Es war 1968, als Dietrich Fischer-Dieskau das erste Mal versuchte, Aribert Reimann zur Komposition einer "Lear"-Oper zu überreden. Während der Schleyer-Entführung komponierte Reimann die Szene, in der Gloster gefoltert und geblendet wird. Der Deutsche Herbst war gerade in den Winter übergegangen, als Reimann die Komposition im Januar 1978 abschloss. Und obwohl Reimann noch zuletzt bestritten hatte, dass "Lear" auch nur im geringsten politisch sei, so ist doch der singuläre Erfolg des Stückes gar nicht denkbar ohne dessen tiefe, und das heißt: widersprüchliche Verwurzelung in jener Zeit.Reimann ist weder vor noch nach seinem "Lear" als politisch reflektierender Künstler aufgefallen. Mit seinen artifiziellen Liedern bewegte er sich künstlerisch seit je in einer hochgradig ästhetizistischen Sphäre. Dass gerade ihm, dem bescheidenen Zauderer, und nicht etwa dem vor Eitelkeit dampfenden Macher Hans Werner Henze die erfolgreichste Oper der Bundesrepublik gelang, kann nur an der historischen Konstellation liegen. Die verleiht einer eskapistischen Haltung plötzlich öffentliche Signifikanz und führt zu weltweit sieben Produktionen allein in den ersten fünf Jahren; bis heute sind es rund zwanzig.Reimanns Zuwendung zu einem jeder Diskussion enthobenen Bühnenklassiker ist jedenfalls zunächst kein Akt kultureller Aufmüpfigkeit. Während Henze sich als Sozialist im Hochkulturmilieu der 70er-Jahre unmöglich machte, tendierte die jüngere Generation um Wolfgang Rihm zu einer Musik, die sich den Regungen des eigenen Inneren anvertraute. Gebannt auf die eigene Subjektivität lauschend, wurde der Außenseiter, der als einzig Empfindender im Gegensatz zur gesamten Gesellschaft steht, wieder zu einer Kultfigur.Reimann, zwischen Henze und Rihm geboren, lässt den "Lear" genau auf der Grenze zwischen Politischem und Privatem einsetzen: König Lear teilt sein Reich unter seinen Töchtern auf, um sich fortan privat zu vergnügen: "Fresst, sauft, reißt Witze!" befiehlt er seinem Gefolge. Aber das Vergnügen ist von kurzer Dauer: Alsbald werfen ihn seine Töchter aus dem Haus, da sie in seiner Dauerparty mit zahlreichen Gästen die Gefahr des Umsturzes wittern - auch die 68er schienen den Älteren wegen ihrer Lebenslust gefährlich. Die Folgen bei Shakespeare sind bekannt: Während sich die Macht als bleiernes Unheil konsolidiert, wird Lear wahnsinnig und stolpert mit einer kleinen Entourage depressiver Entrechteter durch Heide und Sturm. Im "Lear" hat Reimann gesellschaftliche Konstellationen der jüngsten Vergangenheit in das Genre der "Großen Oper" projiziert, zugleich reflektiert. Lear entsteht nicht einfach aus seiner Subjektivität, sondern aus seinen sozialen Verhältnissen; politische Fragen werden in ihrer menschenabhängigen Zufälligkeit erzählt.Hans Neuenfels hat diese Sachverhalte so dezent wie unübersehbar auf die Bühne der Komischen Oper gebracht, die den "Lear" nun schon zum zweiten Mal seit 1983 produziert, am Sonntag war Premiere. Neuenfels' Inszenierung ist nicht der ganz große konzeptionelle Wurf, aber doch voller sprechender Details und Raum für die Wirkungen der Musik und in ihren grundlegenden Regiequalitäten den meisten Berliner Operninszenierungen ohnehin weit voraus. Der Vorhang hebt sich über einer Familie. Lear trägt noch seinen Königsmantel und reißt nach den Liebesbekundungen seiner Töchter Goneril und Regan jeweils ein Teil davon ab und reicht es ihnen. Da seine Lieblingstochter Cordelia sich der exaltierten Rhetorik ihrer Schwestern nicht anschließen mag, erhält sie nichts; das dritte Mantelstück reicht Lear Goneril und Regan - fortan geht er in Strickjacke durch das Stück. Lears Gefolge besteht aus Jungs und Mädchen mit Kapuzenpullis, einer amorphen Gesellschaft, die einzeln harmlos, in der Masse jedoch unberechenbar wirken und so gar nicht zum Ambiente der Töchter passen. Die Puppenkinder und Porzellanhunde in diesem Palast bezeichnen dabei nur die erste Stufe gesteigerter Kontrolle: Die Puppen wirken wie unterjochte Menschen, die Hunde werden später lebendig als Menschen mit Tiermasken, die dem Gloster ans Leben wollen.Tómas Tómasson ist ein beeindruckend kraftvoller Lear, kein Greis, sondern jemand, der noch etwas vom Leben will und daher auch enttäuscht werden kann. Elisabeth Trissenaar ist von Beginn an weniger ein greller Narr als Lears Innenstimme, im zweiten Teil tritt sie stumm als Tod auf und mag von Lear kaum noch lassen. Auch Jens Larsen als enttäuschtem Gloster, Martin Wölfel als virtuos falsettierendem Edgar und Caroline Melzer als inniger Cordelia gelingen für sich genommen beeindruckende Rollenporträts.Dennoch sind es eher die Bilder der Macht als des Wahnsinns, die sich in diesem "Lear" einprägen: Irmgard Vilsmaiers heißkalte Goneril im grauen Anzug, eine gesichtslose Funktionärin des eigenen Machttriebs, John Daszaks brutal-energischer Edmund, der illegitime Sohn Glosters, der sich mordend und intrigierend auf den Thron bringen will. Das Unheimliche jedoch ist, dass über diesen Szenen Reimanns Klänge wie ein unabsehbar grauer Himmel lasten, als wäre es im Grunde egal, wer dieses Reich regiert, Goneril, Regan oder Edmund - Unterdrückung wäre es in jedem Fall. Deswegen ist es auch fast lustig, wenn sich die Macht-Aspiranten gegenseitig ermorden: Die schrecklichen Taten ändern die Verhältnisse im Ganzen nicht.In Reimanns Partitur ist das Verhältnis von subjektiver Regung und Unterdrückung bemerkenswert Gestalt geworden. Die Differenzierungen der Instrumentation unterliegen auch Reimanns eher drastischem Griff auf die Form. Die Kontraste der Klangfelder gliedern den Ablauf in sinnfälliger Weise, die Details geraten unterhalb dieses Rasters zu fein, um wahrgenommen zu werden. Aber gerade diese Konstellation ergibt den immer noch aufregenden Klang dieses Werks. Carl St. Clair und das Orchester der Komischen Oper haben ihn mit Inbrunst und ohne Furcht vor Übertreibung geformt. Ein nicht ganz ausverkauftes Haus dankte mit Begeisterung für eine klare, sorgfältige und wichtige Opernproduktion.------------------------------Wieder am 27. 11. Karten: 47 99 74 00------------------------------Neuenfels ist den meisten Berliner Opern- inszenierungen weit voraus.------------------------------Foto: Es sind eher die Bilder der Macht als des Wahnsinns, die sich in diesem "Lear" einprägen.