Hans-Gerd Pyka erforscht die Abgründe der Neuköllner Seele: Kümmere dir um du

Dieser Roman zieht den Leser mit sanftem, unwiderstehlichem Sog hinab ins Neukölln der Siebziger Jahre. Da tauchen mit einem einzigen Satz die Kneipen wieder auf: "Warmes Licht, Bierluft, Schlagermusik, Augenpaare wie die von Katzen." Da sind die trockenen Verkaufsgespräche in der Kohlenhandlung: "Wolln Se wat?" - "Briketts." - "Könn Se haben. Für'n Winta?" - "Zwei Tüten." - "Vierfuffzich je." Da ist die patzige Neuköllner Schlagfertigkeit beim Brötchenkauf: "Ist da Ei drin?" - Die Verkäuferin: "So weit bin ich noch nicht vorgedrungen."Hans-Gerd Pyka schickt in seinem Debüt-Roman "Königswasser" seinen siebzehnjährigen Helden Jens vom niedersächsischen Dorf in die Großstadt Berlin. Jens will der Bundeswehr entgehen und findet sich in Neukölln wieder. Eigentlich möchte er Chemie studieren, doch zunächst verdingt er sich als Hilfsarbeiter in einer Blech-Stanzerei. Wie ein junger Hund ohne Herrchen tappt Jens in der Berliner Arbeitswelt herum, im Milieu der Tante-Emma-Läden, bekommt Tritte, wird gekrault, angelockt und abgewiesen. Da er aber scharfe Ohren und ein argloses Herz hat, bekommt er viel mit.Unser Held, im krassen Gegensatz zu seinen Neuköllner Nachbarn, raucht nicht, trinkt nicht, hält das Geld zusammen, ist hilfsbereit und geradezu schmerzhaft schüchtern. Und naturgemäß verliebt. Unglücklicherweise betet Jens eine siebzehnjährige Neuköllnerin an, Waltraut, ein hartes, kackfreches Mädchen, das mit ihm wie eine Katze mit einem Wollknäuel spielt. Sie hat, wie alle hier, ihre Abgründe. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, der Vater verschwunden, die kleine Schwester verunglückt. "Ich bin eine waschechte Berlinerin," sagt sie einmal, "hier geboren, hier aufgewachsen, hier gestorben." Er wendet ein, sie sei doch gar nicht tot; darauf sie: "Das denken alle."Es ist die Zeit von braunen Cordhosen und Trumpf-Schokolade, Roy Black und Anita. Das Rauchen in der U-Bahn ist selbstverständlich, der Suff bei den meisten Leuten in Neukölln auch. Pyka schildert die verlorenen Gestalten, die sich von Tag zu Tag retten, im Tante-Emma-Laden auftauchen, um zu quatschen und hinterm Plastikschnürenvorhang was zu trinken. Otto Wameling etwa, trägt Anzug, Hemd und Schlips, steht bei Jens in der Wohnung und misst Breite und Tiefe des Spülbeckens, der Küche und der Abstellkammer. Jeden Tag. Nimmt einen Schluck aus seinem Flachmann und vertagt die Arbeit auf den nächsten Tag. Sein Kumpel Leila lebt von Schnaps und Keksen. Die alte Frau Kaiser kratzt an einer schmutzigen Stelle im Sessel und murmelt: "Wie im Sozialismus."Die Kollegen bei der Arbeit setzen dem unbedarften Jüngling zu; auch sie haben ihre Macken und Schatten. Kammhoff hasst die Russen und liest Landser-Hefte in der Pause. Brauk ist ein Widerling, seit seine Frau ihm mit der Axt gegen die Stirn geschlagen hat. Kollege Hasso wurde, als er klein war, von seinem Vater mit beiden Händen am Bügeleisengriff festgebunden. Jens gelingt es mit knapper Not, sich in dieser Welt zu behaupten, nicht jedoch, das Herz seiner Angebeteten zu erobern. So mischt er sich am Ende Königswasser: drei Teile Salzsäure, ein Teil Salpetersäure, stellt daneben ein Glas Leitungswasser - und entscheidet sich.Der Roman ist sachlich, präzise, uneitel geschrieben und zeugt von erstaunlichster Milieukenntnis. Neukölln hat einen neuen Chronisten gefunden.------------------------------Johannes Groschupf ist Autor des Neukölln-Romans "Hinterhofhelden".------------------------------Hans-Gerd Pyka: Königswasser. Onkel&Onkel, Berlin 2009. 303 S., 19,95 Euro.