Die Geschichte mit seiner alten Mutter aus Gera hat Bernd Zeller oft erzählt. Ach Bernd, hat die Mama immer geseufzt, musst du uns alle im Fernsehen in den Dreck ziehen? Ich muss, antwortete er ihr. Denn lieber verarschen wir uns selbst als die Wessis uns. Diese gut verdauliche Episode hat Bernd Zeller, der "Ossi" aus der "Harald-Schmidt-Show", nachein-ander der "Super Illu", der "Bild am Sonntag" und dem "Tagesspiegel" mitgeteilt. In den Redaktionen herrscht anscheinend Ratlosigkeit über einen Ostdeutschen, der über sich selbst lachen kann. Der seit 1996 als Gag-Schreiber für Schmidt oft über die "Zone" schreibt, der in der Sendung im schweren Sächsisch die "Nachrichten aus den neuen Bundesländern" verliest und der sich auch sonst gerne vor der Kamera als "der Ossi" demütigen lässt. Doch seit kurzem kann Zellers Mutter wieder stolz auf ihren Jungen sein. "In ihren Augen mache ich jetzt endlich mal was Ordentliches", sagt der 33-Jährige. Er ist nach Berlin gezogen, um als Redakteur beim "Eulenspiegel" zu arbeiten. Jünger, lebendiger und weniger ostmiefig will er die Zeitschrift machen. Der "Eulenspiegel", 1954 gegründet, erschien vor 1990 jede Woche mit einer halben Million Auflage. Die Zeichnungen von Henry Büttner und Heinz Jankofsky karikierten den DDR-Alltag, ohne den Staat wirklich anzugreifen, die Geschichten und Filmkritiken von Renate Holland-Moritz pieksten die Partei, ohne wirklich weh zu tun. Denn die "Eule" unterlag wie alle anderen Zeitungen der lenkenden Fürsorge des SED-Zentralkomitees. Nur gegenüber dem Westen war Kritik gefordert, die Härten des Kapitalismus wurden in jeder Ausgabe ideologisch korrekt verarbeitet.Seit der Wende befindet sich die "Eulenspiegel"-Redaktion in einem langsam verfallenden Plattenbau am Franz-Mehring-Platz. Im Innern wabert DDR durch die Luft. Der Geruch des braungelben Linoleumfußbodens, die alten Tapeten und die flackernden Narva-Röhren erinnern an Zeiten, als hier noch die Redakteure des SED-Parteiblatts "Neues Deutschland" (ND) arbeiteten. Seit November sitzt Bernd Zeller im 6. Stock, gleich über den Büros der "Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe der DDR". Obwohl er bis jetzt im thüringischen Jena wohnte hier, so scheint es, ist er endlich wieder im Osten angekommen.Lange hat Bernd Zeller überlegt, ob er sich das antun soll. Doch irgendwie gehört der "Eulenspiegel" zu seiner Biografie. 1989, als er noch als Hilfspfleger im Geraer Bezirkskrankenhaus arbeitete, veröffentlichte er seine erste Karikatur im "Eulenspiegel". Auch später, als er in Jena Medizin, dann Jura und dann gar nichts mehr studierte, arbeitete er für die Zeitschrift. Vielleicht will Zeller auch endlich mehr sein als nur der "Ossi" aus dem Fernsehen. Denn er kann mehr: Er ist Autor und Karikaturist in einer Person und gibt im Eigenverlag das Satiremagazin "Heinz" heraus. In Jena beliefert er die Universitätszeitung "Akrützel" und das lokale Fernsehen mit Zeichnungen und Texten. Und sein erstes Buch ("101 Gründe, nicht zu studieren") ist seit September auf dem Markt. Trotz seiner Talente wird es Zeller in Berlin schwer haben. Da ist zum Beispiel Jürgen Nowak, einer der beiden Chefredakteure und Eigentümer der Eulenspiegel GmbH. Der 59-Jährige wechselte 1986 vom ND zum "Eulenspiegel" und erzählt gerne davon, dass Humor immer auch eine "Haltung" vertreten müsse. Zu Harald Schmidt fällt ihm ein, dass "der zwar gut ist, aber nur wenig politische Satire macht". Nur Jux um des Juxes Willen das alles werde es mit ihm, Nowak, nicht geben. Im Übrigen verlaufe die Grenze nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Oben und Unten. Der Erfolg scheint dem Traditionalisten recht zu geben: Die Auflage liegt seit vier Jahren stabil bei etwa 115 000 Exemplaren, das ist weit mehr, als die West-Konkurrenz "Titanic" verkauft. "Man darf nicht immer nur auf die alten Abonnenten schielen", sagt Bernd Zeller trotzdem. Die "Titanic" habe in der Branche ein viel besseres Image, den "Eulenspiegel" kenne im Westen "kein Schwein". Viele Karikaturen der angestammten Zeichner atmeten immer noch den Geist sozialistischer Belehrung. Das sei nicht nur schlecht für die Vermarktung, "auch die guten Autoren meiden uns deshalb". 80 Prozent des Blattes, glaubt Zeller, gebe nur die ostdeutsche Sicht wieder, da genüge ein kurzer Blick in das Heft. Das Titelbild der Oktoberausgabe zeigt eine Katze (Ost), deren Kopf im Maul eines Hundes (West) steckt. An den Schwänzen der beiden Tiere weht ein Transparent mit der Aufschrift "Am 3. Oktober ist der Tag der Einheit". Im Heft steht zwischen Werbung für eine CD mit Pionierliedern ein Stück über den "Erlebnisbereich DDR-Kaufhalle". Das Novemberheft präsentiert sich mit einem alten Foto von DDR-Grenzern, die mit Maschinenpistolen auf der Mauer stehen. "Bau auf, bau auf!" steht darüber die Zeile ist einem alten FDJ-Lied entlehnt. "Satire darf nicht von Geografie abhängig sein", sagt Zeller. Auch hält er nicht viel davon, einen Unterschied zwischen Unterhaltung und ernsthaftem Humor zu machen, obwohl offenbar die "Eulenspiegel"-Eigentümer genau diese Linie ziehen. So kündigten vor einem Jahr zwei fest angestellte Redakteure mit der Begründung, dass man den Menschen nicht immer nur zeigen wolle, "warum Arbeitslosigkeit so schlimm ist". Jürgen Nowak sagt heute, die Presse habe die Geschichte verkürzt dargestellt. Der Gegensatz zwischen "Zonenmief" und lockerer Satire sei konstruiert. Aus seiner Sicht gab es nur einige Kommunikationsprobleme, die jetzt beseitigt seien. Nowak gibt aber zu, dass die Zeitschrift "offener" werden müsse. Deshalb habe er auch einen wie Bernd Zeller geholt, "der hier seine Sicht einbringen wird". Im nächsten Jahr, zu seinem 60. Geburtstag, will sich Nowak aus dem Redaktionsgeschäft zurückziehen um, wie er sagt, Jüngeren Platz zu machen.Zeller traut dem Frieden offenbar nicht ganz. Er wird weiter für Harald Schmidt schreiben, neben seiner Arbeit beim "Eulenspiegel". Und obwohl er jeden Tag zehn Stunden in der Redaktion sitzt, hat er eine feste Anstellung abgelehnt. Offizielle Begründung: "Als Ostdeutscher schätze ich meine Freiheit.""Die ,Titanic hat ein viel besseres Image, den ,Eulenspiegel kennt im Westen kein Schwein. " Bernd Zeller