LEEDS. Ein kalter Morgen im September 1990. In einem alten Lagerhaus im nordenglischen Leeds lehnt ein Dutzend junger Männer an den Werkbänken. Hier, am Leeds College of Building, lassen die örtlichen Handwerker ihre Söhne schulen, die ihnen im Geschäft längst zur Hand gehen. An diesem Tag beginnt der Ausbildungskurs für Klempner. Der Lehrer ist noch nicht da, die Schüler warten. Die meisten von ihnen sind nicht ganz zwanzig. Einige rauchen.Die Tür geht auf , und eine Frau tritt ein. Sie ist Ende zwanzig und trägt den gleichen Arbeitsoverall wie die Männer. Alle Köpfe drehen sich zu ihr, im Raum wird es plötzlich still. Füße werden von den Werkbänken genommen und fest auf dem Boden abgesetzt. Normalerweise lassen sich hier keine Frauen blicken. Einige der jungen Männer schauen halb trotzig, halb verschämt auf die Oben-Ohne-Fotos an den Wänden, dann verfolgen sie mit ihren Blicken, wie die Unbekannte langsam das Zimmer durchquert und Platz nimmt.Von fünf auf tausendDie Frau ist Hattie Hasan, und sie wird eine der ersten Klempnerinnen in Großbritannien sein. Zwanzig Jahre später wird sie landesweit etwa tausend Kolleginnen in diesem Beruf haben, aber zu diesem Zeitpunkt sind es ganze fünf. Klempner ist ein reiner Männerberuf kurz vor der Jahrtausendwende, schon gar im traditionsbewussten Nordengland, und niemand muss Hattie Hasan darauf hinweisen. Die Reaktion ihrer Mitschüler ist Vorgeschmack genug auf das, was kommen wird.Sie habe damals eigentlich nur einen Teilzeit-Job als Klempnerin gesucht, erzählt die heute 49-Jährige. Aber dann lief alles anders als geplant. Sie habe sich schnell selbstständig gemacht, wenn auch nicht aus eigenem Antrieb. "Niemand wollte mich anstellen", berichtet Hattie Hasan. "Wenn ich bei Firmen anrief, dachten alle, ich sei auf der Suche nach Arbeit für meinen Mann oder meinen Sohn. Wenn ich dann sagte, es geht um mich, dann behaupteten sie, sie hätten nichts." Schließlich ließ sie Handzettel drucken, in denen sie ihre Dienste als Klempnerin anbot. So schnell wollte sie sich dann doch nicht entmutigen lassen.Auch auf dem College nicht. "Den Lehrern, die nicht an Frauen im Unterricht gewöhnt waren, habe ich gesagt, dass sie nicht viele weitere Schülerinnen anlocken würden, wenn die Oben-Ohne-Bilder hängen blieben. Und ich habe ihnen gesagt: Ich habe so was auch unter der Bluse." Binnen kurzer Zeit waren die Fotos weg.Hattie Hasan ist in einer großen zypriotischen Familie in Nordlondon aufgewachsen. "Wir sind allesamt ganz unternehmerisch", beschreibt sie ihre Verwandtschaft. Ihr Vater war Elektriker, ihre beiden Brüder arbeiten heute als Lehrer und Fahrlehrer, ihre zwei Schwestern als Friseurin und Schulleiterin. Auch sie selbst begann ihr Berufsleben als Lehrerin an einer Londoner Schule. Bis die Regierung in einer der vielen Schulreformen das "National Curriculum" einführte.Hasan war frustriert, wie viele andere Lehrer auch. "Es ging nicht mehr um den Unterricht, sondern um die Bürokratie", sagt sie. "Also habe ich angefangen, mir einen anderen Beruf zu suchen. Als ich noch selbst zur Schule ging, wollte ich immer Metallarbeit und Technik studieren, aber das ging einfach nicht für eine Frau in den Siebziger-Jahren. Ich hatte auch immer eine Vorliebe für Wasser. Also habe ich mich entschieden, es mit der Klempnerei zu probieren."Der Vater bekam einen Zornesausbruch. "Er hätte es lieber gesehen, wenn ich endlich geheiratet hätte. Damals war eine Frau Hausfrau und Mutter - oder gar nichts. Und ich war schon die Erste in meiner Familie gewesen, die an der Universität studiert hatte."Auch die Geschwister waren irritiert. "Sie dachten, es sei leichtsinnig, einen sicheren Beruf zu verlassen für eine Sache, die sie keineswegs für sicher hielten", sagt sie. "Sie kannten keinen einzigen weiblichen Klempner. Na gut, zugegeben: Ich ja auch nicht."Hattie Hasan hat heute keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Sie wohnt jetzt mit ihrer Lebensgefährtin, einer Beschäftigungstherapeutin, zusammen. Sie kennt die Klischees, aber sie hat keine Komplexe, was ihre Sexualität angeht. "Es gibt keinen statistischen Beweis dafür, dass alle Klempnerinnen Lesben sind", sagt sie. "Einige sind es sicherlich, aber viele sind auch hetero. Wie in jedem anderen Beruf. Ich halte nicht geheim, wen ich liebe. Aber ich rede auch nicht überall darüber."Anfangs hat Hattie Hasan von Montag bis Sonntag durchgearbeitet und pro Woche bis zu tausend Pfund, umgerechnet fast 1200Euro, verdient. Mittlerweile klempnert sie etwas weniger und konzentriert sich auf andere Projekte. So leitet sie ein soziales Netzwerk für Klempnerinnen mit dem Namen "Stopcocks", was im Englischen eine doppelte Bedeutung hat: Ein Stopcock ist ein zunächst einmal ein Absperrhahn für die Wasserleitung, aber das Wort "cock" kann auch einen unangenehmen Mann im Allgemeinen bezeichnen und seine Geschlechtsteile im Besonderen. Über die Internetseite www.stopcocks.net verschickt Hasan regelmäßige Nachrichtenbulletins, sie betreut ein Onlineforum, versorgt Lehrlinge mit Informationen und bringt Klempnerinnen in Kontakt miteinander. "Obwohl es um die tausend von uns gibt, würden wir sonst nie voneinander erfahren", sagt sie.Was du wirklich, wirklich willstIm Januar ist ein Buch von ihr herausgekommen. "The Joy of Plumbing", der Spaß am Klempnern, heißt es, und im Untertitel: Ein Ratgeber, um das Leben zu leben, das du wirklich, wirklich willst. Sie gibt zu, dass manches für Frauen schwieriger ist als für Männer. Das fängt schon bei der Beschaffung von Schuhwerk an: Weil es Stahlkappenstiefel in Damengrößen nicht gibt, muss sie zu ihrem Arbeitsoverall Herrenstiefel tragen. Ihre Kleinwüchsigkeit hingegen - Hasan ist nur 1,52 Meter groß - habe auch Vorteile, sagt sie: "Ich kann mich in enge Räume hineinzwängen und Fummel-Arbeit machen, die für einen Mann nicht so leicht ist." Und wenn etwas zu schwer ist, sei sie auch nicht zu stolz, an eine Tür zu klopfen und um Hilfe zu bitten, sagt Hattie Hasan. "Aber manchmal muss ich auch schwere Sachen allein hochheben. Dann sage ich mir immer, dass ich es durch meinen Willen schaffe. Jede Frau, die ein Kind gebären kann, kann auch fast alles hochheben - wenn sie nur will."------------------------------Foto: Lehrerin war nicht der passende Beruf für Hattie Hasan. Ihr heutiger Job bietet ihr mehr Erfüllung.