Auch Künstler können arbeitslos werden. Dieser Satz ist keine Binsenwahrheit, sondern eine Einleitung, denn die meisten Künstler können eben nicht arbeitslos werden. Dazu zählen Maler, Popsänger, Komponisten, Drehbuchautoren, DJs, Fotografen und Schriftsteller, also Freiberufler. Sie alle würden sich nicht als arbeitslos bezeichnen, auch deshalb, weil sie nie Arbeitslosengeld beziehen. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht "abhängig beschäftigt" sind, wie der Fachbegriff für Lohn- und Gehaltsempfänger heißt, und sich also auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld erarbeiten können. Dichter und Maler, die von dem Verkauf ihrer Bücher oder Bilder nicht leben können, müssen ihr Brot anders verdienen. Ihnen kann die Auswirkung der Hartz-IV-Gesetze auf den Arbeitsmarkt herzlich egal sein. Bei Schauspielern, Kameraleuten, Kostümbildnern und Orchestermusikern ist das anders. Diese Künstler sind in der Regel abhängig beschäftigt und an den Empfang von Arbeitslosengeld gewöhnt. Allerdings höchst unterschiedlich, so unterschiedlich wie die folgenden drei Fälle. Der Schauspieler Anton A. verliert nach 30 Jahren seine Anstellung, weil sein Theater geschlossen wird. Er bekommt nach Hartz IV nur noch 12 Monate Arbeitslosengeld. Danach muss er seine Ersparnisse aufzehren und seinen Oldtimer verkaufen, bevor er Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen könnte. 30 Jahre lang hat er in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, gerade ein Jahr lang entschädigt sie ihn. A. ist sicher, dass er das Geld für die Arbeitslosenversicherung privat besser angelegt hätte. Von dem solidarischen System profitiert er wenig. Anders seine Kollegin Berta B., Darstellerin in einer Fernsehserie. Die Serie läuft nun schon das sechste Jahr, beim Fernsehsender ist sie neun Monate pro Jahr angestellt und bekommt 22 000 Euro Monatsgehalt. In der restlichen Zeit bezieht sie Arbeitslosengeld - 1 800 Euro im Monat. Außerdem zahlt das Arbeitsamt ihre Beiträge für die Rentenversicherung. Auch Schauspieler mit viel höheren Gagen wie Susanne von Borsody, Bernd Herzsprung, Gaby Dohm oder Ulrike Folkerts - sie verdient mit einem "Tatort" 80 000 Euro - lassen sich zwischen zwei Engagements Arbeitslosengeld auszahlen. Für Darsteller mit vielen Drehtagen wird sich mit Hartz IV vielleicht nichts ändern.Cordula C. dagegen, eine Schauspielerin mit nur gelegentlichen Verpflichtungen beim Fernsehen und am Theater, wird mit dem neuen Gesetz von jedem Anspruch auf Arbeitslosengeld ausgeschlossen. Es sieht nämlich vor, dass sie in zwei Jahren mindestens 360 Kalendertage angestellt gewesen sein muss, bevor sie Ansprüche geltend machen kann. Vorher musste sie nur in drei Jahren 360 Tage vorweisen. Das haben etliche Künstler geschafft, wodurch sie zusammen mit dem Arbeitslosengeld ein gutes Auskommen hatten. Jetzt dagegen fragt sich Cordula C., warum sie Arbeitslosenversicherung zahlen muss, wenn sie von ihr nicht profitieren darf. Schon stellt die besonders betroffene Film- und Fernsehbranche die Frage, ob die Neuregelung nicht sogar verfassungswidrig ist, weil viele Versicherte sie im Bedarfsfall nicht nutzen können. Einkommensmillionären dagegen würde sie weiter zugänglich sein.Das Argument der Fernsehstars für den Bezug von Arbeitslosengeld lautet: Es handelt sich um eine Versicherung, auf die man Anspruch habe. Die Hausratsversicherung zahlt auch ohne Ansehen des Vermögens. Dabei aber wird geflissentlich übersehen, dass es sich hier nicht nur um eine Versicherung handelt, sondern auch um einen hoch subventionierten Solidarpakt. 