Roger Baptists gutturale Stimme wohnt tief in einem gut durchtrainierten Körper. Beides gehört bei diesem Künstler auf magische Art und Weise zusammen. Das werden alle bestätigen, die je Zeuge einer Show des 1966 in Großenhain bei Dresden geborenen Musikers wurden. Dann steht Baptist unter seinem Pseudonym Rummelsnuff auf der Bühne und versucht den maximalen Groove aus seinem Kraftsportler-Körper herauszuholen. Meist gipfelt das in einem gestischen Nach-Vorne-Beugen seines Brustkorbs im Takt seiner Mixtur aus Industrial, EBM-Standards oder auch digitalem Rockabilly. Dabei schießen grimmige Blicke unter der faltig gelegten Stirn in Richtung seines Publikums hervor. Dies reagiert jedoch nicht wirklich erschrocken, sondern grinst höchstens verstohlen und auch ein wenig betört von so viel theatralischer Kantigkeit.Manchmal versetzt der singende Fleischberg auch seine Unterarme in ein rhythmisches Schwenken, gerade so, als zöge er an den Griffen eines unsichtbaren Expanders. Der lustvolle Blick auf den hüpfenden Bizeps des Entertainers wird den Konzertbesuchern dabei nicht besonders schwer gemacht. Denn zum standardisierten Bühnentracht des Rummelsnuff gehört ein durchgeschwitztes, weißgeripptes Unterhemd, amerikanische Dickies-Arbeitshosen und schwere Knobelbecher-Schuhe. Diese Proletkult-Uniform wird lediglich mit Hilfe wechselnder Kopfbedeckungen variiert, etwa einer Matrosenmütze mit einer eigenen Rummel-snuff-Fraktur, einem Bauarbeiterhelm oder einer bizarren, aus Fahrzeugschläuchen gefertigten Gummikappe aus der Werkstatt des Berliner Künstlers Tom Lange.Die Spannbreite der Figuren, die er auf der Bühne verkörpern kann, ist, so hat Baptist erkannt, relativ begrenzt. Doch innerhalb der engen Grenzen des Darstellbaren entfaltet sich jene fantastische Bühnenpräsenz, die diese bisherige Randgestalt zu einer der größten Entdeckungen des laufenden Popjahres werden lässt. Mit dem in diesen Tagen beim Hamburger Label What's So Funny About veröffentlichten Debütalbum"Halt Durch!" ist alles möglich. Gleich einigen wenigen Zeitgenossen, wie etwa dem bildenden Künstler Jonathan Meese, fallen auch bei Rummelsnuff in der Außenansicht Körper und Verkörperung ineinander und lassen so die Grenze zwischen Kunst und Leben verschwimmen. Wann brachte die deutschsprachige Indie-Szene zuletzt eine solche Kunstfigur hervor? Wann wurde mit so großem Wagemut solches - mit so viel Peinlichkeit vermintes, unabgesichertes - ästhetisches Neuland betreten?Trotz aller halsbrecherischer Manöver ist die Botschaft des Rummelkapitäns klar: Zu elektronisch generierter Stampfmusik wird hier semantische Schwerstarbeit verrichtet. Denn Baptists Bühnenmaloche findet vor allem auf der Zeichenebene statt, berserkerhaft hämmert er sich durch den Steinbruch, in dem vor ihm auch schon Leute wie Hans Albers ackerten.Doch über eine Nullerjahre-Neuauflage des Blonden Hans geht die Kunstfigur des Rummelsnuff weit hinaus. In seinem Bühnen-Ego repräsentiert Baptist nicht weniger als die Schnittmenge aus so unterschiedlichen Quellen wie den Comicfiguren Hulk und Popeye, dem DDR-Bestarbeiter Adolf Hennecke oder den Maschinenraum-Outcasts aus Wolfgang Petersens Buchheim-Verfilmung von "Das Boot". Dies alles ist grundiert mit dem Körperkult einer schwulen Subkultur, wie sie sich etwa jedes Wochenende in Clubs wie dem Berliner Berghain zum oberhemdenfreien Feiern versammelt. Hatten wir schon erwähnt, dass mitunter auch Baptist ebendort - selbst in tiefstem Winter mit Muscle-Shirt - als gestrenger Einlasser an der Pforte des Berghain-Subraums "Laboratory" agiert?Für Kritiker ist er der blanke Horror. Als rücksichtsloser Thesenrenegat beschwört er Ernst-Jünger-mäßig bacchantische Feststimmung in einer abgeschiedenen Männerkult- Bergdorf-Idylle ("Das Fest", auf MySpace), huldigt den Pop-Ikonen Devo mit einer Interpretation von deren "Mongoloid", scheut sich nicht vor abgegriffenen Industrial-Standards ("Lauchhammer") oder bringt balladesk-schunkelnd ziemlich abgehangene Existenzialismen unter die Leute ("Halt durch!"). Wie bei aller großen Kunst lautet die Devise: Lieben - oder hassen und die Finger davon lassen. Denn bevor man sich versieht, hat der Rummelkäpten einen in seinen Schwitzkasten genommen und lässt einfach nicht mehr los. Als Meister der Übertreibung weiß er, dass man lieber mehr als weniger Botenstoff auf die ausgedörrten Synapsen der Zuhörer und Zuschauer zu träufeln hat, um in jeder Hinsicht heftige Reaktionen auszulösen.Rummelsnuff: Halt durch! (What's So Funny About/Indigo); Record Release: am Freitag, 4. 4., 22 Uhr, im Berghain------------------------------Der Blonde Hans, Hulk, Popeye und Adolf Hennecke: Sie alle kommen in der Kunstfigur des Rummelsnuff zusammen.------------------------------Foto: Hans Albers ist jetzt schwul und kommt aus Dresden: Rummelsnuff.