Harry Toste war einst Kellner, Koch und Besitzer mehrerer Fabriken. Heute macht er Travestie und heißt Strapsharry: Am liebsten ist er die Zarah Leander

"Wir haben beide denselben Stern und dein Schicksal ist auch meins. Du bist mir fern und doch nicht fern, denn unsere Seelen sind eins und darum wird einmal ein Wunder geschehn und ich weiß, daß wir uns wiedersehn." Zarah Leander Sein Dasein verdankt Strapsharry zwei Frauen und dem Regen. Die erste Frau war seine Mutter, die Harry Toste vor 88 Jahren zur Welt brachte. Die zweite war eine stämmige Gastwirtin in irgendeinem brandenburgischen Kaff, irgendwann in den Zwanzigern. Harry machte damals einen Pfadfinder-Ausflug. Den Ausflug zu seiner ersten Verwandlung.Plötzlich kam der Regen und durchnäßte die Wanderbuben so sehr, daß sie sich in eine Gaststätte flüchteten. Die Wirtin verteilte trockene Kleidung an die Jungs. Übrig blieben nur Harry, ein paar Strapse und eine Strumpfhose. "Die wirst du ja wohl nicht anziehen", sagte die Frau. "Warum nicht?", erwiderte Harry. Seine Kameraden tauften ihn damals Strapsharry. So steht er heute sogar im Berliner Telefonbuch.Zarah Leander ist ziemlich alt geworden. Tiefe Falten graben sich in ihr Gesicht, und ihre Augen versteckt sie hinter einer riesigen, dunklen Sonnenbrille. Sie singt von dem Wunder, das einmal geschieht, und bezaubert ihr Publikum. Sehr langsam dreht sie sich dabei um die eigene Achse, hebt ihre Arme in die Waagerechte und dreht grazil die Handflächen nach oben. Sie bewegt vorzugsweise ihre Arme, weil sie auf den Beinen schon etwas wackelig ist. Applaus für eine Diva! Wieder einmal hat sie Strapsharry glücklich gemacht. "Die liebe ich. Ganz Berlin liebt die Zarah", sagt er und schließt sein Brandenburger Publikum stillschweigend mit ein. "Die Zarah darf niemand anrühren, deswegen hatte ich auch mal Ärger mit Nina Hagen, die sie verscheißert hat. Die Zarah war großzügig, bei Lesben, bei Schwulen, bei Heteros. Die hat alles mitgemacht, war modern, aufgeschlossen und eine seltsame Frau."Seit 26 Jahren begleitet Zarah Leander Strapsharry bei jeder seiner Travestien. Im schwarzen Samtkleid, einer dicken Perlenkette, mit dunklen Locken, einer Sonnenbrille und ein paar Gramm Schminke verwandelt sich Harry zur Zarah. In- und auswendig habe er damals jede ihrer Bewegungen auf der Bühne studiert."Damals" ist bei Harry meist ziemlich lange her. Zum letzten Mal gesehen haben sich die beiden während eines Tuntenballs in Berlin vor zwanzig Jahren. Harry lebt vom Ruhm Zarah Leanders. Leider starb sie schon 1981. Sie ist seine liebste Verwandlung.Am Breitlingsee mitten im Brandenburger Land steht die Gaststätte Malge. Dem Wirt war die Idylle im Winter einfach zu einsam. So kam er auf die Idee, den Strapsharry aus dem fernen Berlin einzuladen. "Wir haben heute eine Transvestitenshow", erklärt die Kellnerin beinahe entschuldigend, als wir das Lokal betreten. Die meisten Restaurantgäste wissen nichts von der Show und machen ziemlich überraschte Gesichter, als Strapsharry alias Zarah Leander zwischen ihren Eßtischen auftaucht.Es gibt Irrtümer, die Menschen sympathisch machen. Die Leute von Malge zum Beispiel nennen eine Travestieshow "Transvestitenshow". Ein bißchen nackt klingt das und ein bißchen unanständig.Die Sache mit den Transvestiten ist Harrys liebstes Mißverständnis. "Travestie heißt Verwandlungskunst. Das hat mit Transvestiten gar nichts zu tun, sonst wären ja alle Travestiekünstler schwul", sagt der schwule alte Mann. Glücklicherweise könne man ja nicht jedem in die Hosen gucken.Strapsharry hat viele Hüllen. Im rosafarbenen Tüllkleid mit Federboa bewegt er den Mund der Operettensängerin Fritzi Massary. Wenig später tanzt er als "Frau Luna" im prächtigen, königsblauen Satinkleid einen langsamen Walzer mit seinem Partner