Zehn Minuten vor Mitternacht wurde Hans Ulrich Kempski im Moskauer Hotel "National" durch das Telefon aus dem Schlaf gerissen. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums bat ihn, in die Halle zu kommen und überreichte dem Chefreporter der "Süddeutschen Zeitung" kurz darauf eine braune Kunstledermappe. "Dies", sagte der Beamte, "ist die Einladung der Regierung der Sowjetunion an Bundeskanzler Adenauer, nach Moskau zu kommen." Aufs tiefste verwirrt", schreibt Kempski in seinem Buch "Um die Macht" habe er im ersten Impuls angenommen, er solle die Einladung nach Bonn mitnehmen. Der Journalist, der über Jahrzehnte von den Brennpunkten des Weltgeschehens berichtete, war damals, im Juni 1955, Anfang dreißig und im Umgang mit Vertretern der östlichen Großmacht noch unerfahren. Was Kempski in den Händen hielt, waren Kopien. Bestimmt für ihn und vier Kollegen, die als erste westdeutsche Journalisten in die Sowjetunion eingeladen waren. Obwohl es zu dieser Zeit für Hotelgäste eigentlich unmöglich war, in den Westen zu telefonieren, sorgten die Behörden dafür, daß die Zeitungsleute die Nachricht umgehend publik machen konnten. Drei Monate später trat Adenauer seine Reise an, und Kempski war natürlich dabei.Kempski, der Altmeister der politischen Reportage, hat alle sieben deutschen Kanzler begleitet. Er hat sie aus der Nähe studiert, auf Wahlkämpfen, bei Auslandsreisen und bei Konferenzen. Obwohl er sich, der angelsächsischen Schule verpflichtet, um kritische Distanz bemühte, war er den Akteuren doch nah genug, "um ihre Politik gleichsam mit den Poren aufzunehmen" im Augenblick ihrer Triumphe und in den Stunden der Niederlage. So ist, komprimiert aus den Momentaufnahmen seiner "Seite Drei"-Artikel, ein Band enstanden, der sich im Jahr 50 der Bundesrepublik wie ein Geschichtsbuch liest. Beeindruckend weniger durch Reflexion und Analyse als durch die präzise Beobachtung und die Farbigkeit der Schilderungen. Das Buch, das Bundeskanzler Gerhard Schröder heute in Bonn vorstellt, gibt auch interessante Einblicke in das Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Medien. Es liefert Belege ebenso für den Ehrgeiz von Journalisten, Entscheidungen mit zu beeinflussen, wie für Versuche von Politikern, Medienleute eigennützig ins Vertrauen zu ziehen.So war der mitreisende Troß bei Adenauers Moskau-Visite mehrheitlich der Meinung, daß die Verhandlungen scheitern würden. Auch Kempski dachte dies, bis er eines Nachts von Botschafter Sergej Lapin zu einem Gespräch unter vier Augen gerufen wurde. "Schreiben Sie nicht pessimistisch, schreiben sie optimistisch", forderte der Diplomat den Deutschen auf. Er nannte ein paar Stichworte: "Adenauer guter Mann, normale Beziehungen, Kriegsgefangene frei, kein Papier, große Perspektive." Lapin habe wohl den Auftrag gehabt, folgerte Kempski, ihn "über den mutmaßlichen Ausgang der Gespräche ins Bild zu setzen. Zumindest eine große deutsche Zeitung sollte wissen, was wirklich los ist in Moskau." Kurz darauf gelang bei den Verhandlungen der Durchbruch. Kempski, seiner Sonderstellung in der Zunft durchaus bewußt, ist ab und zu aus der Rolle des Beobachters herausgetreten. "Schmeißen Sie ihn raus, auf der Stelle", hat er spontan dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt geraten, als dieser ihm auf einer USA-Reise im Flugzeug die Agentur-Meldungen mit der Äußerung von Herbert Wehner zu lesen gab, die Nummer eins sei "entrückt" und und bade "gerne lau". Da habe ihn Brandt stumm angeschaut, den Kopf geschüttelt und gefragt: "Und was dann?" Die Antwort habe der Kanzler selbst gegeben: "Dann kommt Schmidt." Hans Ulrich Kempski: Um die Macht. Alexander Fest Verlag Berlin 1999, 410 Seiten, 48 Mark