BERLIN, 28. September. "Die wirtschaftliche Situation zwingt uns zu den tiefsten Einschnitten, denen sich Karstadt jemals unterziehen musste", sagte Christoph Achenbach am Dienstag. Der Chef des KarstadtQuelle-Konzerns sprach sogar von einem "historischen Solidarpakt" zwischen Management, Belegschaft, Anteilseignern und Banken, der die Zukunft des Konzerns sichern solle. Die Belegschaft trage die Neuausrichtung und die harte Konsolidierung mit, sagte Achenbach. Dem widersprachen der Gesamtbetriebsrat und Verdi ausdrücklich. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben gegen wesentliche Teile des Sanierungskonzeptes gestimmt. Zu weit gehen ihnen die personellen Konsequenzen. Für den "verbleibenden Warenhausbereich lässt sich eine solide Zukunft nicht erkennen", sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Franziska Wiethold. "Wieder sollen die Mitarbeiter für die Fehler des Managements bezahlen", sagte Wiethold. Sie kündigte Widerstand an.Die Gewerkschaft Verdi befürchtet, dass der Sanierung des KarstadtQuelle-Konzerns bis zu 10 000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden. Zahlen, auf die sich Achenbach am Dienstag nicht festlegen ließ. Allein in den Karstadt Warenhäusern sind nach Angaben der Gewerkschaft 20 000 der heute 45 000 Beschäftigten von Ausgliederung, Verkauf und Personalabbau betroffen. Nachdem bereits die Lebensmittelsparte der Kaufhäuser in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Rewe eingebracht wurde, sollen auch die 130 Restaurants in den Warenhäusern ausgegliedert, 77 kleinere Warenhäuser verkauft und in den verbleibenden 89 Filialen drastisch Personal abgebaut werden. Bei den Versandhändlern Neckermann und Quelle wird mit 1 000 Kündigungen gerechnet, weitere 1 000 Arbeitsplätze sollen ausgelagert werden. Mit der Neuausrichtung des Versandhandels, weg vom dicken Einheitskatalog hin zu Spezialversendern und Online-Verkauf, haben die Arbeitnehmervertreter weniger Probleme. Der Verkauf der Fachgeschäfte wird von der Gewerkschaft mitgetragen, sofern wie geplant Arbeitsplätze und Tarifbindung gesichert werden. Sorgen machen die 77 kleinen Warenhäuser. Diese will Achenbach in eine neue Gesellschaft überführen und rasch an einen Investor veräußern. Für die im Konzern verbleibenden Immobilien erwägt KarstadtQuelle die Ausgliederung in eine gesonderte Gesellschaft, die später zur Kapitalbeschaffung an die Börse gebracht werden soll. Doch wer kauft in Zeiten einer langen Konsumflaute, des Überflusses an Verkaufsflächen Warenhäuser, die meist zunächst modernisiert werden müssen? Branchenkenner sehen in Inland kein Handelsunternehmen, das die 77 Filialen im Paket übernimmt. Nur einzeln könnten sich inländische Wettbewerber für die Rentabelsten interessieren. Blieben also Finanzinvestoren oder ausländische Interessenten, die momentan aber nicht auszumachen sind.Nicht nur Verdi befürchtet, dass die Ausgliederung der Warenhäuser deren Ende einläutet. Als negatives Beispiel gilt die Divaco, ein vor Jahren vom Metro-Konzern gegründetes Unternehmen, in der alle nicht mehr zum Kerngeschäft gezählten Tochtergesellschaften geparkt wurden, um sie später zu verkaufen. Da die juristische Konstruktion für Divaco geschickt gewählt wurde, war die Metro-Bilanz mit einem Schlag um die Problemfälle bereinigt. Der Verkauf der Tochtergesellschaften gelang nur zu Teilen, der Rest starb auf Raten, leise und unbemerkt.Die Krise von KarstadtQuelle hat ihre Ursache nicht nur in schlechter Konsumentenlaune, sondern auch in Managementfehlern. Allein in den ersten neun Monaten 2004 brach der Umsatz um 6,7 Prozent ein, der Konzern rutschte noch tiefer in die roten Zahlen. Auch die Sanierung wird zunächst Geld kosten. Achenbach veranschlagt 1,37 Milliarden Euro. Der Großteil entfällt auf Abschreibungen. Frisches Geld will sich Achenbach über eine Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro beschaffen. Außerdem hofft er in den nächsten zwei Jahren auf Einnahmen von 1,1 Milliarden Euro aus den Unternehmensverkäufen. Schon 2005 soll unter dem Strich wieder ein Gewinn stehen. Die Börse ist beeindruckt. Die Karstadt-Aktie legte am Dienstag zu. Die Aktionäre werden zwar vorerst auf Dividenden verzichten müssen. Die Mitarbeiter aber sollen ohne Lohnausgleich länger arbeiten und auf Urlaubstage verzichten. Das muss jedoch noch verhandelt werden. ------------------------------Das Unternehmen im Überblick // Als Gemischtwarenhaus präsentiert sich der KarstadtQuelle-Konzern derzeit. Das soll sich durch Verkauf und Konzentration ändern. Ein Überblick über die einzelnen Geschäftsfelder:Stationärer Einzelhandel, Umsatzanteil: 45,7 Prozent. Dazu gehören 181 Waren- und Sporthäuser wie Karstadt, Karstadt Sport, Wertheim, Hertie, KaDeWe. 89 große Häuser sollen weiterentwickelt werden. Von den 92 kleineren Häusern werden 77 Filialen - unter dem Namen Karstadt Kompakt gebündelt und verkauft. Das Schicksal von 15 Häusern ist offen. Von den Fachgeschäften sollen SinnLeffers, Wehmeyer, Runners Point, GolfHouse abgestoßen werden. Weitere Fachgeschäfte sind Schaulandt, WOM, LeBuffet.Versandhandel, Umsatzanteil: 52,5 Prozent. Das Segment umfasst den Universalversand von Quelle und Neckermann sowie den Spezialversand von Afibel, Peter Hahn, Bon'A Parte, Hess Natur-Textilien, Madeleine, Walz u.a. Der Konzern will sich auf das Auslandsgeschäft, die lukrativen Spezialversender und den Ausbau des E-Commerce konzentrieren.Dienstleistungen, Umsatzanteil 9,4 Prozent. Touristik: Der 50 Prozent-Anteil an Thomas Cook wird behalten. Immobilien tragen mit 3,8 Prozent am geringsten zum Konzernumsatz bei.Beteiligungen hält der Konzern an der Kaffehaus-Kette Starbucks, Fitnesscentern (Verkauf bei beiden beschlossen) und dem Sportfernsehsender DSF.In Berlin gibt es neun Mal Karstadt, drei Mal Karstadt Sport, zwei Mal Wertheim, je ein Mal Hertie und KaDeWe, zwei Mal SinnLeffers, sechs Mal Runners Point, ein Mal GolfHouse, acht Mal Starbucks und zwölf Mal WOM. Insgesamt sind dort über 8 500 Mitarbeiter beschäftigt.Der Konzern im Internet: www.KarstadtQuelle.com------------------------------Grafik: Umsatz KarstadtQuelle 2003------------------------------Foto (2): Die Mitarbeiter bangen. Bis zu 10 000 von 100 000 sollen gehen. Weniger Karstadt: Konzernchef Christoph Achenbach will das Unternehmen radikal umbauen und sich künftig auf gewinnträchtige Kerngeschäfte konzentrieren.