Es gibt Fotos von ihm, da posiert er, die langen, tiefschwarzen Haare zum Zopf gebunden und ganz in schwarz gewandet, auf einem schneeweißen Fell vor einem Kamin. Ein Teenie-Schwarm mit Bravo-Titel-Blick. Und es gibt Fotos von ihm, auf denen zu sehen ist, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Zweikämpfe auf dem Rasen bestreitet: engagiert, aggressiv, erfolgreich. Hasan Vural, seit Juli 1996 Fußballprofi bei Hertha BSC mit dem speziellen Aufgabengebiet Manndecker. Seine Teamkameraden rufen den 23jährigen Maldini, was dem jungen Mann durchaus gefällt. Seine Statur, seine Bewegungen und nicht zuletzt das Äußere erinnern stark an den italienischen Weltklasse-Defensivkünstler Paolo Maldini, den Kapitän des AC Mailand.Vurals Trainer Jürgen Röber glaubt fest daran, daß dieser junge Mann einmal ein Großer seiner Branche wird. Doch solche Überlegungen behält er lieber für sich. Schon zu oft hat der Fußball-Lehrer Röber erlebt, daß Talente nach einem kurzen Höhenflug in der Versenkung verschwanden. Röber weiß, daß einer wie Vural, "der wie ein Filmschauspieler aussieht und eine Figur wie Adonis hat", vielen Gefahren der Branche ausgeliefert ist. "So einen, den greifen die Journalisten doch gerne heraus", weiß Röber. Und so einer, der bekommt sehr schnell sein Image weg: Mädchenschwarm. Einer, dem alles leichtfällt.Aber Hasan Vural hat eine feste Freundin namens Marlene und gibt sich anders, was man auch beim Montagabendspiel der Hertha gegen den VfL Wolfsburg (1:0) beobachten konnte. In seinem zweiten Meisterschaftsspiel über volle 90 Minuten gehörte er wie schon vor einer Woche in Mainz zu den Besten und ließ seiner Freude darüber freien Lauf. Seine Umarmung am Mittelkreis glich einem Klammergriff. Unter seinen stattlichen 187 Zentimetern Körpergröße verschwand der Ungar Pal Dardai, der sich, total verschwitzt, an die Vuralsche Brust drängte. Der drückte den 20jährigen Kollegen aus Budapest herzlich. Gerade war das Spiel gegen die Wolfsburger zu Ende gegangen. Vural beglückwünschte den Mann aus Budapest zu dessen Meisterschafts-Debüt. "Hertha, über alles", sprudelte es in gebrochenem Deutsch aus Dardai heraus.Beide, den Manndecker Vural, der zuletzt den bundesligaerfahrenen Carsten Kober (ehemals Hamburger SV) aus der Stammformation der Berliner verdrängte, und den talentierten Mittelfeldspieler Dardai, verbindet schon so etwas wie eine junge Freundschaft. Im Trainingslager und bei Auswärtsspielen teilen sie ein Zimmer. "Der Pal, das ist ein sympathischer Junge, der ist allein in Berlin und braucht Hilfe", sagt Vural. Er spricht mit dem Ungarn viel deutsch "und ab und an englisch."Beim Spiel gegen die Wolfsburger gehörten beide zu denjenigen, die die wenigsten Fehler produzierten. Was schon etwas bedeutete. Eyjölfur Sverrisson ("das war grausam, mein schlechtestes Spiel für Hertha"), Axel Kruse ("die erste Halbzeit war eine Katastrophe") oder Marc Arnold ("ich stand neben den Schuhen") übten sich wie andere auch in Selbstkritik und legten sich übereinstimmend auf den Tenor fest: "Wer solche Spiele trotzdem gewinnt, der steigt am Ende auch auf."Hasan Vural will davon noch nichts wissen, bleibt vorsichtig. In der fehlenden Aggressivität aller sah er die Ursache für die unglaublich vielen individuellen Fehler, die die Wolfsburger aber nicht bestraften. "Wir müssen gegen alle Gegner, egal ob sie in der Tabelle weit oben oder unten stehen, voll zur Sache gehen", fordert der Manndecker, der den Wolfsburger Angreifer Piotr Tyszkiewicz beherrschte und bei jedem Eckball wegen seiner Kopfballstärke mit in den gegnerischen Strafraum ging.Hasan Vural, in Berlin geboren - seine Eltern sind türkischer Nationalität - begann bei den Amateuren der Reinickendorfer Füchse mit dem Fußballspielen. Gerd Achterberg, Wolfgang Sandhowe und zuletzt Frank Rohde waren seine Fußball-Lehrer. Rohde, einst Libero beim BFC Dynamo, beim Hamburger SV und zuletzt bei Hertha BSC, über den Senkrechtstarter der laufenden Serie: "Der Hasan hatte zuerst außer seinen körperlichen Vorzügen, seiner Größe und seiner Schnelligkeit, keine großen Voraussetzungen. Er konnte die Bewegungsabläufe nur schlecht koordinieren, technisch und taktisch galt er als bescheidener Spieler." Seine schnelle Integration bei den Hertha-Profis kommt für Rohde trotzdem nicht überraschend. "Der war ungemein willig, unheimlich trainingsfleißig, absolut hungrig." Der Jungprofi Vural, so scheint es, ist vor allem ein Produkt seines Ehrgeizes, seines Willens und seiner Lernfähigkeit. Rohde: "Manche Übungen haben wir vierzig, fünfzig Mal wiedergeholt. Und immer noch klappte es nicht. Da hat er es eben siebzig Mal gemacht, bis es okay war." Angebote vom 1. FC Nürnberg und aus der Türkei lagen vor, ehe Röber schnell reagierte. In Absprache mit Frank Rohde absolvierte Vural ein Probetraining und wurde genommen. Röber: "Den haben wir noch für 3,50 Mark gekriegt."Der erfahrene Hertha-Coach sagt, "wenn der jetzt noch so richtig Fußballspielen lernt, dann mußt du ihn irgendwo mit dem Lasso einfangen." Die Berliner haben Vural erstmal bis zum 30. Juni 1998 gebunden. Rohde sagt: "Der darf jetzt bloß nicht abheben", und auch Röber warnt: "Der hat diese südländische Mentalität. Der muß wissen, daß der Fußball jetzt für ihn die nächsten zehn Jahre sein Job sein wird, und daß er dementsprechend leben muß." +++