Aufzugsbühne im Fußboden hoch- und runterfahren: Irritiert ist der Betrachter hier nicht, wie beabsichtigt, von der gestörten Wahrnehmung, sondern von der Tatsache, dass sich ein hymnischer Katalogbeiträger zu solcher Nichtigkeit fand. Andere Künstler bieten freudige Überraschungen, etwa Mike Kelley, der seine Strickdecken verlassen hat und mit Wandbildern und Videoanimationen futuristisch-surrealistische Stadtvisionen entwickelt.Ana Laura Alßez hat ein edel gestaltetes Bordell aufgebaut, Simone Berti einen stilisierten Raketensilo, Carsten Höller einen spirituellen "Psychotank" aus weißem Kunststoff, gefüllt mit einem Solbad. Therapeutisch geht auch Marina Abramovic vor, die stilsicher eine Art Sanatorium in Szene setzt, mit weißen Kitteln, Lichtbank, Kräuterdampf und einer Kupferwanne voller Kamillenblüten. Ronte und Smerling scheuten keinen Aufwand, um ihren Künstlern auch exzentrische und teure Wünsche zu erfüllen. So durfte Pedro Cabrita Reis rohe Mauern in seinem Raum hochziehen, Maurizio Cattelan sogar einen uralten Olivenbaum wie eine Weltesche von der Decke des Treppenhauses herabwachsen lassen.Der einzige gravierende Einwand gegen die Ausstellung ist am Ende, dass sie sich nicht mit dem "Ausblick" im Kunstmuseum auf die Gegenwart begnügte, sondern in der gegenüber liegenden Bundeskunsthalle einen "Rückblick" hinzufügte, der in wenigen dümmlichen Kabinetten durch die Jahrtausende streift und "Zeitenwenden" vor allem der Mediengeschichte nachspürt. Der trotz bedeutender Leihgaben etwa die 25 000 Jahre alte "Venus" von Willendorf aus Wien gründlich misslungene Teil war nicht in der Obhut von Ronte und Smerling, sondern oblag dem Rheinischen Landesmuseum, dessen anstehender Neubau hoffentlich intelligenter inszeniert wird. Völlig offen ist, ob die Rechnung aufgeht und Bonns ehrgeiziger Aufbruch ins neue Jahrhundert auch die Massen ins verwaiste Regierungsviertel zieht.Das Lehmbruck-Museum in Duisburg bevorzugte einen still-konzentrierten Weg im Rahmen von "Global Art 2000". Die eindringlichen "Kulturräume" zeigen nur wenige, klug ausgewählte Künstler seit 1970, die fremde Welten besuchten und sich intensiv mit deren Erscheinungen auseinander setzten. Weit intensiver als auf den Tummelplätzen in Köln und Bonn kommen hier die Kunstdialoge und Probleme zur Sprache.RHEINLAND Global Art 2000 // Köln Museum Ludwig: "Kunstwelten im Dialog", bis 19. März 2000. Der Katalog kostet 68 Mark.Duisburg Wilhelm-Lehmbruck-Museum: "Kulturräume. Skulptur seit 1970", bis 30. Januar 2000. Der Katalog kostet 58 Mark.Bonn Bundeskunsthalle: "Zeitwenden Rückblick", bis 30. April. Kunstmuseum: "Zeitwenden Ausblick", bis 4. Juni. Die Kataloge kosten einzeln je 45, zusammen 79 Mark.Düsseldorf Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: "Das Ich ist etwas Anderes". Von Picasso bis heute, 19. Februar bis 12. Juni 2000. Kunsthalle: "Das fünfte Element Geld oder Kunst Waren Währungen Werte", 28. Januar bis 14. Mai 2000.