2003 wurden in Deutschland 29 Milliarden Euro Arbeitslosengeld ausgezahlt. Der Zuschuss des Bundes an die Arbeitsagentur betrug 6,2 Milliarden Euro, weil die Versicherungsbeiträge längst nicht mehr reichen. Das Hartz-IV-Gesetz wurde ja auch deshalb ersonnen, weil die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben immer größer wird. Hartz IV aber bedeutet für die Mehrzahl der versicherungspflichtigen Künstler nicht einfach eine Einschränkung ihrer Ansprüche auf Arbeitslosengeld, sondern ein Erlöschen. Die Filmbranche ist alarmiert. Karl-Otto Saur vom Bundesverband Deutscher Fernsehproduzenten rechnet damit, dass 50 000 Menschen betroffen sind, von denen ein erheblicher Teil seine bisherige Arbeit aufgeben müsse. Vielleicht führt dies zu einer Bereinigung eines übersättigten Arbeitsmarktes? Saur entgegnet, dass die fetten Jahre auch hier vorbei seien. Allein die Zahl der für das Fernsehen gedrehten Spielfilme hat sich von 2001 (300 Filme) bis 2004 (etwa 170) fast halbiert. Die Auswirkungen hätten vor allem diejenigen zu tragen, die ohnehin am Ende der Verdienstkette stünden. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nicht um die Fernsehproduzenten muss man sich sorgen, sondern darum, dass sich auch hier wie in der ganzen Gesellschaft die Schere zwischen Spitze und Masse immer weiter öffnet. Ende der 90er-Jahre, als die Filmindustrie explodierte, passierte nämlich dasselbe mit den Star-Gagen. Saur: "Heute kassiert ein Hauptdarsteller bis zu 20 000 Euro pro Tag. An allem anderen wird hart gespart - zum Beispiel an der Zahl der Drehtage."Jetzt ersinnen die Verbände Gegenmaßnahmen, um die Filmbranche weiter am Kuchen des Arbeitslosengeldes teilhaben zu lassen. In Tarifverhandlungen verfiel man bereits darauf, einen Drehtag, der in der Regel 12 Stunden hat, nicht nach Tagen sondern nach Stunden abzurechnen, wodurch sich die Anrechnungszeiten für Arbeitslosengeld erhöhten. Verbreitet ist bisher - je nach Bedarf - auch das umgekehrte Verfahren: Filmgesellschaften schließen Verträge nur für Drehtage, also den 1., 10., 12. und 30. Juni, statt für Juni. Dabei sparen beide Seiten Sozialabgaben.Und das genau trifft den absurdesten Punkt in der Film- und Theaterbranche: Hier werden immer Anstellungsverträge abgeschlossen. Wer auch nur für einen Tag am Filmset eine Rolle spielt, wird sofort Angestellter der Filmgesellschaft. Jeder Freiberufler stellt Honorare in Rechnung, der Schauspieler muss sich anstellen lassen. Der bürokratische Aufwand ist der reine Irrsinn, aber Vorschrift. Schauspielern, Kameraleuten, Ausstattern wird seit den 80er-Jahren die Selbstständigkeit ihrer Arbeit abgesprochen, weil sie nach den Anweisungen des Regisseurs arbeiten. Arbeitslosenversicherung zu zahlen, steht also nicht in ihrem Ermessen. Es sind ärgerliche, teure und demnächst vielleicht sogar verfassungswidrige Vorschriften, an denen nicht die Profiteure Schuld tragen. Überhaupt ist es keine moralische, sondern eine strukturelle Frage, die nach einer grundsätzlich neuen Ordnung verlangt. Die Frage lautet einerseits: Warum darf der hoch bezahlte Schauspieler zwischen zwei Filmen von der Arbeitslosenkasse leben, während der arme Maler zwischen dem Verkauf von zwei Bildern kellnern muss? Ist es vernünftig , dass Filmleute bisher nur ein Drittel des Jahres arbeiten müssen, während den Rest des Jahres das Arbeitsamt finanziert? Wenn sich der Sozialstaat, der gerade jede Leistung in Frage stellt, das nicht weiter leistet, wie sollen Künstler dann abgesichert werden? Ist Kulturförderung über den Umweg der Arbeitslosenversicherung klug? In Frankreich war es bis zum vorigen Jahr so ähnlich. Das Land leistet sich anders als Deutschland kaum feste Ensembles an seinen Bühnen, lässt die Spielzeiten von Gästen bestreiten, hat dafür aber lange deren Arbeitslosigkeit finanziert. 