FRANKFURT A.M., 18. August. Nach einem heftigen Schlagabtausch haben sich die Aktionäre auf der Hauptversammlung der IG Farben am Mittwoch mit einer Mehrheit 92,5 Prozent für die Gründung einer Stiftung ausgesprochen, die ehemalige Zwangsarbeiter des Unternehmens entschädigen soll.Zunächst soll die Stiftung mit drei Millionen Mark ausgestattet werden. Aus der Verzinsung in Höhe von etwa 300 000 Mark sollen dann die Zahlungen bestritten werden. Die Stiftung geht auf den Vorschlag der seit Ende vergangenen Jahres eingesetzten Liquidatoren der IG Farben AG in Abwicklung, Volker Pollehn und Otto Bernhardt, zurück. Ehemalige Zwangsarbeiter der IG Farben forderten hingegen die sofortige Auflösung des Unternehmens und die Aufteilung des Vermögens unter den Opfern."Die Opfer haben Rechte""Die Opfer sind keine Bittsteller, sie haben Rechte", sagte eine Aktionärin. Neben einer "angemessenen Entschädigung" der IG-Farben-Opfer solle die Stiftung auch die Geschichte des Chemiegiganten aufarbeiten. "Das gesamte Vermögen, nicht nur ein geringer Teil, muss in eine Stiftung einfließen, die von ehemaligen Häftlingen kontrolliert wird", sagte der ehemalige Zwangsarbeiter Hans Frankenthal, gleichzeitig Vize-Vorsitzender des Auschwitz-Komitees. Darüber hinaus sei die Stiftung "nur ein Zeichen, dass die IG Farben weiter erhalten wird. Und das wollen wir nicht", sagte Peter Gingold von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Wenn die gesamten drei Millionen Mark anstatt in die Stiftung direkt an die Opfer ausgezahlt würden, würden diese sie sofort nehmen "bevor sie alle wegsterben". Es sei überdies nicht annehmbar, dass die IG Farben einen Schluss-Strich unter die Forderungen ziehen wolle.Zunächst werden die beiden Liquidatoren der Stiftung vorstehen, deren Aufsichtsrat mit dem der IG Farben identisch sein soll. Geld wollen die beiden Chefs der IG Farben auch aus der Schweiz zurückholen. Ihrer Meinung nach hat sich die größte Schweizer Bank UBS als Nachfolgebank der SBG nach dem Krieg das Auslandsvermögen der IG Farben unrechtmäßig angeeignet. "Nach unserer Meinung ist damals vieles nicht mit rechten Dingen zugegangen", erläuterte Bernhardt. Heute habe das Vermögen einen Wert von etwa 4,4 Milliarden Mark.Keine Auflösung in SichtDie Forderung nach einer sofortigen Auflösung nannte Liquidator Bernhardt "verständlich, aber nicht durchführbar". Sie seien vom Amtsgericht eingesetzt. Mit einer sofortigen Auflösung des Unternehmens würden die Liquidatoren nicht ihren Pflichten nachkommen: "Die Forderungen an die IG Farben müssten wir dann aus eigener Tasche zahlen. Und das können wir nicht." Jeder Liquidator würde in dieser Situation genau so handeln.Für Gingold, dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde, sind die neuen Liquidatoren daher "auch nicht besser als die davor". Die Stiftung ist seiner Meinung nach nur durch äußeren Druck entstanden. Zum einen durch die rund 500 Klagen ehemaliger Zwangsarbeiter, zum anderen durch das Einlenken anderer deutscher Konzerne, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. "Die neuen Liquidatoren sind nicht besser, sie stellen sich nur geschickter an", sagte Gingold.

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