BERLIN. Als Hatice Tekin in ihrem Büro in einem Kreuzberger Hinterhof ankommt, entschuldigt sie sich erstmal: für die Verspätung und dafür, dass sie nichts zu Essen und zu Trinken anbieten kann. An beidem ist der Ramadan schuld. Der muslimische Fastenmonat, der noch bis Mitte Oktober dauert, ist eine arbeitsreiche Zeit für Imame: Es gibt mehr Gottesdienste in den Moscheen, die viel besser besucht sind als sonst; es wird mehr gebetet und mehr im Koran gelesen.Gottesdienste in zwölf MoscheenHatice Tekin ist Imamin, muslimische Predigerin und Geistliche, die einzige in Berlin. Anfang September wurde sie von ihrem Arbeitgeber Ditib, dem größten türkisch-islamischen Verband in Deutschland, aus der Türkei hergeschickt. In zwölf der 80 Berliner Moscheen hält die 33-Jährige Gottesdienste, auch in der großen Moschee am Columbiadamm in Neukölln.Eine Frau, die vor Muslimen predigt? Hatice Tekin sagt, sie verstehe nicht, warum das in Deutschland als außergewöhnlich angesehen wird. In der Türkei sei es nicht unüblich, dass Frauen solche Positionen besetzten. Anders als im Judentum und im Christentum hätten Frauen im Islam schon immer eine große Rolle gespielt. Sie räumt ein, dass vor allem in kleinen Gemeinden nach wie vor Männer dominieren würden. "Das ist aber nicht islamische Tradition", sagt die Theologin. Und dass etwa Frauen in von Männern getrennten Räumen beten, sei einfach angenehmer. Bei den vielen Verbeugungen wolle man eben nicht die Blicke weiter hinten sitzender Männer auf sich gerichtet wissen.Es ist nicht klar, ob Hatice Tekin wirklich meint, was sie sagt, oder ob sie sich auf eine kritische Sicht ihrer Religion nicht einlassen will. Auch außerhalb der Moscheen seien muslimische Frauen in ihren Rechten keineswegs eingeschränkt, sagt sie. Themen wie Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde seien in vielen Teilen der Türkei unbekannt: "In unserer Religion ist Zwangsheirat verboten", sagt sie. Schon der Prophet Mohammed habe bei Beschwerden weiblicher Ehepartner die eheliche Verbindung annulliert. Es gehöre sich jedoch, sagt Hatice Tekin, dass Töchter auf ihre Eltern hören.Dass der Islam von nicht wenigen Deutschen für Zwangsehen und Ehrenmorde auch unter Migranten verantwortlich gemacht wird, scheint Tekin nicht bewusst zu sein. Sie ist in ein Land gekommen, über das sie nicht viel weiß. Der Verein Ditib, der seinen Hauptsitz in Köln hat, schickt seine Prediger in verschiedene europäische Länder, meist für vier Jahre. Tekin sollte eigentlich nach Frankreich gehen, es hätte sie gefreut, Französisch spricht sie ein wenig. Dann aber fiel die Imamin aus, die für Berlin vorgesehen war, Tekin musste einspringen, reichlich überstürzt. Die Zeit reichte nicht einmal, um an dem üblichen sechs Monate langen Kurs zur Vorbereitung auf Deutschland teilzunehmen. Im Koran stehe, dass man die Erde erkunden solle, zur Zufriedenheit Gottes, sagt Hatice Tekin. Deswegen gehe sie gern ins Ausland. Ihr Mann, ebenfalls Prediger, ist mitgekommen. Für die beiden Töchter, fünf Jahre alte Zwillinge, sei es eine gute Chance, eine zweite Sprache zu erlernen. Sie selbst spricht noch kein Deutsch.Es ist Tekins erster Einsatz als Imamin. Sieben Jahre Ausbildung in der Türkei hat sie hinter sich. Nach der Hochschulreife folgte ein vierjähriges Studium der Theologie. Danach leisten die angehenden Prediger einen dreijährigen praktischen Dienst, eine Tätigkeit mit religiösem Hintergrund - etwa im Erziehungsbereich. Am Ende muss eine Art Staatsexamen abgelegt werden. Seit einem Jahr würden keine Frauen mehr in die Ausbildung zur Imamin aufgenommen, sagt Tekin, die Nachfrage sei zu groß.Bedauerlich findet sie, dass es in Deutschland gar keine Möglichkeit gibt, Imam zu werden. Die Vorlesungen am neu gegründeten Lehrstuhl für Religion des Islam in Münster richten sich vorerst nur an Religionslehrer, die sich weiterbilden wollen.Hatice Tekin ist mit ihrer Familie nach Kreuzberg gezogen, vorerst in eine Ditib-Gastwohnung. Dass es dort die gleichen Lebensmittel und Produkte zu kaufen gibt wie in der Türkei, hat sie bereits festgestellt. Zu viel mehr war bis jetzt keine Zeit. Was sie von Berlin weiß, hat sie in türkischen Zeitungen gelesen. Ein Museum über die Geschichte der Stadt soll es geben, das will sie sich ansehen. Und was von der Berliner Mauer übrig geblieben ist."Keine Feindseligkeiten"Auf den Kreuzberger Straßen sieht sie jeden Tag ihre türkischen Landsleute, über deren Situation sagt sie: "Nach all den Jahren der Zuwanderung glaube ich nicht an Feindseligkeiten zwischen Migranten und Deutschen". Noch ist sie wohl nicht ganz angekommen.------------------------------Foto: Hatice Tekin (l.) mit muslimischen Frauen in einer Moschee an der Wiener Straße in Kreuzberg