KAIRO. Die Fliegen sind lästig. Sie sitzen auf den Köpfen, den Händen, im Dreck. Verscheuchen hilft nur einen kurzen Moment, schon sind sie wieder da. Man entkommt ihnen nicht und ihrem monotonen Summen. Hanna Hartmann scheint sie nicht zu bemerken. Mit einem Lächeln begrüßt die Deutsche eine kleine Frau, die inmitten eines Fliegenschwarms auf einer Bank sitzt und ihr runzeliges Gesicht in die Sonne streckt. Sie sieht ungewöhnlich aus, doch erst beim zweiten Blick fällt auf, warum: Ihr fehlt ein Stück der Nase.Die Frau hat Lepra. Mehrere Zehen, Finger und die Nasenspitze sind abgefallen, weil sie die Krankheit erst spät bemerkte. Seit fast vierzig Jahren, genau weiß sie es nicht mehr, lebt sie im Lepradorf Abou Zaabal am Rande von Kairo. "Draußen fragt niemand nach mir, und Arbeit finde ich nicht, die Menschen jagen mich weg", sagt die Ägypterin. So verbringt sie einen Tag wie den anderen: Sie sitzt in der Sonne, verscheucht die Fliegen, und gelegentlich spricht sie mit den anderen Frauen des Dorfes.Heute aber ist ein besonderer Tag. Der Bus der Deutschen Evangelischen Oberschule aus Kairo ist gekommen. Hanna Hartmann, die Bibliothekarin der Schule, reist mehrmals im Jahr mit Schülern nach Abou Zaabal, um Pakete mit Keksen, Tee, Seife, Handtüchern und Saft an die Bewohner des Lepradorfes zu verteilen. Sie will den vorwiegend aus der reichen Oberschicht Ägyptens oder Deutschlands stammenden Schülern zeigen, wie die andere Seite des Landes aussieht, in dem sie leben. "Sie pendeln zwischen Familie, Schule und Club und wissen nicht, wie privilegiert sie sind", sagt sie. Es sei ihr wichtig, dass ihre Schüler mit eigenen Augen sehen, wie Menschen in ärmeren Verhältnissen leben. Und auch, dass man ihnen helfen kann: "Diese Ausflüge fördern das Engagement vieler Schüler. Erst sind sie erschüttert, doch dann setzt bei vielen das Umdenken ein."Hanna Hartmann lebt seit 1982 in Ägypten. Die heute 60-jährige Niedersächsin zog der Liebe wegen nach Kairo: Sie folgte ihrem Mann in seine Heimat, zog zwei Söhne groß und arbeitete vormittags in der Schulbibliothek. Doch die innere Unruhe ließ sie nicht los. Während sie in ihrer schönen Wohnung in Kairo saß, mit Dienstmädchen und Putzfrau, hungerten auf den Dörfern Menschen und litten an Krankheiten. Die Armut ihres neuen Heimatlandes bedrückte sie.Also gründete sie vor 15 Jahren ein Sozialkomitee an ihrer Schule. Zusammen mit den Schülern sammelt sie seither Spenden, organisiert Wohltätigkeitsaktionen und regelmäßige Besuche in Waisenhäusern und einem psychiatrischen Krankenhaus. Nach Abou Zaabal kam sie 1998 zum ersten Mal. Sie erinnert sich, wie die Einwohner in armseligen Hütten auf dem Boden schliefen, verdreckt, halb verhungert. Die Menschen stürzten sich wie Tiere auf sie, als sie mit den Spenden ankam. "Als ich abends wieder zu Hause war, habe ich eine halbe Stunde geduscht. Nachts hatte ich Albträume", sagt sie.Heute leben knapp viertausend Menschen in Abou Zaabal, 650 von ihnen auf der von einer hohen, sandfarbenen Mauer umgebenen Krankenstation, die Geheilten und ihre Familien im angeschlossenen Dorf. Die Kranken wohnen in Häusern aus rotem Backstein mit blauen Fensterrahmen, meist zu viert in einem Zimmer. Sie schlafen in Betten, haben Duschen, Toiletten und Waschmaschinen, bekommen zu essen und werden mit Medikamenten versorgt. Die Spenden, die Hanna Hartmann unermüdlich sammelt, kommen an.Ausgerottet ist die "Strafe Gottes", die Krankheit der Aussätzigen, noch lange