Da nützt Hans-Joachim Richter die grüne Polizeiuniform nichts: Er kann Autofahrern hundertmal erklären, dass vor der Synagoge in der Oranienburger Straße Halteverbot ist. Aus Sicherheitsgründen, denn in jedem Auto könnte eine Bombe versteckt sein. "Die beachten mich gar nicht", sagt Richter, greift zum Funkgerät und bestellt den Abschleppdienst. In solchen Momenten wünscht sich der 45-Jährige mehr Kompetenzen. Richter ist Polizist, darf aber weder Bußgelder verhängen noch Straftaten verfolgen. Er ist kein Beamter, sondern Angestellter im Polizeivollzugsdienst. Deshalb die schwarzen Schulterklappen mit grünen Streifen an seiner Uniform. Er schiebt mit einer Hand voll Kollegen des "Zentralen Objektschutzes" der Polizei im Schichtdienst Wache vor der Synagoge. Seit neun Jahren.Richter, wie auch seine 1 600 Kollegen im Objektschutz, verdienen als Angestellte gut 1 000 Mark weniger im Monat als Beamte. Sie haben eine neunwöchige Ausbildung auf der Polizeischule in Spandau absolviert, arbeiteten vorher oft in anderen Berufen. Der Altersdurchschnitt liegt bei Ende 40. Das Berliner Modell einer Wachpolizei, die öffentliche Einrichtungen wie etwa Senatsgebäude und Botschaften schützt, ist einzigartig in Deutschland. Auf Anordnung der Alliierten war die Wachpolizei am 30. September 1947 eingerichtet worden. Inzwischen hat die Berufsbezeichnung Objektschützer den klassischen Titel Wachpolizist abgelöst."Die Objektschützer gehören zur Polizeifamilie", sagt Horst Hinzke, Leiter des Zentralen Objektschutzes. "Ihre Arbeit ist nicht minderwertig, nur, weil sie weniger Befugnisse haben." Dennoch fühle sich manch einer zurückgesetzt. "Aber das ist doch normal im öffentlichen Dienst." Hinzke hält nicht viel davon, seinen Mitarbeitern mehr Kompetenzen zu geben. "Das würde sie von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken." Außerdem stünde dann eine höhere Bezahlung an. "Und das ist nicht zu finanzieren."Richters Revier erstreckt sich zwischen einer Littfasssäule und einem Halteverbotsschild ein etwa 250 Meter langes Stück Straße vor der Synagoge. Manchmal arbeitet er im Foyer und kontrolliert Besucher, ein anderes Mal läuft er Streife über den Hof. Immer dabei hat er Funkgerät und Schusswaffe. Im Ernstfall müsste er eingreifen, wenn es die Situation erfordert, sogar die Waffe ziehen. Den Ernstfall hat er noch nicht erlebt. In neun Jahren nicht. Aber wenn in den Nachrichten von Terroranschlägen berichtet wird, hört Hans-Joachim Richter genau hin. "Ich muss wissen, wenn sich Israelis und Palästinenser wieder bekämpfen", sagt er. "Passieren kann immer etwas."Der Ernst der Lage interessiert Passanten nicht so sehr. Sie fragen die Polizisten vor allem und gerne nach dem Weg. "Manchmal fühle ich mich wie ein mittleres Auskunftsbüro", sagt Richter. "Die Leute erwarten, dass wir alles wissen." Aber er kennt die Gegend eben perfekt. "Von manchen Leute kann ich sagen, wo sie arbeiten oder in welche Kneipe sie gehen."Der 45-Jährige hat sich damit abgefunden, Objektschützer zu sein. "Ich habe weniger Verantwortung." Mit einem Schutzpolizisten tauschen möchte er nicht. Bis zur Wende war er selber einer, hat ein Viertel der Zeit am Schreibtisch verbracht. "Das ist nicht spannend wie im Krimi." Das merkte er kurz nach der Ausbildung, die er in seinem Geburtsort Lutherstadt-Eisleben mit 20 Jahren machte. 1978 wurde er nach Berlin zum Objektschutz abkommandiert, schob vor dem Innenministerium und der US-amerikanischen Botschaft Wache. Er ist dabei geblieben. Auch, weil er so mehr Zeit für die Familie hat. Tagschicht, Nachtschicht, dann zwei freie Tage, in denen er sich um seine zwei Söhne kümmert und mit den beiden Schäferhunden spazieren geht. Wenn Hans-Joachim Richter nach zwölf Stunden Dienst von der Arbeit kommt, macht es keinen Unterschied ob er Beamter oder Angestellter ist. Seiner Frau sagt er dann: "Das war eine gute Schicht. Es ist nichts passiert."OBJEKTSCHUTZ 100 Standorte // Die Berliner Wachpolizei ist auf Anordnung der Alliierten am 30. September 1947 eingerichtet worden. Damals wurden 3500 Männer als Angestellte verpflichtet.Objektschützer bewachen öffentliche Einrichtungen wie Gebäude der Landes- und Bundesregierung sowie diplomatische Einrichtungen. Davon gibt es in Berlin derzeit mehr als 300.Mehr als 2000 Einrichtungen sind beim Zentralen Objektschutz registriert. Davon werden 360 bewacht. An 100 Standorten schieben die Polizisten regelmäßig Wache.