Fortsetzung auf Seite 10Hans-Ulrich Wehler ist ein kritischer Historiker. Seine Wortwahl ist stets betont kühl: In seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" bezeichnet er die preußischen Reformen als "Modernisierung von oben"; die Revolution von 1848 entsteht aus "relativer Deprivation"; Bismarck ist ein "charismatischer Führer". Der Sinn des soziologischen Vokabulars ist Abstand, eine Abstraktion, der Genauigkeit wichtiger ist als Einfühlung und die mehr auf Strukturen achtet als auf Handelnde und deren Motive.Am Donnerstag abend sprach der seit zwei Jahren emeritierte Wehler im Wissenschaftskolleg zu Berlin über seinen Lehrer Theodor Schieder (1908 1984). Schieder war einer der Großen seines Faches, schulbildend, einflußreich, Herausgeber der "Historischen Zeitschrift", Mitglied mehrerer Akademien, Biograph Friedrichs des Großen, methodisch ein vorsichtiger Neuerer.Seit ein paar Jahren weiß man aus den Archiven, daß Schieder als dreißigjähriger Professor in Königsberg nicht nur national gesinnt und dem NS-Regime treu ergeben war, sondern darüber hinaus durch bevölkerungspolitische Gutachten an der Vorbereitung der Judenvernichtung beteiligt war. Seit sie bekannt wurden, gibt es Streit im Fach, und man wartete schon lange auf die Stellungnahme von Schieders wichtigstem Schüler Hans-Ulrich Wehler. Dieser eröffnete seinen Vortrag mit einem Angriff auf "das dumpfe Ressentiment von Walsers als Friedenspreisrede verkleideter Kriegserklärung an das selbstkritische Gegenwärtighalten der Vergangenheit". Das ist der alte Wehler-Sound: feurig, ein wenig blechern, kämpferisch.Im deutschen GrenzlandNach dieser Fanfare ging es überraschend leise weiter. Wehler erklärte den wissenschaftlichen Weg Schieders und seiner Kollegen aus der Erfahrung der Niederlage von 1918. Damals versanken in Osteuropa Reiche und Staaten, und als fester Grund blieben die Völker, die sich in neuen Ländern konstituierten. So entwickelte die Historie eine neue Fragerichtung, die Volksgeschichte; sie erlaubte es, mit Volkskunde, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Sprachwissenschaft zusammenzuarbeiten und einen umfassenden Begriff vergangener Gesellschaften anzusteuern. Die jungen Männer an der Grenzlanduniversität Königsberg durften sich politisch kämpferisch und methodisch innovativ fühlen. Sie sammelten sich um einen national gesinnten Juden, den Historiker Hans Rothfels.In diesem Klima ergaben sich, so Wehler, "Überlappungen" mit rassistischen Motiven der Nationalsozialisten. Die "leistungsbereiten", "bündisch gesinnten" jungen Historiker aus dem "protestantisch-bildungsbürgerlichen Milieu" machten schnell Karriere, ihre "Sozialromantik" wird nach 1933 "faschistisch", aus den "Überlappungen" werden "Konsenszonen". Die Sprache, der sich Schieder und seine Kollegen verpflichtet fühlen, führt zu einem "Absenken der zivilisatorischen Hemmschwellen". Wehlers begriffliche Agilität geriet immer mehr zu einem sprachlichen Glissando hinein in den Kopf des jungen Schieder.Dann zitierte Wehler anerkennenswert vollständig die unmenschlichsten Vokabeln aus Schieders Gutachten unmittelbar nach dem Einmarsch in Polen 1939: "Sicherung des Volksbodens durch geschlossen siedelndes deutsches Volkstum", "Bevölkerungsverschiebungen allergrößten Ausmaßes", "Herauslösung des Judentums", "Entjudung". Wehler verschwieg auch nicht, daß Schieder zwar noch im Krieg seinen Lehrer Rothfels zitierte, jedoch mit dem Vermerk "J. A." (jüdischer Autor).Was wäre geschehen, wenn das NS-Regime überdauert