Alexander von Humboldt bekam vier stilisierte Kreuzblütler auf den Buchrücken tätowiert, Eduard Claudius neun seeanemonenhafte Ornamente. Oskar Maria Graf wurde mit dunkelblauen Querstreifen auf gelbem Grund bedacht und E.T.A. Hoffmann mit schwarz gepunkteten, auf Grasgrün gesetzten Kopf stehenden Dreiecken. Erwin Strittmatter bekam zwei Mähnen schüttelnde Pferdeköpfe auf den Buchdeckel seiner "Flikka"-Geschichte, und einer Klaviertastatur ähnelt der Buchrücken von Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T.", der Leineneinband ist leuchtend rot, die tastengleichen Querlinien sind schwarz - eine Gemengelage aus Leidenschaft und Strenge, Gefühl und Vernunft.Aber nicht von Buchkunst, dieser anspruchsvollen Gattung der Gebrauchskünste, redet der Mann, der diese Bücher gestaltet hat. Hans-Joachim Schauß nennt, was er seit vierzig Jahren leidenschaftlich tut, einfach "Büchermachen", als wäre er Handwerker, nicht Künstler. Für den Berliner Buch- und Plakatgestalter, der am Sonntag siebzig wird, ist das Büchermachen nach eigener Auskunft die spannendste Sache der Welt. Diese "Sache" spannt einen weiten Bogen vom düsteren Cover für Franz Fühmanns Novellenband aus dem Verlag der Nationen (1963) über den schönen Bildband "Dialog mit der Bibel" mit Gedichten von Jürgen Rennert Mitte der achtziger Jahre, verlegt von der Evangelischen Bibelgesellschaft, bis zu Hanns-Dieter Hüschs prägnant mit einem Foto aufgemachten Buch "Meine Geschichten", erschienen in der Edition Moses, 1996.Hinzu kamen - trotz permanenten Materialmangels der DDR-Verlage und -Druckereien - wunderbar gestaltete Katalog-und Kunstbücher, etwa über das deutsche Kunsthandwerk seit der Werkbundzeit oder die Metallkunst Gerhard Altenbourgs, außerdem eine Menge Kulturplakate, in denen das fein-ironische Naturell des Grafikers Schauß zur Entfaltung kam. So wünschte das Ministerium für Kultur der DDR etwa 1971 ein Plakat für das Dürer-Jubiläum. Schauß wählte eine Zeichnung Dürers, ein Selbstporträt als ernster junger Mann, der sich die rechte Hand an die Schläfe hält. Dieser Entwurf wurde abgelehnt wegen "zu viel melancholischer Nachdenklichkeit", die Funktionäre wollten "Werktätige" auf dem Plakat sehen. Mit hintergründigem Humor bedachte Schauß daraufhin das Festplakat mit dem derben Dürer-Motiv der "Drei Bauern" von 1496. Diese Fassung wurde dann in großer Auflage gedruckt.In der Nachwendezeit entstand, neben anderem, das Insel-Bändchen "Frauen mit Blumen", auf bestem Papier gedruckt, auf dem Deckel ungehemmt aufblühende Farben - ein kleines, aber leuchtendes Alterswerk.HANS-EBERHARD ERNST/NAUHOF-PRESS Für Hans-Joachim Schauß sind Bücher die spannendste Sache der Welt.

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