Mitte der 60er-Jahre geriet Hans Werner Henze in eine Krise: "Mit einem Mal hatte ich den Eindruck, nichts mehr zu verstehen; ich merkte, dass ich in einer Einöde lebte, wo man aufhört zu denken und sich nur noch mit Gefühlen abgibt. Schließlich wurde ich krank." Henze fuhr 1967 nach Berlin und lernte Rudi Dutschke kennen, wurde Mitorganisator des großen Kongresses gegen den Vietnam-Krieg, und als er vom Attentat auf Dutschke erfuhr, stellte er ihm sein Haus in Marino zur Erholung zur Verfügung.Unter diesen Umständen verfasste Henze sein Oratorium "Das Floß der Medusa", einen der legendären Theaterskandale der Bundesrepublik. Die Uraufführung wurde 1968 in Hamburg vom Intendanten des Rundfunks abgebrochen, weil Henze sich weigerte, nach dem Porträt des Widmungsträgers Che Guevara auch noch die rote Fahne von der Bühne zu entfernen. Das Publikum protestierte und rief "Ho Chi Minh". Die Polizei räumte den Saal und verhaftete wahllos Zuhörer. Der Rundfunk sendete immerhin den Mitschnitt der Generalprobe.Als das Stück am Mittwoch von den Berliner Philharmonikern, dem Rundfunkchor und dem Netherlands Youth & Childrens Choir unter Simon Rattle aufgeführt wurde, verstand man den damaligen Aufruhr nicht mehr. Man kann sich der düsteren Wucht, traurigen Schönheit und herausfahrenden Verzweiflung der Partitur schwer entziehen - politisch, aufklärerisch oder gar agitatorisch wirkt sie aber nicht. Das Stück beruht auf einer wahren Geschichte: 1816 havarierte die Fregatte "Medusa" auf dem Weg zu den französischen Kolonien in Westafrika auf einer Sandbank. Von 400 Mann flohen die Mitglieder des Offizierskorps in den Rettungsbooten, 154 geringer Gestellte mussten sich auf einem hastig gezimmerten Floß retten. Nur 15 davon überlebten auf der viel zu kleinen Plattform mit knappsten Vorräten zwei Wochen, bis sie gerettet wurden.Das nackte ÜberlebenHenze und sein Textdichter Ernst Schnabel wollten ihr Oratorium als Gleichnis verstanden wissen: So wie die Entrechteten auf dem Floß um ihr nacktes Überleben kämpfen, so auch die Menschen der vom Westen ausgebeuteten Dritten Welt. Brecht hätte das einen Verfremdungseffekt genannt, auch der Erzähler, der die Fakten berichtet, ist dem epischen Theater entlehnt. Was aber gäbe es an diesem drastischen Geschehen überhaupt "aufzuklären" oder "transparent zu machen"? So kann der emotionale Aufruhr der Autoren sich frei entfalten, und wie fast immer, wenn er das tut, wird unscharf, was eigentlich gesagt werden soll.Im Lauf des Stücks gehen immer mehr Choristen von der einen Seite des Podiums zur anderen, den Gang vom Leben in den Tod symbolisierend. Dort lockt "die Tödin", La Mort, dort begleitet anrührendes Streicherweben, dort werden Fragmente aus Dantes "Göttlicher Komödie" gesungen. Besser als der Überlebenskampf auf dem Floß erscheint das allemal. Es mag ein bleiches Bild vom Tod sein, verglichen mit Brechts "Ihr sterbt mit allen Tieren / und es kommt nichts nachher" aber spendet es Trost. "Die Überlebenden kehrten zurück: belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen" heißt es am Ende, und die Trommel fällt in einen Rhythmus, den man vor 30 Jahren als "Ho - Ho - Ho Chi Minh" erkannte.Ein Aufruf zum Umsturz in der Philharmonie ist - bei allem Respekt - ein Witz. Der in diesem Jahr 80 Jahre alt gewordene, von seiner Krankheit sichtlich gezeichnete Henze nahm die Huldigungen des Publikums wacker entgegen und durfte sich über eine farbenprächtige, bewegende Aufführung freuen. Camilla Nylund sang die verführerische La Mort, Christian Gerhaher den mal leidenden, mal grimmigen Jean-Charles, den einzig namhaft gemachten Mann auf dem Floß. Zuvor zeigte eine scharf polierte, akustisch problematische Aufführung von Weills "Mahagonny-Songspiel", dass man 40 Jahre früher die Verhältnisse mit größerer künstlerischer Gerissenheit angriff.