Wie wird künftig in Berlin, der Stadt, in der der Holocaust geplant und organisiert wurde, über den Antisemitismus gelehrt und geforscht? Die Antwort auf diese Frage hängt ganz stark von Personen ab. Zwei Jahrzehnte lang leitete der Historiker Wolfgang Benz das 1982 gegründete Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität (TU) Berlin. Er hat das Zentrum entscheidend geprägt, war unermüdlich öffentlich tätig, löste zuletzt gar einen heftigen Streit aus. Nun geht er mit 69 Jahren in den Ruhestand und wird am 21. Oktober mit einer Feierstunde verabschiedet. Ihm folgt als Leiterin die Hamburger Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, wie ihr bisheriges Institut in Hamburg jetzt bestätigt hat. Voraussichtlich im April 2011 wird sie ihr Amt antreten."Wer kommt nach Wolfgang Benz?" - darum hatte es monatelange Auseinandersetzungen gegeben, an denen unter anderem Historiker und Publizisten beteiligt waren. Dahinter stand vor allem die Frage, was nach Benz kommt. Welche Richtung soll das europäisch einzigartige Zentrum für Antisemitismusforschung einschlagen? Der Streit entbrannte offen, als Benz sich öffentlich in die Islam-Debatte mischte, zuletzt in die Diskussion um das Buch Thilo Sarrazins. Kritiker warfen ihm Verharmlosung des Holocaust vor. Bereits 2008 hatte sein Zentrum eine Konferenz "Feindbild Islam - Feindbild Jude" veranstaltet, die scharfe Reaktionen auslöste. Anfang 2010 vertrat Benz im Zusammenhang mit dem Schweizer Minarettstreit die These, Antisemiten und manche "Islamkritiker" arbeiteten "mit ähnlichen Mitteln an ihrem Feindbild". Der ehemalige israelische Oberrabbiner, Israel Meir Lau, sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Verhalten gegenüber Juden vor und während des Holocaust in irgendeiner Weise gegenüber den Muslimen wiederholen könnte". Benz verteidigte sich unter anderem in der Berliner Zeitung vom 25. Januar 2010 gegen die Vorwürfe, er verharmlose das, was der Grundgegenstand seines eigenen Institutes ist: den Antisemitismus.All die öffentlichen Aktivitäten von Wolfgang Benz resultieren aus der Erweiterung der Antisemitismusforschung zur einer Art allgemeiner Vorurteilsforschung. "Der Antisemitismus kann aufgrund seiner langen Existenz und seiner vielfältigen Erscheinungsweisen als das Paradigma für die Erforschung von sozialen Vorurteilen und Gruppenkonflikten gelten", heißt es in einer Selbstdarstellung des ZfA. Mit den heutigen Wanderungsbewegungen wiederholten sich strukturell viele Konflikte, "die wir aus der Geschichte des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden kennen".Der Streit um Benz bekam dem Ruf des Berliner Zentrums nicht gut. Die TU Berlin, bei der es angesiedelt ist, musste peinliche Fragen über sich ergehen lassen. Nun steht ein Neuanfang bevor. Sie werde "dem Leuchtturm wieder zu seiner alten Strahlkraft verhelfen müssen", schrieb ein Autor über Stefanie Schüler-Springorum, die Nachfolgerin Benz'. Die 48-jährige Historikerin gibt dazu Hoffnung. Sie leitet nicht nur seit fast zehn Jahren das Institut für Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) in Hamburg. Dieses war 1966 das erste Institut in Deutschland, das sich ausschließlich der deutsch-jüdischen Geschichte widmete. Sie sitzt auch der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des renommierten Leo-Baeck-Instituts vor. Und in Berlin bereitete sie schon 1994/95 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Topographie des Terrors die Ausstellung "Jüdische Geschichte in Berlin" mit vor.Schüler-Springorum ist Historikerin mit Leib und Seele. Ihr Interesse gilt der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts - nicht allein der Deutschen und Juden. Es sind Geschichten von Krieg und Gewalt, von Zivilcourage und Widerstand. Dafür stehen ihre Forschungen über die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg oder über Hans Litten, den legendären Anwalt der Weimarer Republik. Doch bei all dem hat sie auch etwas, das sie ganz besonders interessiert: die Perspektive der Geschlechter. Sie schrieb unter anderem eine deutsch-jüdische Geschlechtergeschichte. Man darf gespannt sein, welche Impulse sie dem Berliner Zentrum geben wird. Vor allem: was mit seiner bisherigen Ausrichtung passiert.Wie wird die neue Leiterin den Auftrag des Berliner Zentrums umsetzen? Denn im Kern geht es ja um die Erforschung des Antisemitismus, der mit seinen Folgen eine singuläre Erscheinung ist. Wird sie Benz' Ansatz einer erweiterten Vorurteilsforschung, die Vergleiche mit der Islamfeindlichkeit fortführen? Oder wird das Zentrum künftig stärker und ganz bewusst auch auf aktuelle Ausbrüche des Judenhasses, etwa unter europäischen Moslems, reagieren? So etwas tut es - glaubt man den Vorwürfen - zur Zeit kaum. Mit missverständlichen Vergleichen ist Stefanie Schüler-Springorum jedenfalls bisher nicht aufgetreten.------------------------------Foto: Stefanie Schüler-Springorum