Der Abend des 28. Oktober 1964. Günter Gaus interviewt Hannah Arendt. Sie korrigiert ihn von der ersten Frage an. Nein, sie sei keine Philosophin: "Mein Beruf - wenn man davon überhaupt noch sprechen kann - ist politische Theorie". Günter Gaus, der klarste, kühlste, intellektuellste Kopf des bundesrepublikanischen Journalismus wirkte nach wenigen Minuten wie ein schlecht vorbereiteter Schüler im Examen. Er fiel durch. Mit ihm meine Lehrer, alle, die ich kannte und natürlich auch ich, der ich kaum eine Zeile von Hannah Arendt gelesen hatte, aber - bei aller mit jedem Schritt zu Tage tretender Unsicherheit - doch bis zu diesem Augenblick prinzipiell so sehr von meiner Überlegenheit allem und jedem gegenüber überzeugt war wie es nur ein Achtzehnjähriger sein kann.Noch niemals hatte ich jemanden gesehen, der auch nur annähernd so intelligent war und vor allem so lustvoll Gebrauch von seiner Intelligenz machte wie diese wie ein Schlot rauchende Frau mit ihrer dicken Brille in dem fleischigen Gesicht. Ich weiß nicht mehr, wann es passierte. Aber schon nach wenigen Minuten dieses Interviews hatte ich mich in Hannah Arendt verliebt. Ich wollte sein wie sie, und ich wollte, da sie selbst zu haben ein unerfüllbarer Traum war, wenigstens eine Frau finden wie sie. Beides zusammen geht nicht. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich das verstand.Ich stürzte mich auf "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Hier las ich das erste Mal das Wort "Imperialismus". "Stalinismus" war in meiner Welt allenfalls ein Schimpfwort gewesen, ganz bestimmt kein Begriff. Auch vom Dreyfus-Prozess hörte ich hier das erste Mal. Was Zionismus bedeutete, erfuhr ich von Hannah Arendt. Ein, zwei Jahre lang sah ich die Welt mit Hannah Arendts Augen. Noch einmal zwei Jahre später war 1968. Bald danach hatte ich Hannah Arendt so weit vergessen, dass ich mich einer marxistisch-leninistischen Gruppe anschloss. Eineinhalb Jahre später half mir u.a. die erneute Lektüre von Hannah Arendt wieder hinaus.In ihrem Buch "Über die Revolution" ist die amerikanische die einzig geglückte Revolution. Thomas Jefferson, der in unseren Geschichtsbüchern allenfalls am Rande vorkam, rückte bei ihr an eine der zentralen Stellen nicht nur der Geschichte, sondern auch der politischen Theorie. Hannah Arendt machte eine ganze Generation vertraut mit der Idee, dass die USA nicht eine kulturell minderwertige Kopie Europas sind, sondern ein Land, das seit zwei Jahrhunderten nicht nur europäische Geschichte, sondern auch die Reflexion über sie geprägt hat. Man kann sich heute nur schwer eine Vorstellung machen von dem noch in den sechziger Jahre kultivierten Grad an Hochnäsigkeit europäischer Intellektueller gegen-über den USA. Hannah Arendt lieferte da ein leider viel zu langsam einsickerndes Gegengift. Sie war, das wird heute gerne vergessen, nicht nur Schülerin von Martin Heidegger und Karl Jaspers, Exegetin von Platon, Augustin und Kant, Biografin von Rahel Varnhagen, sondern sie war auch sehr bewusst Amerikanerin. Amerika hatte ihr nicht nur das Leben gerettet, Amerika hatte ihr Denken verändert. Sie maß die Vereinigten Staaten nicht nur an ihren Vorstellungen, sondern sie war auch bereit, ihre Auffassungen von der Realität der Demokratie in Amerika widerlegen zu lassen.Wer über Hannah Arendt spricht, der spricht auch über ihre Ansichten zum Judentum. Sie arbeitete Jahre lang in zionistischen Organisationen. Angesichts der Palästinenser war für sie ein Staat Israel aber nur denkbar als eine Föderation. Hannah Arendt war sich sicher, dass Israel nur dann eine Existenzberechtigung und eine Zukunft habe, wenn es zu einem Kompromiss mit den Palästinensern bereit und in der Lage wäre. Das war damals keine exotische Minderheitenposition, sondern Arendts Einschätzung teilten unter anderen der erste Rektor der jüdischen Universität von Jerusalem J. L. Magnes und Martin Buber, einer der großen Erneuerer des Judentums im 20. Jahrhundert. Wer ihre Arbeiten aus jenen Jahren heute liest, der erschrickt darüber, wie genau man schon damals die Falle hat sehen können, in der heute noch der Staat Israel steckt. Viel von der Aufregung über ihren Bericht über den Eichmann-Prozess speiste sich wohl auch aus diesen schon damals fast zwanzig Jahre zurückliegenden Kontroversen.Als ich mich 1964 in Hannah Arendt verliebte, da wusste ich nicht, in welch einer illustren Reihe von Liebhabern - Heidegger, Jaspers, Jonas, Anders - ich mich da befand. Bei ihr erfuhr ich, welch einen unwiderstehlichen Sex-Appeal der Geist, der Verstand, die Intelligenz, das Argument entfalten können, wenn sie frei und selbstständig sind, wenn sie sich nicht auf eine Doktrin, eine Tradition, eine Macht stützen. Wenn sie gepaart sind mit Mut und Kraft, mit Stolz und Beharrlichkeit. Ein Achtzehnjähriger weiß nicht, welchem Charme er erliegt, aber ihm erliegend erfährt er, dass seine Sexualorgane, so gefährlich autonom sie ihre Wünsche einklagen, doch erst wirklich erregt werden über das Gehirn und dass er auf ein Gutteil des Glücks, das diese Welt ihm bietet, verzichtet, wenn er es ausschaltet.Natürlich hat er es wieder und wieder ausgeschaltet. Aber jetzt an ihrem einhundertsten Geburtstag denkt er an diese erste Frau, die ihm zeigte, dass Intelligenz, wache, helle, souveräne Intelligenz schön macht, jedenfalls begehrenswert und erotisch und schämt sich für all die Male, da er sie verriet, als er statt nachzufragen nachplapperte. Von ihr hätte er lernen können, dass man dumm wird, wenn man sich gegen die Argumente seiner Feinde stärker wappnet als gegen die seiner Freunde. Es wird keine politische Reflexion geben im 21. Jahrhundert, die nicht in die Schule geht bei der strengen, tapferen Lehrerin Hannah Arendt.------------------------------Amerika hatte Hannah Arendt nicht nur das Leben gerettet, Amerika hatte ihr Denken verändert.------------------------------Foto : Mein Beruf ist politische Theorie. Hannah Arendt (1906-1975).