hätte? Aus Schieders Sprachwelt und Haltung wäre, so resümierte Wehler, "keinerlei Widerstand möglich" gewesen. Warum schwieg er nach dem Krieg? Aus Angst, aus Scham. Aber dürfe man ein vierzigjähriges honoriges Wirken durch den Verweis auf die Verfehlungen eines Dreißigjährigen entwerten? Wehler untersuchte das Nachkriegswerk Schieders und seiner Zeitgenossen und fand Umdenken, politische Neuorientierung, einen "Lernprozeß". Die Bilanz des Urteils müsse für ihn, der Schieder als auffällig liberalen Lehrer kennengelernt habe, ein Spagat sein zwischen seiner Loyalität gegenüber seinem toten Lehrer und dessen guten Jahren und der Loyalität für die Vertriebenen und Opfer des Nationalsozialismus.Wenn man diesen Spagat nicht leiste und sich einem "moralisch siegessicheren Moralismus" ergebe, dann sei es auch nicht möglich, Historiker, die zwischen Stalins Schauprozessen und dem Ungarn-Einmarsch dem Marxismus treu blieben, ernstzunehmen oder ostdeutsche Historiker heute ins Fach einzugliedern. Auf diese Vergleiche folgten eine Coda gegen Walser und die "Regression ins Traumland der Normalität".Das gespannt lauschende Publikum, das mehrfach gestöhnt und die Köpfe geschüttelt hatte, hatte eine Fülle widerstreitender Empfindungen noch kaum ordnen können, als die erste Wortmeldung den Nebel der historischen Begriffe und der zunftinternen Plausibilitäten aufriß. Die greise Judaistin Marianne Awerbuch stand auf und erklärte: "Sie tun mir leid für Ihre Doktorväter." Ihr und ihren Freunden sei seit 1932, seit den Morden von Potempa, klargewesen, um wen es sich bei den Nazis handelte; "man mußte nur ihre blutrünstigen Lieder hören, um das zu erkennen".Gefühle im EisschrankWehlers Anwort: Es sei nicht sehr human, Menschen auf ihre zwanziger Jahre zu fixieren, zum Beispiel einen Maoisten der Zeit um 1968 dafür auf Lebenszeit zu bestrafen. Die ungeheuerliche Parallele zwischen einem Revolution spielenden Studenten, der mit öffentlichen Aktionen seine Berufsaussichten ruiniert, und einem Professor, der mit geheimen menschenmörderischen Gutachten Karriere macht, wurde nur im Hintergrund des Saals gebührend gewürdigt. Doch gewiß wird sich die Fachwelt noch gern an den Historikerstreit vor zehn Jahren erinnern, in dem ein konservativer Historiker wie Andreas Hillgruber auch von Wehler geächtet wurde, weil er es gewagt hatte, die stalinistischen mit den NS-Verbrechen zu vergleichen.Überhaupt verdaute es das Publikum erst allmählich, den kritischen Historiker Wehler, der seine Gefühle gern "in den Eisschrank stellt", als hermeneutisch feinsinnigen Historisten zugunsten eines gewesenen Nazis zu erleben. In einer Kontroverse der achtziger Jahre hat Wehler einst von oben herab den Epochenschilderer Golo Mann als "Goldrähmchenerzähler" abgetan. Als Goldrähmchenerzähler war er nun selbst zu erleben, nur daß der Goldrahmen hier "kritisch" ist und die "Lernerfolge" der Bundesrepublik einfaßt.Besinnlich gedachte Wehler des Osteuropa-Historikers Reinhard Wittram, der vor seinen Göttinger Studenten seine Affinität zum Nationalsozialismus mit seinen Erfahrungen als Baltendeutscher erklärt hatte; immerhin habe Wittram seine Schuld gebüßt durch jahrelanges Engagement in der Landeskirche Niedersachsens. Und noch eine Göttinger Anekdote konnte Wehler erzählen: Als Wittrams Kollege, der Mediävist Hermann Heimpel, der im Krieg mit einem führertreuen Vorwort auf sich aufmerksam machte, von einem Studenten aufgefordert wurde, es Wittram gleichzutun, antwortete er: "Ich entnehme Ihrer Frage, daß Sie nicht beabsichti