Die Hackeschen Höfe in Berlin- Mitte kennt jeder. Ist vom Kunsthof in der Oranienburger Straße Nr. 27 die Rede, wissen meist nur Eingeweihte Bescheid. Dabei hat dieser Hof in der Mitte eine wunderschöne alte Kastanie, darunter Skulpturen. Und es ist außerdem ein aufwändig restauriertes klassizistisches Ensemble von 1840, damit Vorzeigeobjekt für bürgerliches Leben der Schinkelzeit. Leute, die dort leben - und die Wohnqualität mitten in der lebhaftesten Erlebnismeile der Stadt zu schätzen wissen - lieben den Hof. Aber es fehlen zahlende Besucher der Galerien und Kunstläden.Die ziehen nacheinander weg, weil die Kunsthändler und Ladenbesitzer an der sporadischen und lustlosen Kundschaft mürbe werden. Mehr als ein Dutzend Galerien und Läden sind seit Ende der Neunziger weggezogen, etliche sind Pleite gegangen. Der Leerstand seither überzieht das schöne Areal unverdient mit Melancholie. Dabei gibt es hier helle und auch noch bezahlbare Ateliers, die beliebte "Hofbäckerin", eine exzellente Hutmacherin. Und vorne, an der turbulenten Oranienburger, gleich neben der Großen Synagoge, das originelle, meist proppenvolle Café Silberstein.Eigentlich ist der Kunstort dahinter doch ideal. Und für ein Ideal war er ja auch entstanden: Oben Ateliers als Produktionsstätten für Kunst und Kunsthandwerk aus Berlin, unten, in den Galerien und Läden, wird verkauft. Außerdem gibt es viel Platz für Veranstaltungen, Podien, kulturelle Zusammenkünfte. Aber die Idee blieb leider im Ansatz stecken. Dem vor sich hin dösenden Kunsthof fehlt bislang das markante Profil - eine besondere Attraktivität eben, die aus der Elegie herausreißt, magnetisch wirkt - auf Einheimische wie auf Fremde.Schon lange denkt der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach, der Enkel des deutschen Bildhauers Ernst Barlach, über ein Konzept nach, das dieses Schattendasein beenden könnte. Er hatte das Projekt nach der Wende zusammen mit Ull Eisel und viel Enthusiasmus gegründet. Dann aber kam es so, erzählt Hans Barlach ein wenig spöttisch, dass die Künstlerateliers, von denen sich die Gründer eine Menge Impulse für das kreative, produktive und geschäftliche "Hofleben" versprochen hatten, eher von den Berlin-seligen Müttern der jungen Künstler bewohnt wurden. Das brachte den Galerien kaum Synergien.Hans Barlach, der im Vorstand der Barlach-Stiftung Güstrow arbeitet, in jüngster Vergangenheit Zeit und Energien auf den viel Streit verursachenden Anteilserwerb am Suhrkamp-Verlag verwendete, ist nun wieder aktiv zum Thema Kunsthof und dessen Zukunft zurückgekehrt; er meint so energisch wie zuversichtlich: "Schluss mit dem Schattendasein!"Seine Idee, auf dem Kunsthof ein Skulpturenmuseum zu etablieren - mit Barlach- und Rodin-Klassikern - und mit zeitgenössischen Skulpturen etwa von Baselitz, Lüpertz, Kiefer, Meese, hat etwas. Mag es in Berlin inzwischen fast nichts mehr geben, was es nicht gibt - ein Skulpturenmuseum der Klassischen Moderne und der Gegenwart gibt es noch nicht.Um das Projekt in Kooperation mit der Berliner Bildgießerei Noack umzusetzen und - wie Hans Barlach hofft - im Kunstherbst 2008 auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche eröffnen zu können, sind einige Umbauten in dem denkmalgeschützten Hof nötig. Der Hof müsste zur Krausnickstraße hin geöffnet werden. Diesen Eingriff, vor allem ins Kopfsteinpflaster, sieht der Baustadtrat des Bezirks Mitte Ephraim Gothe, der ansonsten begeistert von der Idee Hans Barlachs ist, mit weniger Bedenken als die vorgesehenen Arbeiten an der Hof-Fassade. Sie wären nötig, um den Eingangsbereich größer und damit attraktiver zu gestalten. Mit dem Umbau ist das Architektenbüro Baller beauftragt, diesem nun werfen Kritiker vor, schon die historischen Rosenhöfe zu einer allzu verspielten Hoflandschaft verfremdet zu haben. Zudem argumentiert Gote, die Sanierung zwischen 1996 und 1999 habe den Städtebaulichen Denkmalschutz viel Geld gekostet.Noch stehen die Zusagen der Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer und der Denkmalschutzbehörde aus. Hans Barlach ist zuversichtlich. Sein Plan ist sympathisch, sollte er also an Fassaden- oder Pflastersteinen scheitern?------------------------------Foto ( 2 ) :Idylle mit Kastanie: ein Paradebeispiel klassizistischer Architektur und bürgerlichen Lebens in der Schinkel-Zeit. Das Areal an der Oranienburger bietet alles, was ein zeitgenössischer Hof für Kunst und urbanen Alltag braucht.Ist Ernst Barlachs "Singender Mann" ein Aufbruchssignal für den Kunsthof?

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