Peter. Dann kommt Harry, die Hafennutte direkt aus Piräus, und spielt vor den Leuten von Malge an seinen Gummi-Titten herum. Und am Hosenschlitz eines armen Brandenburger Ehemannes, den er sich aus dem Publikum gegriffen hat. Nana Mouskouri singt dazu von Piräus, dem Meer und den Matrosen. Das Publikum johlt.Drei- bis viermal in der Woche tritt Strapsharry auf, bei Betriebsfeiern, Privatpartys, in Diskotheken oder Klubs. Er brauche immer etwas zu tun, könne nicht stillsitzen, das sei wohl angeboren, sagt er.In Malge haben die Dreamboys schon zwei Stunden Show geboten. "Wir machen noch eine kleine Nummer, dann ist Schluß", sagt Harry etwas kurzatmig, wischt sich mit einem Taschentuch Lippenstiftreste von den Zähnen und wühlt in einem riesigen Berg aus Kostümen.Nach der Vorstellung schlüpft Harry wieder in seine Alltagskluft, schwarze Strapse, rote Strumpfhosen, weiße Tennisshorts und ein Muskelshirt mit der Aufschrift "Strapsharry". Sein Haar trägt er lang und gelblich grün, "aus Tradition und zur Wiedererkennung", seine Fußnägel sind knallrot lackiert. So sitzt der Verwandlungskünstler auch in seiner Wohnung, so geht er einkaufen oder zum Arzt. Im Winter zieht er natürlich einen Mantel drüber und benutzt wärmere Strumpfhosen, "aber das merkt ja keiner".Lise-Meitner-Straße 11. Ein achtgeschossiges Hochhaus ragt einsam aus der Industrielandschaft am Berliner Westhafen. Kein Ort für Satinkleider und Federboas, Galas und Travestien. Am Klingelbrett heißt Strapsharry sogar wieder "Toste". "Der älteste Travestiekünstler der Welt", wie Harry von sich behauptet, wohnt auf 32 Quadratmetern; ein Zimmer mit Miniküche und Bad. In einer Zimmerecke befindet sich sein Nachtlager; Harry schläft bevorzugt auf Lammfellen. Mitten im Raum stehen zwei ziemlich abgeschabte Sessel mit Filzbezug und Lehnen aus Kunstleder.Einen Schritt weiter, an der Fensterfront, betreibt Harry sein Büro. Auf dem Schreibtisch türmen sich die Papiere, es gibt ein Faxtelefon. Die klapprige Kommode daneben scheint gerade noch den alten Fernseher und einen Videorecorder tragen zu können.Die Satinkleider und Federboas hängen an einer Kleiderstange hinter einem Vorhang gleich neben der Eingangstür. Darüber hat Harry seine alten Operettenplatten gestapelt. Musik der zwanziger Jahre. Der alte Mann erzählt gern von dieser Zeit. Als Fünfzehnjähriger riß er von zu Hause aus, machte zwei Ausbildungen zum Kellner und Koch in Leipzig, arbeitete in Auerbachs Keller, danach in Nobelhotels im Rheinland. Schließlich fuhr er nach Berlin, um sich mal die Stadt anzusehen und lernte prompt den Sohn eines Restaurantbesitzers kennen, "so eine Männerbekanntschaft, he, he, he".Wenig später hatte er sein eigenes Restaurant. Er hatte einfach die richtigen Männer kennengelernt. Dann lernte er eine Frau kennen. Sie war zufällig die Tochter eines Lebensmittelgrossisten in Hamburg. Harry, der große Verwandler, lernte nun, eine Frau zu lieben. In den sieben Jahren seiner Ehe wurde er Besitzer eines chemischen Betriebes und einer Lebensmittelfabrik in Berlin sowie einer Spielefabrik in Chemnitz. Außerdem besaß er zwei Grundstücke samt Haus im Grünen und wurde Vater einer Tochter und eines Sohnes. Harry, der Familienvater. "Wir hatten eine fabelhafte Ehe, und meine Frau machte alles mit", sagt Harry, der trotzdem nie von den Männern lassen konnte.Vor allem war sie sein Schutzengel. Sie rettete ihn nicht nur vor der Wehrmacht mit der Behauptung, Harry sei krankhaft schießwütig, sondern auch vor der Gestapo. Die hatte ihn für ein halbes Jahr eingesperrt, wegen sexueller Beziehungen zu einem Kameraden während eines HJ-Zeltlagers. Dann machten sie ihm den Prozeß. Der Richter fragte, ob er homosexuell sei und Harry antwortete, er wisse nicht einmal genau, was das sei. Seine beste Verteidigung wartete derweil