So wie er da gemächlich mit Bauchvorlage über den Rasen schreitet, sieht er aus wie Onkel Fred aus Zwikkau, der dreimal die Woche seine Stammkneipe besucht. Oder wie Vetter Friedrich, der die zu große Turnhose nur an allzu heißen Sommerabenden aus dem Schrank kramt ­ zum Grillen im Garten. Doch Heinz Weis ist Sportler. Leichtathlet. Einer der besten in Deutschland. Der gegenwärtig weltbeste Hammerwerfer überhaupt. Bei den 97. Deutschen Meisterschaften am Sonntag in Frankfurt/Main sorgte der 120-Kilo-Mann (bei einer Körpergröße von 1,93 Metern) für das herausragende Ergebnis. Er schleuderte den Eisenball auf 83,04 Meter. Platz eins in der Jahres-Weltbestenliste. Zugleich der weiteste Hammerflug seit den 84,62 Metern des Weißrussen Igor Astpakowitsch im Juni 1992. Den neun Jahre alten deutschen Rekord des Chemnitzers Ralf Haber verfehlte er nur um 36 Zentimeter.Heinz Weis, der eigentlich Heinrich heißt, wird Mitte Juli 34. Mehr als die Hälfte seiner Lebensjahre drehte er sich im Ring. Mit 15 kam er auf 41,62 Meter. Jetzt doppelt so weit. "Wenn sich die Tendenz so fortsetzt, nicht auszudenken", sagt Weis fast ungläubig. Auch zwei Stunden nach dem "phänomenalen Ereignis" sucht er noch nach Fassung. "So richtig bin ich noch immer nicht wieder bei klarem Bewußtsein." Die Emotionen hätten ihn einfach übermannt. "Daß ein Hammerwerfer auf einer Ehrenrunde mit Standing ovations gefeiert wird, das hat es wohl weltweit noch nicht gegeben." Weis, der Behäbige und sonst so Bedächtigte, sprintete nach dem Superwurf fast im 10,0-Sekunden-Tempo quer über das Rasenfeld des Frankfurter Waldstadions, hüpfte wie ein Springball und animierte die 20 000 Zuschauer im weiten Rund, sich mit ihm zu freuen. Der Aufforderung hätte es gar nicht bedurft. Die Leichtathletik-Fans waren auch so begeistert von dem untersetzten Athleten im Locker-Look, der gar nicht, aber auch so gar nicht, ins Bild der durchgestylten Sportwelt der 90er Jahre paßt.Weis hatte seine Serie dramaturgisch gut aufgebaut. Das beste kam zum Schluß. "Heinz wollte uns wohl zeigen, wie wichtig der fünfte und sechste Versuch im Wettkampf sind", so der spaßig-ernste Kommentar von DLV-Sportwart Nickel zur Gala-Vorstellung des Hammerwerfers. Dieser nämlich hatte mit Vehemenz die Neuerung beim Europacup in München eine Woche zuvor kritisiert, die den Aktiven in den Wurfdisziplinen sowie im Weit- und Dreisprung nur noch vier statt sechs Versuche zubilligte. Diktiert vom Fernsehen, und möglichst immer zack, zack. Weis bleibt bei seinem Standpunkt: "Seit zwanzig Jahren habe ich den Rhythmus mit sechs Durchgängen verinnerlicht. Die Wettbewerbe werden nicht interessanter, indem man sie verkürzt." Der "unglaubliche Beifall" im Stadionrund gerade am Ende bestätige seine Auffassung.Weis, der dreimal an den Olympischen Spielen teilnahm und dabei immer den Endkampf erreichte, der 1991 bei den Welttitelkämpfen in Tokio und 1994 bei den Europameisterschaften in Helsinki jeweils Bronze gewann, hat dem sportlichen Erfolg in späten Jahren alles untergeordnet. Mit der Konsequenz, daß er kaum mal mehr als fünf Tage im Monat zu Hause bei Ehefrau Annegret und dem Töchterchen verbringt. Die restliche Zeit trainiert er in Zürich und Luzern. Dort, wohin es auch den früheren DDR-Trainer Bernhard Riedel verschlagen hat, der einst den Dresdner Gunther Rodehau in die Weltspitze führte. Riedel hatte nach der politischen Wende im Osten keine Verwendung mehr im deutschen Sport gefunden und arbeitet gegenwärtig im Auftrag der LG Zürich und des Schweizer Leichtathletik-Verbandes.Als Heinz Weis nach dem plötzlichen Tod seines bisherigen Trainers Rudolf Hars im Frühjahr 1996 allein dastand, suchte er notgedrungen nach einer Alternative. Aus dem Notfall wurde ein Glücksfall. "In der Schweiz herrscht eine ganz andere Mentalität. Persönlich und sportlich bin ich dort ganz wesentlich gereift", sagt der Hammerwerfer, der plötzlich neben Lars Riedel und Astrid Kumbernuss die Goldhoffnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bei der WM im August in Athen ist. Die Organisatoren des Sportfestes in Königs Wusterhausen am 23. August reiben sich schon die Hände. Heinz Weis hat für das Meeting im Vorfeld des ISTAF (26. August) bereits fest zugesagt. Als Weltmeister wäre er die richtige Zugnummer.