Harald Metzkes erhält heute den Hannah-Höch-Preis, und das Stadtmuseum zeigt seine Bilder: Harlekins Malbilanz

Mit seinem Inneren ist der Mensch letztlich allein und er wird es bleiben", sagt Harald Metzkes. "In dieses Zentrum der unbekannten Ängste und Freuden zielt die Kunst, sie allein kann bis dorthin dringen." Ein desillusionierter - und tröstlicher Satz. Ein Satz, der samt der Bilder dieses Malers gut passt zur Kunst und Lebenssicht der Dadaistin Hannah Höch. Nach ihr ist ein begehrter Berliner Kunstpreis benannt, den Metzkes heute Abend vom Regierenden Bürgermeister überreicht bekommt. Zugleich beginnt im Ephraimpalais eine Ausstellung des 78-Jährigen, der zu DDR-Zeit der ideologiefernen "Berliner Schule" angehörte, auch "Berliner Cézannisten" genannt. Die Schau heißt "Bilanz des Malers".Die Höch machte Kunst, die die Dinge hinter den Dingen entlarvte, die Gewohntes zerschnitt, Gegebenes verballhornte, Oben und Unten, Hüben und Drüben verkehrte. Und siehe da, auch auf Metzkes' Tafeln ist nichts das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Don Quichote ist nicht bloß die tragikomisch-lächerliche, gegen die Windmühlenflügel der Staatsbürokratie kämpfende Gestalt. Er ist auch gescheiter geworden bei diesem scheinbar vergeblichen Tun, wütender, entschlossener. Jahrzehntelange Tristesse, Depression, schließlich Niedergang und Ende des Mauerlandes DDR vor 18 Jahren werden bei Metzkes zum Welttheater mit Helden, Feiglingen und Marionetten. Mit wüsten und melancholischen Gestalten. Die chaotische Dynamik, die Aufbrüche und Verwerfungen der Wende- und Nachwendejahre finden Ausdruck in furiosen, schier farbexplodierenden Bildern des zuvor oft introvertiert und dunkeltonig malenden Welt-Beobachters.Bedeutungsgeladen waren seine Figuren schon immer, ob die des beckmannesken "Abtransports der sechsarmigen Göttin" (1956, das Bild gehört der Nationalgalerie) oder des Ritters von der traurigen Gestalt (2005), der mit dem Schwert ins Marionettentheater hineinfährt - und für die individuelle wie gesellschaftliche Figur des Künstlers steht. Nicht minder der "Januskopf" (1977): Es gibt keine gültigere Metapher für die deutsch-deutsche Mauersituation, für den Zwiespalt der Kriegs-und Nachkriegsgenerationen. Und natürlich die Alter-Ego-Harlekine, Pierrots und Columbines der Commedia dell' Arte, die Seiltänzer und Zirkusartisten, die er als Bildpersonal in die Arenen der kleinen Alltags- wie der großen Weltpolitik verlegt. Der Rückgriff aufs alte italienische Stegreifpossenspiel ermöglicht den gleichnishaften Umgang mit Charakteren. Das Kippelige, Labile der Szenen sagt eine Menge über die persönlich erlebten Situationen zwischen Wollen und Nicht-Können, zwischen Aufbruch und Irritation.Die Motive wechseln zwischen stillen, warmen, Geborgenheit ausstrahlenden Familien- und Freundesbildnissen, atmosphärisch dichten Atelierszenen, Stillleben, poetischen Stadtlandschaften und spannungsgeladenen Szenerien zwischen Schein und Sein: Maskeraden, trügerische Triumphe, spektakuläre, gefahrvolle Balanceakte auf doppelten Bühnenböden. Metzkes verzichtet auf die konturierte Malerei, komponiert ganz aus der bei ihm nie glänzenden Ölfarbe, erfindet Figuren und Dinge, staffelt Räume, baut Szenen, beschwört Erde, Himmel, Hölle. Und er findet fürs Gewalttätige, Ausschweifende oder Banale sublimsten Ausdruck. Lustvoll, delikat und immer rätselhaft.Metzkes' Bilder passten nicht in den Sozialistischen Realismus. Aber es sind Sujets, die erzählen, wie Ostkünstler, die kaum aus der nationalen Provinz herauskamen, nicht hingelangen konnten zu den Westavantgarden, auf sich selber verwiesen waren. Wie sie ihren Weg nach innen und in die Kunstgeschichte gingen. Es sind Bilder, die auch vom Nachkriegsbewusstsein einer Künstlergeneration erzählen, die sich schon als verloren sah.Metzkes' Bilder bilden heute einen spannenden, für junge Künstler überaus reibungsvollen Bezugspunkt in der international gewordenen deutschen und Berliner Mal-Szene. Metzkes wollte schon immer und will bis heute, was die Jungen - vom Maler bis zum Konzeptkünstler - suchen: die Ambivalenz, das Nichteindeutige, das andeutungsreiche Hin und Her zwischen den Polen. Zwischen Lust und Angst, Heiterkeit und Ernst. Seine Gestalten, die schönen und die hässlichen, die guten und die bösen, führen die menschliche Komödie auf - diesen Reigen der Illusionen, hinter dem die Wahrheit über Glück und Unglück, Leben und Tod, Liebe und Hass aufscheint. Eine Wahrheit, die einen lachen lässt und schmerzt.Stadtmuseum Berlin, Ephraimpalais, Poststraße 16, Preisverleihung und Eröffnung (mit Einladung) heute 19.30 Uhr, bis 17. Februar 2008, Di, Do, So 10-18, Mi 12-20 Uhr.------------------------------Foto: "Ich und Herr. H." - der Maler Harald Metzkes und sein Alter Ego Harlekin.