nicht, und nicht nur in Ägypten. Vor allem in Indien, Südamerika und Afrika geht die Lepra noch um, aber auch in Spanien und Rumänien. Nur aus dem Bewusstsein vieler Menschen ist sie verschwunden, weil die Infizierten in isolierten Dörfern untergebracht sind, erzählt Hartmann.Viele in Abou Zaabal wollen nicht über ihre Krankheit reden. Sie mussten sich lange verstecken, haben sich ihrer Krankheit geschämt, sind weggejagt und als Aussätzige beschimpft worden. Eine Alternative zum Lepradorf gibt es für sie nicht, selbst wenn sie geheilt sind. Zu groß sind die Vorbehalte ihrer Mitmenschen. Abou Zaabal ist für viele die Endstation ihres Lebens, auch für die meisten der Kinder, die hier geboren werden. Ihr Stigma werden sie nie wieder los.Hoffnung für die TochterHanna Hartmann versucht, ihnen das Leben angenehmer zu machen. Geschäftig läuft sie zwischen den Leprakranken und ihren Schülern hin und her, verteilt Seife und Handtücher, passt auf, dass jeder Kranke nur eine Tüte mit Lebensmitteln bekommt. Mit einem blauen Handtuch tupft sie sich den Schweiß aus dem Nacken und den rötlich-blonden Haaren. Ihre Hände sind ständig in Bewegung, die Augen auch. Auf der Frauenstation bleibt sie bei einer jungen Frau stehen, die ein kleines Mädchen auf dem Arm hält. Sie unterhalten sich leise, Hanna Hartmann streicht ihr ermutigend über den Rücken. "Doaa lebt seit zehn Jahren hier", erzählt sie. "Sie hatte studiert, dann brach die Krankheit aus. Sie hoffe, dass ihre Tochter hier rauskommt, wenn sie erwachsen ist, sagt sie."Die Straße, die von Abou Zaabal nach Kairo führt, ist eine sandige Schotterpiste, die später in Asphalt übergeht. Als der Bus durch die Schlaglöcher rumpelt und das Lepradorf hinter der Kurve aus dem Blickfeld verschwindet, ist die karge Landschaft menschenleer. Erst nach mehreren Kilometern tauchen wieder Häuser und Menschen auf. Es ist, als gäbe es eine unsichtbare Grenze zwischen dem Lepradorf und der "normalen" Welt.Eine Stunde später sitzt Hanna Hartmann mit einigen Schülern in der Bibliothek der Schule zusammen und bespricht die Erlebnisse. Die 16-jährige Jasmin sagt, sie wisse erst jetzt, wie gut es ihr eigentlich geht: "Der Unterschied zu unserem Leben ist riesig." Hanna Hartmann freut sich über die Worte. "Ich habe viel Glück im Leben gehabt", sagt sie, "es ist schön, davon etwas weiterzugeben." Mit ihrem Sozialkomitee betreut sie weitere Projekte in Ägypten: eine Armenschule in Oberägypten, eine Behindertenschule in Gizah.Die Deutsche erzählt von einer ehemaligen Schülerin, die vor einigen Jahren bei ihr im Sozialkomitee war. Sie studiert jetzt und rief kürzlich an, weil sie ein Hilfsprojekt gründen möchte und Rat braucht. "Bei manchen Schülern trägt meine Arbeit Früchte", sagt Hanna Hartmann. Ihr Lachen klingt zufrieden. Und ein bisschen stolz.------------------------------Lepra ist heilbarLepra - in früheren Jahrhunderten auch "Aussatz" genannt - ist eine Infektionskrankheit. Die Ansteckung erfolgt vermutlich durch Tröpfcheninfektion. Dafür bedarf es eines langfristigen Kontakts mit einem Infizierten.Die Inkubationszeit kann Jahrzehnte dauern. Nur ein bis zehn Prozent der Infizierten erkranken jedoch an Lepra, und nur drei bis zehn Prozent können die Krankheit weitergeben.Vier Millionen Personen leiden heute weltweit an der Lepra und ihren Folgen.Die Sterberate ist vergleichsweise gering. Mit Medikamenten ist Lepra heilbar.------------------------------Foto: Hanna Hartmann (r.) im Lepradorf Abou Zaabal.