draußen vor dem Verhandlungssaal. Seine Frau.1948 trennte sich das Ehepaar. Noch immer greift Harry am 26. November zum Telefonhörer und gratuliert seiner Ex-Frau zum Geburtstag. Der letzten Frau in seinem Leben. Heute würde er allenfalls Charlotte von Mahlsdorf ehelichen, mit der er sich häufiger trifft. Aber die zieht ja demnächst nach Schweden um.Die Fotografien über Harrys Bett erzählen von seinem zweiten Leben, von schönen jungen Männern, von Sex und von Tod. Ein Bild zeigt Harrys Sohn Michael als blauen Engel. Michael war ebenfalls Travestiekünstler und starb schon mit 62. Eine andere Fotografie mit Trauerflor zeigt einen gewissen Tossi: "Das war Selbstmord. Liebesgeschichten, das gibt es heute auch noch, soll man nicht für möglich halten."Und schließlich Armin, mit dem 1969 alles anfing. Der zarte Jüngling imitierte in Harrys damaligem Club in der Martin-Luther-Straße spaßeshalber Schlagerstars wie Peggy Lee. "Heute heißt Armin Armine und ist eine Frau, so eine Schande", erzählt Harry, für den jedes Bild eine Geschichte ist. Durch Armin fand er Geschmack an der Travstie, nannte sich fortan nur noch Strapsharry und gründete mit seinen Freunden die "Dreamboys Lachbühne".1974 zog das Ensemble um in ein kleines Theater an der Bundesallee und nannte sich "Crazy Theater". Gleichzeitig betrieb der Autonarr Harry ein Autodrom, eine "Berliner Errungenschaft". 1976 gründete er die "Liga Letzte Hilfe", einen Verein zur Unterstützung der Sterbehilfe. Die Liga gab er nach einem Anschlag und dauernden Drohungen ein Jahr später wieder auf. Das Theater verkaufte Harry 1984, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Und das Autodrom mußte 1987 der Gedenkstätte auf dem Prinz-Albrecht-Gelände in Kreuzberg weichen.Manchmal kann Strapsharry nicht schlafen. Er setzt sich dann an den Schreibtisch und verfaßt seltsame Pamphlete. Unter dem Titel "Information des Verwandlungskünstlers (Travestie) Strapsharry" macht er sich Gedanken über "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", worunter er zum Beispiel die Enteignung seiner Häuser in der DDR versteht, über Tiertransporte, diese "Verbrechen gegen die Tierwelt" oder die "Verrohung der Jugend", die über die Nazizeit aufgeklärt werden müsse.Wenn es ihm draußen zu kalt wird, sorgt Harry für einen Ortswechsel. Im Augenblick ist er mal wieder für zwei oder drei Monate nach Thailand geflogen. Im Großen und Ganzen läßt er sich dort die Sonne auf den Bauch scheinen, ißt vorzugsweise gebratene Ente und hat ein bißchen Sex, "weil der mich jung hält".Abends gibt Harry im "Bavaria-Club" vor deutschen Touristen die Zarah Leander zum Besten. Oder die Hafennutte aus Piräus. Die kommt dort besonders gut an. Für die Hafennutte trägt Harry eine grüne Perücke, und seine Beine stecken in kniehohen, silbernen Lackstiefeln."Ich bin ein Mädchen aus Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer, ich lieb' das Lachen der Matrosen und Küsse, die schmecken nach See, nach Salz und Meer", singt Nana Mouskouri in der Gaststätte Malge am Breitlingsee im Brandenburger Land vom Band. Harry scharwenzelt um den Tisch zweier einheimischer Ehepaare herum, greift sich plötzlich einen der beiden Ehemänner, plaziert ihn auf einen Stuhl und befummelt den angespannten Männerbauch unter dem biederen Pullover. Gefährlich nah manövriert er seinen roten Kußmund an den Hosenschlitz des Brandenburgers und entläßt ihn schließlich mit einem deftigen Schmatzer auf die Stirn wieder an seine Frau.Das Publikum johlt. Harrys Opfer, ein Herr Reich aus dem Ort Reckahn, findet übrigens danach, er sei ja zu vielem bereit, aber zu seinem Geburtstag würde er Strapsharry nicht gerade engagieren, das ginge ein bißchen zu weit.Daß seine Nummern nur ein bißchen zu weitgehen, ist Harrys Erfolgsrezept. Skandale mag er nicht. +++