950 Millionen Euro flossen 2002 an arbeitslose Künstler in Frankreich; aber nur 124 Millionen haben diese eingezahlt. Eine solche Statistik gibt es in Deutschland nicht. Auch Frankreich schränkt diese Zahlungen nun erheblich ein, weswegen sich beim Theaterfestival in Avignon dieser Tage wieder Künstler protestieren.Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein zieht daraus den Schluss, dass das deutsche System des Ensemble-Theaters das viel bessere ist: Mit einer Fördersumme von nur zwei Milliarden Euro seien die deutschen Bühnen äußerst leistungsfähig: "Stadttheater geben 800 bis 900 Vorstellungen im Jahr, die Angestellten sind gut ausgelastet und werden regelmäßig bezahlt, das ist doch ein betriebswirtschaftlich sehr vernünftiges System." Das kann man für die Filmbranche nicht sagen, obwohl gerade hier mit den großen Summen operiert wird. Als Faustregel gilt: Wer am Stadttheater eine Monatsgage von 1 500 Euro (Minimum) bezieht, bekommt für einen Kurzausflug ans Filmset diese Summe als Tagesgage. Bei doppeltem Monatsgehalt verdoppelt sich die Tagesgage. Diese schrille Verteilung soll hier nicht diskutiert werden. Die Verteilung des Arbeitslosengeldes aber, die sollte nach Grundsätzen der Gerechtigkeit ausfallen.Und deswegen wäre die Abschaffung des Anstellungszwanges für Künstler in der Filmbranche der erste vernünftige Schritt. Weil aber damit zuerst die bedürftigen Künstler getroffen werden, weil diese sich schnell dem schwachen Einkommen von Freiberuflern annähern, weil der Traum von ausreichenden Jobs eine Illusion bleiben wird, muss hier eine radikale Lösung gefunden werden, so radikal wie der Einschnitt von Hartz IV. Das heißt, ein anderes soziales Sicherungssystem für Künstler muss entwickelt werden, möglicherweise lässt sich das Modell der Künstlersozialkasse ausweiten. Darin übernimmt der Staat anteilig die Renten- und Krankenversicherung und bietet Künstlern eine Existenzgrundlage. Solche Überlegungen gibt es bereits in der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland". Allerdings ist Eile geboten. Bei der Geschwindigkeit, mit der hier die Sicherungssysteme abgebaut werden, ist kaum mitzuhalten. ------------------------------Arbeitslosengeld für Künstler // Schauspieler und Künstler der Filmbranche müssen künftig in zwei Jahren 360 Tage gearbeitet haben, um Arbeitslosengeld zu bekommen. So viele Drehtage haben die wenigsten, trotzdem sollen sie in die Arbeitslosenkasse einzahlen. Das könnte verfassungswidrig sein. Die Film- und Fernsehverbände sind alarmiert. Spitzenverdiener mit bis zu 20 000 Euro Gage pro Tag haben allerdings ebenfalls ein Anrecht auf Arbeitslosengeld und nutzen es auch. Das schließt das Hartz- IV-Gesetz nicht aus. Dabei ist das Arbeitslosengeld nicht nur eine Versicherung, sondern wird hoch subventioniert. Freiberufler wie Maler, Schriftsteller, Komponisten und Fotografen können nie ein Anrecht auf Arbeitslosengeld erwerben. Wenn ihr Job nicht einträglich genug ist, müssen sie sich einen Brotberuf suchen. ------------------------------Foto: Wenn Maler nicht genügend Bilder verkaufen, müssen sie kellnern - oder wie hier protestieren. Schauspieler dagegen beziehen Arbeitslosengeld.

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