Handwerk, Vergnügen, Kühnheit Ein Lob auf den Pianisten Boris Berezovsky: Der Virtuose

Löwenpranken - das Wort überkommt viele wie ein unbedingter Reflex, sobald sie über Boris Berezovsky reden. Es ist ja auch enorm, was dieser Mann auf dem Klavier kann, und vielleicht legt diese Leistung - für die er zu Recht gerühmt wird - bei vielen, die ihm zuhören, den Kopf lahm. Reflexe laufen übers Rückenmark, den Umweg übers Gehirn sparen sie sich. Löwenpranken - als sei der Pianist eine dressierte Bestie.Wir treffen uns an einem Winterabend, und er gibt mir seine Hand: Sie ist weich wie die Kehle eines Lamms. Berezovsky steht am Fenster und schaut auf ein Plakat. "Haben Sie das gesehen", fragt er mich, "da drüben, die Appassionata?" Unter dem Namen von Beethovens virtuoser Klaviersonate trabt ein Pferd mit Zierfransenpuschel zwischen den Ohren, Zirkusreklame. "Wofür Musik alles herhalten muss", murmelt Berezovsky. Von der Welt da draußen scheint ihn mehr zu trennen als eine Glasscheibe. Auf dem Tisch liegen die Noten der Préludes von Sergej Rachmaninow. Ich will mit ihm - einem bestechend klugen Rachmaninow-Interpreten - über die Stücke reden. Aber er zeigt sofort auf den Einband: Wassilij Polenows Gemälde "Moskauer Höfchen" von 1878. "Da habe ich früher gewohnt. Das ist genau vor meinem Haus. Alles hat sich heute dort verändert, nur die Kirche steht noch". Berezovsky verließ Russland 1991, ein Jahr nachdem er den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen hatte. Jetzt lebt er mit seiner Frau und seinem Sohn in Brüssel, wenn er nicht durch die Welt reist.Boris Berezovsky ist ein Virtuose. Vor Virtuosen wird in Deutschland gewarnt. "Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen", lautet eine der "Musikalischen Haus- und Lebensregeln" von Robert Schumann. In keiner Sprache der Welt hat das Wort "Virtuose" einen so abfälligen Klang wie bei uns. Ursprünglich bedeutete es Gutes. Virtus - das ist Mannesmut, Tapferkeit, Tugend. Virtuosen waren einst "excellente, edle und berühmte Leute" und zwar "Künstler ingleichen Gelehrte und Poeten". So steht es in Johann Kuhnaus Traktat "Der Musikalische Quack-Salber" von 1700. Bald danach begann die Verfallsgeschichte dieses Worts; mit "Virtuosengeklimper" hat sie ihren Tiefpunkt erreicht. Innerlichkeitsemphase, Technikfeindschaft, Geringschätzung des Körpers - deutsche Art und Kunst. Bis heute gehört dieses Land den "Philosophen am Klavier", nicht den Virtuosen."Virtuosität ist zwielichtig", räumt Berezovsky ein. "Ich halte sie aber für großartig und würde auch nicht mit Leuten diskutieren wollen, die anders denken. Allerdings ist sie für mich zuerst ein Handwerk, ein Überschuss an Know-how, verglichen mit einem Amateur." Virtuosität - ein Handwerk! In der Tat kann man an der Leistung eines solchen Pianisten erst ermessen, was es heißt, dass die Evolution aus Pranken Hände gemacht hat. Wenn Berezovsky die rasante Fantasie "Islamey" von Milij Balakirew spielt, das Pflichtstück beim Tschaikowsky-Wettbewerb, dann ist das eine Feier der Hand, ein Fest des unbeschädigten Menschen, der seiner körperlichen Kraft die schönste Form gegeben hat.Im Eindruck des Unbeschädigten liegt ein Großteil der Anziehungskraft Berezovskys. Die Fertigkeit seiner Hände hat, anders als bei sozial so verkümmerten Künstlern wie Glenn Gould, ihn nicht behindert. Begeistert erzählt er von seinem Sohn: "Ich war mit ihm in Berlin in der Gemäldegalerie. Er ist erst zwei Jahre alt, aber bei den