KREUZBERG. Ausgerechnet Egon Elend bestritt die erste Titelgeschichte. Friedhofsgärtner an der Bergmannstraße war der, und die Frau war ihm gerade weggestorben. Mit Elend startete die "Kreuzberger Chronik" vor fünf Jahren, jetzt ist die 54. Nummer in Vorbereitung.Das monatlich erscheinende Heft - nur zweimal im Jahr gibt s Doppelnummern - hat wenig von üblichen Lokalblättern. Darauf ist Herausgeber Hans Korfmann stolz. Ungewöhnlich ist schon das lange, schlanke Format und das Papier, das in seiner Qualität an Buchseiten erinnert: Die Broschüre passt ohne weiteres ins Bücherregal. Immer wieder gebe es Sammler, die die eine oder andere Nummer nachbestellten, sagt Korfmann. Die Leser kommen vor allem aus dem Bezirk, manche wohnen aber auch weiter weg: Abonnenten, denen das Heft für eine Gebühr von zwei Euro zuzüglich Porto zugeschickt wird, gibt es in München, Frankfurt und sogar in New York. "Meistens sind das Kreuzberger, die wissen wollen, was in der Heimat los ist."3 000 Exemplare werden monatlich gedruckt. Zuschüsse gibt es keine. Das Heft wird kostenlos in Läden um die Bergmannstraße und den Chamissoplatz angeboten, es finanziert sich durch Anzeigen der Geschäftsleute. Die akquiriert Korfmann selbst bei seinen Rundgängen im Viertel, manchmal auch in der Kneipe. "Für kurze Zeit haben wir mal mit einem Verkaufspreis von zwei Mark experimentiert, aber das hat sich nicht durchgesetzt", sagt der 47-Jährige. "Für Kultur, Geschichte und Alltag in Kreuzberg" heißt es im Untertitel des Blattes. Mit einer Hand voll Autoren und Fotografen versucht Korfmann, den Geschichten im Stadtteil auf die Spur zu kommen. Personen, nach denen Straßen benannt wurden, werden vorgestellt, es gibt Berichte über Geschäfte und Kulturtipps. Einen Großteil der Beiträge schreibt Kormann selbst, etliche unter Pseudonym. Von einem ist inzwischen bekannt, dass sich der Herausgeber darunter verbirgt: Michael Unfried. Der ist der Gastrokritiker, und nicht jedes Lokal kommt bei ihm gut weg. Wie seinerzeit jenes mit der Schweinshaxe, dem fehlenden Salz und einer Eintragung eines gewissen Herrn Bohley im Gästebuch, der dort kundgetan hatte, justament die Scheidung von seiner Frau Bärbel gefeiert zu haben. "Das hat für Aufregung gesorgt."Im Mittelpunkt stehen für Korfmann jedoch die Bewohner des Stadtteils, "kleine Leute, die oft ganz Spannendes zu erzählen haben". Wie der letzte deutsche Obstverkäufer am Kottbusser Damm. Oder der Zeitungsverkäufer der Obdachlosenzeitung Motz, der aus dem Osten kam und treu zu Bayern München steht. Oder der Brunnenbauer, der mit seinem Wohnmobil nahe dem Marheinekeplatz strandete - und blieb. Korfmann selbst hatte es einst in die Welt gezogen. Der gebürtige Bochumer brach vor mehr als zwei Jahrzehnten sein Studium ab, weil er Bücher schreiben wollte. Zehn Jahre lang lebte er in Griechenland, eine Zeit lang hütete er dort Ziegen. Erst als er 1989 nach Berlin kam, ging es so richtig los mit dem Schreiben. Seit 1994 veröffentlicht Korfmann seine Geschichten, unter anderem im "Magazin", im "Freitag", in der "Frankfurter Rundschau" und in der "Zeit". Die "Chronik" liegt ihm aber besonders am Herzen. Nicht nur, weil er vor drei Jahren von Wedding selbst nach Kreuzberg gezogen ist. Immerhin hat er 1998 mitgeholfen, das Heftchen aus der Taufe zu heben. Und er hielt ihm die Treue, als nach wenigen Monaten die Gründer ausstiegen. Weil es eine gewaltige Kraftanstrengung war, die "Chronik" zu dem zu machen, was sie jetzt ist, ärgert Korfmann besonders, dass nun ein ähnliches Heft aufgetaucht ist. Das "Tempelhofer Journal" ist eine fast genaue Kopie, sogar das extreme Format ist gleich. Herausgeber ist eine Agentur. Korfmann hat Beschwerde eingelegt.Viele Kreuzberger Geschichten sind noch ungeschrieben. Wie zum Beispiel die des griechischen Restaurantbesitzers aus der Nähe von Saloniki, der vor zwei Jahrzehnten ein Kreuzberger Restaurant eröffnete. Zuerst folgte ihm der Bruder, später das halbe Heimatdorf. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit feiern sie zusammen - fast so, wie man es aus dem Film "The big fat greek wedding" kennt. Irgendwann wird der Chronist auch das notieren."Kreuzberger Chronik" im Internet:www.kreuzberger-chronik.deBLZ/MARKUS WÄCHTER Verleger, Schreiber und Anzeigenchef in einem: Hans Korfmann gibt seit fünf Jahren die Kreuzberger Chronik heraus.

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