BERLIN, 12. Mai. Der Fall schien aufgeklärt, die Affäre beendet: Ende Januar 2003 verurteilte das Oberlandesgericht München einen zum Bundesnachrichtendienst abkommandierten Bundeswehroffizier in einem Geheimprozess zu einer elfmonatigen Bewährungsstrafe. Ein zweiter Angeklagter kam mit einer Geldbuße davon. Der Haupttäter hatte nach Überzeugung des Gerichts Informationen von zwei Moskauer BND-Agenten mit den Decknamen "Rübezahl" und "Eulenspiegel" manipuliert. Dadurch war im Jahre 1996 der damalige Erste Direktor im BND, Volker Foertsch, in den Verdacht geraten, Spion eines russischen Geheimdienstes zu sein. Das Urteil ist zwar rechtskräftig. Aber weil es in dem Münchner Strafprozess vor allem um die Herkunft der "Rübezahl"-Informationen ging und weniger um ihren Wahrheitsgehalt, schwelt die Spionageaffäre weiter. Im nun bevorstehenden truppendienstrechtlichen Verfahren der Bundeswehr um die Pensionsansprüche der verurteilten Offiziere dürfte sie nun zum wiederholten Mal eine Rolle spielen. Wie es heißt, sollen in diesem Verfahren weitere Indizien für den Spionageverdacht präsentiert werden. Möglich wäre es, dass das bereits abgeschlossene Strafverfahren gegen die Bundeswehroffiziere danach noch einmal aufgerollt werden muss. In diesem Fall stünden auch die Vorwürfe gegen den mittlerweile pensionierten Foertsch, der eine Spionagetätigkeit für Moskau bis heute heftig zurückweist, zur erneuten Prüfung an.Mysteriöse UrlaubsreiseInsider aus dem BND verweisen darauf, dass ein Verdacht gegen Foertsch im Dienst nicht erst mit den "Rübezahl"-Informationen entstanden sei. So gebe es Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes, die den ehemaligen BND-Spitzenbeamten schon einmal kurz nach der Wende in die Nähe des KGB rückten. Auch sollen belastende Aussagen eines sowjetischen Überläufers existieren. Foertschs Name soll sich zudem in einem etwa sieben Jahre zurückliegenden dienstinternen Untersuchungsvorgang des BND finden, in dem Verdachtsfälle der letzten 20 Jahre in dem Auslandsgeheimdienst analysiert worden waren. Der mit der geheimen Untersuchung beauftragte Beamte hatte seinerzeit alle Hinweise und Indizien zusammengeführt und diese in Beziehung zu einigen Pannen des Dienstes gesetzt, die auf mögliche Verratshandlungen hindeuteten. Und schließlich erinnern sich manche Mitarbeiter auch noch an eine mysteriöse Urlaubsreise nach Minsk oder Kiew im Sommer 1996, die Foertsch dem Dienst zunächst verschwiegen haben soll. Andere wiederum verweisen auf eine "ungewöhnliche Verwandtschaftsbeziehung", die ihn auf besondere Weise mit Russland verbinde. Obwohl einige dieser Dinge seit Jahren in der BND-Spitze bekannt sind, schien Volker Foertsch bis 1996 unantastbar zu sein. Das lag zum einen an seiner beeindruckenden Karriere, die den Sohn eines Wehrmachtsgenerals zu einem bei Freund und Feind hoch geschätzten Nachrichtendienstler gemacht hatte. Foertsch war 1953 in den BND-Vorläufer "Organisation Gehlen" eingetreten und hatte sich als Ziehsohn des Dienstgründers Reinhard Gehlen nach oben gearbeitet. Den Gipfel seiner Karriere erreichte er 1989, als er Chef der Beschaffungsabteilung wurde. In dieser Position war er in alle Operationen des Dienstes eingeweiht und kannte das gesamte Quellennetz des BND. Zu seiner Unantastbarkeit trugen aber nicht zuletzt auch seine engen Beziehungen in Helmut Kohls Bundeskanzleramt und hierbei insbesondere zum Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer bei. Kenner der Szene vermuten, dass Foertsch Kenntnis über eine Reihe brisanter Vorgänge besitzt, deren Enthüllung für die Kohl-Regierung und die Bundesrepublik noch heute peinliche internationale Folgen haben könnten. Im Herbst 1996 aber schien Foertsch dann doch ernsthaft in die Klemme zu geraten, als die Moskauer BND-Quelle "Rübezahl" konkrete Hinweise auf einen russischen Topspion in der Pullacher Chefetage lieferte. Die Details, die "Rübezahl" und eine weitere Quelle namens "Eulenspiegel" in den folgenden Wochen nachreichten, lenkten den Verdacht auf den damals als Chef der Sicherheitsabteilung tätigen BND-Direktor. "Rübezahl", der sprichwörtlich an der Quelle saß, lieferte sogar ein Dokument - einen so genannten Rapport des KGB-Nachfolgedienstes FSB -, das den Verdacht gegen Foertsch erhärtete. Der BND ließ Foertsch daraufhin 16 Monate lang überwachen. Die in einer internen und sehr gründlichen Ermittlung - teilweise mit Unterstützung des Bundesamtes für Verfassungsschutz - zusammengetragenen Indizien schienen letztlich so belastend, dass der Dienst nach Rücksprache mit dem Kanzleramt die Bundesanwaltschaft einschaltete. Der ermittlungsführende Bundesanwalt aber stellte bereits nach wenigen Tagen für viele überraschend das Verfahren ein und übergab den Fall der Münchner Staatsanwaltschaft, die nach kurzer Zeit Anklage wegen Betrugs gegen die beiden Verbindungsführer von "Rübezahl" und "Eulenspiegel" erhob. Ein unauslotbarer BrunnenEr habe in dem Prozess einen Brunnen vorgefunden, der unauslotbar ist, hatte der Münchner Richter in seiner Urteilsbegründung im Februar resigniert festgestellt. Beim BND schien man mit dieser Einschätzung zufrieden, denn an einer Aufklärung der unliebsamen Affäre scheint dort niemand mehr interessiert zu sein. Mit den alten Geschichten will der moderne Auslandsnachrichtendienst von heute offenbar nichts mehr zu tun haben.DARCHINGER Bis heute weist der ehemalige BND-Direktor Volker Foertsch jeden Spionageverdacht gegen sich zurück.