Kapitän Eberhard Dieckmann steht am Schiffsanleger in Brake und kassiert. Dieckmann hat gut zu tun, es ist wieder einer dieser Tage, an denen alle nach Harriersand wollen. Die elf Kilometer lange Flussinsel ist in Sichtweite, drüben, am anderen Weserufer. 1,50 Euro kostet der Miniausflug, 50 Cent für Kinder, Hunde und Fahrräder. Die "Guntsiet" pendelt von Ende März bis Ende Oktober, außer bei schwerem Sturm. Heute ist die Weser ruhig, keine fünf Minuten dauert die Überfahrt.Im Wartehäuschen am Ende des Anlegers gönnen sich ein paar ältere Neuankömmlinge einen eisgekühlten "Bommerlunder". Rechts davon führt ein Pfad geradewegs in ein Schatten spendendes Wäldchen. Schon nach wenigen Minuten steht man wieder in der Sonne, vor sich nichts als saftig grüne Wiesen. Über Gräben voller Entengrütze krümmt sich das Schilf im Wind. Kühe und Heuballen sind die einzigen Erhebungen, sieht man einmal ab von den Türmen eines Richtfeuers, das einst den Schiffsführern auf der Weser die Orientierung erleichterte. Am Horizont ragen Kirchtürme und ein Kraftwerk in den Himmel. Irgendwo dazwischen liegt das Ostufer von Harriersand oder die "kleine Weser", wie der rechte Nebenarm genannt wird.Das also ist Europas längste Flussinsel. Und nun? Zurück ins Wäldchen und links ab in die "Insel-Allee". Die besteht aus Gehwegplatten, gesäumt von kleinen, meist braun gestrichenen Holzhäusern. Hier mutet Harriersand an wie eine Kleingartenkolonie. "Alles Privatgelände", sagt Uta Rüther von den "Inselfreunden Harriersand". Gemeinsam mit Ehemann Klaus bewohnt sie eine der 138 größeren Hütten. Im Sommer. Im Winter machen sie die Schotten dicht - Harriersand ist Überschwemmungsgebiet.Richtig viele Touristen wollen sie hier eigentlich nicht haben, schon gar nicht solche, die mit dem Auto über die Brücke kommen, die bei Rade an der Ostseite über die kleine Weser führt. Denn es gibt kaum Parkplätze und auch sonst keine Infrastruktur, nur die Strandhalle, ein Restaurant und Café. Und am Ende lassen die Leute wieder ihren Müll liegen. Nein, die beiden machen erstmal keine Werbung für Harriersand. Und doch verstehen sie, dass Touristen kommen. Schließlich ist das hier "der einzige Strand weit und breit, der kein Geld kostet", meint Klaus Rüther. Rund neun Kilometer ist er lang - bei Ebbe. Und die Weser hat eine gute Wasserqualität und 26 Grad, jedenfalls in einem Sommer wie diesem. "Eltern müssen schon aufpassen", sagt Klaus Rüther. Das Wasser fließt flott, knapp zehn Kilometer pro Stunde. Nichts für kleine Kinder. Doch die bauen sowieso lieber Sandburgen. Große Nichtschwimmer sitzen derweil am Strand und lassen die dicken Pötte auf ihrem Weg nach Übersee vorbeiziehen. Oder beobachten das Treiben im Hafen gegenüber. "Der Binnenländer staunt ja, wenn die Schlepper einen Kahn an die Pier bugsieren. Und wenn der Autocontainer kommt, ist Brake weg."Den besten Blick auf Kaimauer, Kräne und die großen Getreidesilos hat man in Höhe des Zeltplatzes. Der ist, wenn man so will, das touristische Zentrum. Am Eingang, in einer weißen Hütte unter Bäumen, residiert "Platzwart" Alfred Ehlers. Seine 82 Jahre glaubt man ihm kaum. Dass Alfred, wie ihn alle nennen, nicht nur der älteste, sondern auch der netteste Platzwart weit und breit ist, davon ist nicht nur seine Frau überzeugt. Alfred ist die Seele vom Platz. "Alfred, wie heiß wird das heute?" "Alfred, hast du Papier nachgefüllt?" "Alfred, waren wir gestern laut?" Nein, sagt Alfred, und natürlich hat er nichts dagegen, wenn sie sich abends noch um das Lagerfeuer versammeln. Aber um 23 Uhr ist Nachtruhe. Wenn es danach noch laut ist, kann auch Alfred das nicht ändern. Dann wird im Hafen von Brake gerade ein Schiff be- oder entladen. "Aber daran gewöhnt man sich."Es gibt viele Dauerzelter, die hier ihre Sommerferien verbringen. Wenn ihnen die Insel zu klein wird, fahren sie rüber nach Brake, ein Ort mit dem spröden Charme einer norddeutschen Kleinstadt. Und mit einem urigen Schifffahrtsmuseum. Auf alten Karten sieht man noch eine Inselgruppe vor Brake. Sie verschwand vor rund 75 Jahren. Damals wurde die Weser begradigt und vertieft. Aus sieben kleinen Inseln entstand eine große: Harriersand. Links und rechts der Weser ist das Land fruchtbar und flach, also bestens geeignet für Radtouren. Wer Bremen, Bremerhaven, Oldenburg, den Jadebusen und das Künstlerdorf Worpswede kennen lernen möchte, für den liegt Harriersand geradezu zentral. Ursprünglich und ohne viel Komfort, ein wenig abseits vom Weltgetöse und doch ein Hauch von großer weiter Welt, so mögen sie das hier. Eigentlich ist Harriersand ein Paradies, sagt Uta Rüther beim Abschied. Und man ahnt, was sie meint.------------------------------SERVICEAnreise: Am besten mit der Fähre von Brake, das man mit dem Zug oder Auto über Bremen und Delmenhorst erreicht.Unterkunft: Der Zeltplatz (Tel.: 4296/ 13 93) mit seinen rund 100 Stellplätzen ist vom 1. 4. bis zum 30. 9. geöffnet. Von April bis September kann man auch im "Inselhus" der Inselfreunde Harriersand wohnen (Doppelzimmer ab 25 Euro; Tel.: 0172/424 90 96) oder auf dem Bauernhof Steengrafe (Ferienwohnung ab 45 Euro; Tel.: 04296/575). In Brake z. B. Hotel "Haus Linne" (Tel.: 04401/53 57) mit Blick auf Weser und Harriersand.Auskünfte: Brake - Das beste Stück Weser e.V., Tel.: 04401/194 33.Im Internet:www.brake-touristinfo.dewww.inselhof-steengrafe.de------------------------------Karte: Harriersand------------------------------Foto: Keine fünf Fährminuten ist Harriersand von Brake entfernt.