Madonnenbildern streckte er seinen Arm aus, zeigte auf den nackten Jesus und rief ganz laut: Baby! Baby!" Berezovsky, scheinbar ein glückliches Naturell, umschifft die Dilemmata der Virtuosenexistenz: Rollenzwänge, Selbstmaskierungen, krampfartige Bewältigungsversuche der körperlichen und seelischen Belastungen dieses Berufs. Virtuosen, einem steten Überbietungszwang ausgesetzt, neigen zur Ausbildung von Attitüden, machen sich selbst zum Akrobaten oder zum Dämon. Nicht umsonst geistert das "Dies irae" aus der katholischen Totenmesse durch die Selbstporträts komponierender Virtuosen: Franz Liszts "Totentanz", Rachmaninows "Paganini-Rhapsodie". Es sind inszenierte Selbstmorde, kalkulierte Publikumsschocks, zugleich Kompensationen eigener Ängste. Und wer sich weder zirzensisch noch dämonisch geben will, der zeigt sich hart und kalt - wie Alexis Weissenberg in seiner Aufnahme aller Rachmaninow-Préludes von 1969, dem Geburtsjahr Berezovskys.Zu den Dilemmata der Virtuosität gehört auch die ideologische Diskussion um sie. Die Kritiker halten sie für Exhibitionismus, mit dem der Künstler sich zur Ware macht und der Maschinenwelt anverwandelt. Die Kritiker dieser Kritiker verteidigen dagegen in der Virtuosität ein Aufbegehren gegen die Triebunterdrückung durch eine rein geistig begriffene Musik. Von Berezovsky geht nichts Dämonisches, nichts Kaltes aus. Er hat etwas Kameradschaftliches, Besonnenes und scheut das Gerede. Virtuosität ist für ihn Professionalität. Das heißt: einem Notentext so genau wie möglich nachzukommen. Bei dem, was Rachmaninow in größter Klangfülle gleichzeitig an verschiedenen Anschlagsarten verlangt, kommt man da schnell an die Grenzen der Anatomie. Gerade in der Unterordnung unter die Partitur tritt aber Berezovskys Kühnheit erst hervor. Gehorsam ist der Ausdruck seiner Macht, Sorgfalt sein Mittel der Verblüffung, Selbstdisziplin Form der Lust.Ja, Virtuosität hat für ihn auch mit sportlichem Vergnügen zu tun, das gibt er zu. Hört man ihn spielen, merkt man aber: Ihm geht es weniger um die Erhöhung der Anschläge pro Sekunde als um die plastische Ausformung mehrstimmigen Spiels, den Kontrast der Linien - und das alles bei einem Klavierklang, der zwar kraftvoll, aber nie grob sein darf. Berezovskys Gestaltung des Klangs ist auch eher architektonisch als expressiv. Er zielt auf Balance, Schwerpunkte, Resonanzräume, weniger auf Psychologie. Er hat einen untrüglichen Sinn für Proportion und damit eine ganz seltene Begabung zur Monumentalität: Sie wirkt bei ihm nie einschüchternd, herabwürdigend oder hohl, sondern erhebend, befreiend, sinnerfüllt. Man kann sich allerdings schwer vorstellen, dass dieser Mann mit dem zerrissenen Klagegesang in Beethovens vorletzter Klaviersonate zurechtkäme. Auch das "Brevier des Pessimismus", wie Eduard Hanslick die späten Intermezzi seines Freundes Johannes Brahms nannte, dürfte Berezovsky Probleme bereiten. Er ist zu sehr Rhetoriker, als dass er mit dieser öffentlichkeitsscheuen Musik überzeugen könnte.Berezovsky weiß um seine Grenzen. Bachs Goldberg-Variationen liebt er, weicht ihnen aber aus: "Es gibt keine überzeugenden künstlerischen Gründe für mich, diese Musik zu spielen, weil ich immer noch von Glenn Gould überwältigt bin. Es ist wundervolle Musik und unbedingt wert, gespielt zu werden - aber nicht von mir, jedenfalls nicht auf dem Niveau, auf dem ich es jetzt könnte."Ihn interessiert zurzeit anderes: komplexe, aber selten gespielte Musik von Paul Hindemith und von