Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus hat am Mittwoch eine Broschüre vorgelegt mit einem schrecklich umständlichen Titel: „Terroranschläge in Paris gegen Juden und ‚Kreuzfahrer‘ – Der antisemitische Djihad als ‚Holy World War‘“ (zu erhalten gegen eine kleine Schutzgebühr vom JFDA). Der Autor Berndt Georg Thamm schreibt seit Jahrzehnten über den internationalen Terrorismus.

Sein neues Buch möchte daran erinnern, dass es falsch wäre, die islamistischen Terroranschläge der letzten Jahre ausschließlich als Angriffe auf „unsere westlichen Werte“ zu sehen. Das sind sie auch. Zu den zentralen Forderungen aller muslimischer Terrororganisationen gehört aber immer auch der Kampf gegen den Staat Israel und gegen Juden. Das als Kollateralschäden zu betrachten, geht an dem Selbstverständnis der Terrorgruppen völlig vorbei. Für sie ist die Beseitigung des Staates Israel, die Tötung von Juden elementarer Bestandteil ihres Verständnisses von Dschihad.

IS will Auslöschung Israels

Thamm erinnert daran, dass die Gruppe Islamischer Staat (IS) ursprünglich als Islamischer Staat im Irak und in der Levante signierte. Damit wurde die Abschaffung nicht nur der bisherigen arabischen Staaten, sondern auch die Israels propagiert. An diesem Ziel hat sich nichts geändert. Die Ausweitung der Aktivitäten des IS und anderer terroristischer Gruppen lässt Thamm von einem „Heiligen Weltkrieg“ sprechen, der die regionalen Auseinandersetzungen nur noch als Etappen des Versuchs der Islamisierung der Welt erscheinen lässt.

Wahrscheinlich macht nicht nur die Möglichkeit der Gewaltausübung, die Tatsache, dass man sein Leben einsetzen kann, den Dschihadismus für viele junge Menschen auch aus Europa – 30.000 Europäer sollen sich derzeit auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen in die Scharen der islamistischen Terroristen einreihen – attraktiv, sondern auch, dass man Teil einer global agierenden Armee, Akteur einer weltpolitischen Auseinandersetzung ist. Thamm weist darauf hin, dass die Kraft der Ideologie bei der Gewinnung und Mobilisierung von Anhängern gar nicht überschätzt werden kann.

Viele Flüchtlinge anfällig für antisemitische Parolen

Darum wäre es verhängnisvoll, man würde die Abwehr der terroristischen Gefahr seitens islamistischer Gruppen allein den Sicherheitsorganen überlassen. Die können unmöglich mit zahlreichen miteinander kaum verbundenen Klein- und Kleinstgruppen fertig werden. Der Dschihadismus ist längst nicht mehr nur das Werk gut ausgebildeter Männer, die hoch komplizierte Anschläge wie etwa die vom 11. September 2001 ausführen.

Es gibt heute Handbücher für den Alltags-Terrorismus, für Aktionen also, die sich ohne große Vorbereitung von nahezu jedem, der bereit dafür ist, durchführen lassen. Das sind nicht 120- bis 150-seitige Pamphlete wie die älteren Leser sie aus dem Terrorismus etwa der lateinamerikanischen Stadtguerilla der 60er-Jahre in Erinnerung haben. Sondern zum Beispiel auch ein mehr als 1000 Seiten umfassendes Werk, das offenbar mit großer Liebe zum Detail den Auftrag ausspinnt, den IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani im September 2014 potenziellen Einzeltätern erteilte: „Tötet sie [die Ungläubigen) wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit dem Messer, überfahrt sie mit dem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie.“

Kein ausgebildeter Gotteskrieger wird über das Mittelmeer kommen und riskieren, darin zu ertrinken. Aber unter den Flüchtlingen gibt es viele, die anfällig sind für antisemitische Parolen, viele, die unser Leben abstoßend finden. Wir nehmen sie gerne auf, aber wir dürfen sie nicht allein lassen, sonst werden sie zu einer Gefahr für sich und für uns.