Eine Lesung, die nach nicht einmal anderthalb Stunden endet - so was gibt es beim Vortragskünstler, Übersetzer und "Lindenstraßen"-Nebendarsteller Harry Rowohlt sonst nicht! Während seiner nicht selten vier Stunden dauernden Auftritte, bei denen er immer wieder vom vor ihm auf dem Tisch liegenden Text abweicht, hat er sich die Bezeichnung "Paganini der Abschweifung" hart erkämpft. Am Montagabend in der Kalkscheune hielt Rowohlt sich diszipliniert ans Manuskript. Was mehrere Gründe hatte. Der hauptsächliche: Die Lesung "Marx & Engels intim" wurde für ein Hörbuch, das Ende Mai erscheinen soll, mitgeschnitten. Rowohlt las die Passagen aus Briefen und Texten von Karl Marx, die von dessen Freund Friedrich Engels hatte Linkspartei-Funktionär Gregor Gysi übernommen. Man kennt und schätzt einander. Rowohlt nennt als Grund, warum er für diese Veranstaltung zugesagt hat, zuerst mal Gysi, den er seit Jahren nicht gesehen habe. Ansonsten findet Rowohlt, dass sie beide nur die Zweitbesetzung seien, weil Gysi der Wuppertaler Dialekt so gänzlich fehle. Und weil seiner Meinung nach den Part von Marx doch besser ein gebürtiger Trierer gelesen hätte: "Ich schlug dem Verlag deshalb Guildo Horn vor. Die Protestschreie habe ich bis Hamburg gehört ."Gysi hat zur Besetzung des Abends übrigens eine gänzlich andere Meinung als Rowohlt. Er hält sie für ideal: "Wenn das jemand liest, dann wir!" Allerdings nicht unkommentiert. Dafür kommen in den Briefen von Marx und Engels zu viele Beschimpfungen ganzer Völker (die Schweizer bezeichnete Engels etwa als "grenzenlos aufgeblasenes Volk von vorsintflutlichen Alpenhirten") und Religionen vor. Die Furcht vor Beifall von der falschen Seite ist mit Händen zu fassen. Und Gysi bemüht sich, in seinen Gesichtsausdruck deutliche Distanz zu den besonders dummen Ausfällen von Engels gegen Juden, Schwule und fremde Völker zu legen. Die verbindenden und gelegentlich relativierenden Texte, denen man sicherheitshalber auch entnehmen konnte, dass die Bosheiten, die Marx und Engels über die Juden äußerten, zu ihrer Zeit weit verbreitet gewesen seien, sprach Anna Thalbach.Dass Harry Rowohlt überhaupt wieder für Lesungen zur Verfügung steht, hat mit seiner großen Selbstdisziplin zu tun, die er direkt nach der Diagnose seines Neurologen im Jahr 2007 unter Beweis stellt: "Seitdem ich weiß, dass ich Polyneuropathie habe, schiebe ich Äthanolkarenz." Ausgerechnet der Ambassador of Irish Whiskey trinkt also wegen der Erkrankung seines Nervensystems keinen Alkohol mehr. Was auch seine Lesungen, mit denen Rowohlt, wie er es nennt, seit Jahren "über die Käffer tingelt", verändert hat. Früher nannte er die selbst "Schausaufen mit Betonung", heute steht eine Flasche Wasser vor ihm.Rowohlt hat übrigens extra für die Lesung Bart und Haupthaar sprießen lassen. "Das Äußere muss doch stimmen - für ein Hörbuch!" Die Erlaubnis dafür hat er sich bei Hans W. Geißendörfer, dem Produzenten der Dauer-Serie "Lindenstraße", geholt. Als Penner Harry trägt er das Haar inzwischen nämlich kurz. Der "Lindenstraße", in der er mit Unterbrechungen seit 1995 immer wieder auftaucht, ist Rowohlt dankbar. Seit er dort zu sehen ist, kennt man sein Gesicht, was auch Vorteile hat: "Ich werde jetzt bei meinen eigenen Lesungen reingelassen und an der Tür nicht, wie mir das dreimal im Literaturhaus Hamburg passiert ist, mit der Bemerkung abgewiesen: Hier ist heute Dichterlesung!" In Berlin - daran erinnert sich der fast 64 Jahre alte Rowohlt noch gut - machte sein Kopf vor einer Lesung mal Bekanntschaft mit einem Gummiknüppel. "Die Polizei hielt uns, wie wir da vor der Buchhandlung auf Einlass warteten, wohl für eine nicht angemeldete Demonstration."------------------------------Foto: Gregor Gysi las für eine Hörbuch-Produktion Texte von Friedrich Engels. Die einordnenden Bemerkungen vor einem amüsierten Publikum kamen von Anna Thalbach.------------------------------Foto: Harry Rowohlt hatte Haare und Bart sprießen lassen, um Karl Marx rein äußerlich nahe zu sein.