dem Deutsch-Russen Nikolaj Medtner. Und gerade ist (bei Warner) seine neue CD mit Leopold Godowskis Bearbeitungen einiger Etüden von Frédéric Chopin erschienen, eine Überbietung dessen, was Chopin selbst schon den Pianisten abverlangte. In der Bearbeitung der C-Dur-Etüde op. 10 Nr. 1 stürzen die Hände in Gegenbewegung aufeinander zu, und in diese morgenfrische Meeresbrandung mischt sich die Wucht gewaltiger Glockenschläge. Die As-Dur-Etüde op. 25 Nr. 1 ist in Godowskis Fassung ein Gewebe von so verwirrender Vielstimmigkeit wie eine Motette des späten 14. Jahrhunderts. Bei einer ganzen Reihe der Bearbeitungen muss diese Mehrstimmigkeit mit der linken Hand allein bewältigt werden. Godowski, 1870 bei Wilna geboren, 1938 in New York gestorben, schrieb in einem Brief vom Juli 1931: "Meine Musik verlangt ein polyphones Gehirn und Finger, die in der Lage sind, mit diesem Gehirn zusammenzuarbeiten".Berezovsky hat dieses Hirn und diese Hände. "Es ist aufregende Musik", sagt er. "Durch die Transkriptionen habe ich die Originale besser verstanden: etwa die Charaktere der einzelnen Stücke. Auch die linke Hand konnte ich ganz anders entwickeln. Nehmen Sie die Revolutionsetüde: Ich war es gewohnt, die Kaskade links als eindimensionale Linie zu spielen. Sie beginnt immer oben und stürzt dann geradewegs nach unten. Wenn man Godowskis Bearbeitung für die linke Hand allein übt, merkt man, wie viel innere Verdrehungen, Windungen, Biegungen in dieser Linie stecken. Ich bin auf diese Details der Stimmführung vorher nicht aufmerksam geworden. Plötzlich aber merken Sie, was da eigentlich komponiert ist".Im digitalen Zeitalter hat diese Beweglichkeit der Finger etwas Altmodisches. Lebt er nicht in einem Museum der Motorik, der Gefühle und Gedanken? "Nein überhaupt nicht", sagt er. "Ich spiele ja auch viel zeitgenössische Musik: George Crumb, John Adams, György Ligeti oder Musik des Walisers Dafydd Llywelyn. Und ich muss sagen: Was den Erfolg angeht - da sind die modernen Stücke einträglicher. Es ist einfach unglaublich, wie die Leute da reagieren. Das hat damit zu tun, dass ein Großteil der zeitgenössischen Musik sich stark der Pop-Kultur angenähert hat. Ich liebe und bewundere das; doch das, was man Handwerk nennt, steht mir näher. Es ist das, wofür man sich das Verständnis mühsam erwerben muss. Sie brauchen Bildung, Erziehung, müssen bestimmte Techniken lernen, um eine Partitur von Medtner oder Beethoven lesen und verstehen zu können. Aber darin liegt für mich das eigentlich Humane. Ich hänge immer noch an den Tagen, da die Menschen sich mehr mit richtiger Kunst als mit Pop beschäftigt haben."Am nächsten Abend spielt er im Konzert Chopins Revolutionsetüde in Godowskis Bearbeitung für die linke Hand. Seine Rechte legt er auf den Flügeldeckel. Sie bleibt lange ruhig. Dann beginnt sie zu zittern. Neuronenblitze werden ihm jetzt durch Kopf und Rückenmark schießen. "Wenn es aber Segen gibt unter den Menschen, ohne Mühe erscheint er nicht", heißt es in Pindars zwölfter Pythischer Ode, einem antiken Virtuosenlob. Berezovskys Linke steht die Torturen durch, weder schüchtern noch brutal. In der Konzertpause gibt er Autogramme. Ich schiebe ihm seine Rachmaninow-CD zu: "Hier, hab ich gestern vergessen. Manchmal bin ich unprofessionell". Boris Berezovsky grinst halb verschlagen, halb scheu und flüstert: "Ich auch".------------------------------Foto: Boris Berezovsky. "Virtuosität hat für ihn auch mit sportlichem Vergnügen zu tun, das gibt er zu."