Es ist nicht neu, was Florian Havemann, Sohn des kommunistischen Dissidenten Robert Havemann, in seiner bei Suhrkamp erscheinenden autobiografischen Familiensaga dem Dichter Wolf Biermann unterstellt: Die 1976 erfolgte Ausbürgerung aus der DDR sei eine Inszenierung mit dessen Wissen und Wollen gewesen. Diese Legende hatte schon der Liedermacher Reinhold Andert in seinem Buch "Nach dem Sturz", 2001 verbreitet. Biermann selbst hätte damals "diesen Rummel beabsichtigt". Vor seiner von der IG Metall organisierten Tournee im Westen sei der Barde von Margot Honecker über die beschlossene Aussperrung informiert worden. Sie habe ihn "am Abend vor seiner Ausreise ein letztes Mal (besucht), um mit ihm alles zu besprechen." Beweise blieb Andert schuldig.Nun schlägt Florian Havemann mit wilden Hieben nach in seiner mehr als tausendseitigen Väter- und Söhne-Geschichte "Havemann", die nach des Autors Selbstverständnis ein "zwischen Realität und Fiktion schillernder ... Roman" sein soll. Darin nehmen die "WB" gewidmeten Kapitel breiten Raum ein. Denn Biermann, der 1961 erstmals mit seiner Gitarre im Hause von Robert Havemann auftauchte, sollte bald zu einer Art "Adoptivsohn" der Familie werden. Die "Verbandelung" der Biermanns und der Havemanns geschah nicht nur auf der Ebene gleichen gesellschaftskritischen Geistes. Sie ereignete sich auch als ungewöhnliche, von Florian. Havemann schließlich als "zu inzestuös" empfundene Familienbeziehung: Florians kleine Schwester verliebte sich sechsjährig in den Sänger Wolf und wurde, kaum erwachsen, eine seiner Frauen, mit der er zwei Kinder hatte. Wolf Biermanns "Ziehtochter" Nina (Mutter: Eva-Maria Hagen) war mit fünfzehn Florians erste Liebe. Politisch wie privat ergaben sich im Laufe der Jahre offene Rechnungen für Havemann, die er nun präsentiert. So habe sich "WB" 1968, schreibt er, als der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, feige vor der Stasi versteckt, während er selbst offen protestierte, abgeurteilt wurde, 1971 in den Westen floh. Biermann schrieb ein Spottlied auf den Verräter "Flori Have": "Er ist hinüber, enfant perdu, kluge Kinder sterben früh."Angebliches Doppelleben1976 wird Biermann selbst hinüberkommen und drüben bleiben müssen, aber Havemann will wissen, dies sei eben nicht unfreiwillig geschehen. Auch seine Verdächtigungen gehen von der Freundschaft aus, die zwischen Wolf Biermann und Margot Honecker bestand. "Von heute aus gesehen, könnte man fast darauf kommen," mutmaßt er, "Biermann habe die ganze Zeit über ein Doppelleben geführt: hier bei uns, bei Havemann, Teil der Opposition und im Verborgenen ... dann diese Verbindung ganz nach oben, via Margot Honecker - ... ein Gedanke, der vieles erklären würde." Der Unterstellung folgt, methodischer Grundzug vieler Auslassungen Florian Havemanns, die alternative Rückversicherung: "Muss aber so gar nicht gewesen sein."Vieles war nicht so. Margot Honeckers seriöser Biograf Ed Stuhler hat 2003 alle blumig verklärten Geschichten angeblich gemeinsamer "geschwisterlicher" Jahre der Proletarierkinder Margot Feist aus Halle, spätere Honecker, und Wolf Biermann aus Hamburg auf die Tatsachen zurückgeführt: Für ein paar Tage nur besuchte Margot 1943 in Hamburg eine Tante Biermanns, erlebte dort mit, wie der Junge von der Ermordung seines Vaters in Auschwitz erfuhr, seinen Schmerz und seine Wut herausschrie. Als "Wölfchen" 1953 zur Ausbildung in die DDR geschickt wurde, folgte Margot Honecker der Bitte von Mutter Emma Biermann, auf den Jungen zu achten. Es gab Privataudienzen zur Gitarre in ihrem Ministerium und warnende Hausbesuche in der Chausseestraße: "Wolf... Hör auf mit solchen Liedern! Das geht zu weit! Wenn du doch nur zu Vernunft kämest - du könntest unser bester Dichter sein." Stuhler dokumentiert, dass die Stasi seit 1973 die Ausbürgerung Biermanns wegen "Verletzung staatsbürgerlicher Pflichten im Ausland" im Kalkül hatte. Dass Biermann dies geahnt haben könnte, dürfte nicht wundern. Dass er im Komplott mit den Mächtigen deren abgekartetes Spiel mitgespielt hätte, "ganz einfach, weil WB doch in den Westen wollte", wie Havemann orakelt, ist durch nichts bewiesen.Der Autor streut dubiose Gerüchte aus zweiter und dritter Hand, für deren Urheber er sich vorsorglich nicht verbürgt. Der Liedermacher Rump will von der Honecker-Tochter Sonia über den Besuch von Margot bei Biermann gehört haben. Der als MfS-Informant enttarnte Musikmacher und Politiker Dieter Dehm will dabei gewesen sein, wie der Nicht-Trinker Biermann1976 vor dem Kölner Konzert im Gespräch mit dem IG-Metaller Jakob Moneta rotweinselig damit geprahlt habe, in seiner letzten DDR-Nacht "mit Margot Honecker im Bett gewesen zu sein". Alles vom Hörensagen. Dokumentarische Belege null. Darauf kommt es Havemann, als Künstler bisher kaum erfolgreich, bei der Jagd nach Schlagzeilen auch nicht an: "Sind doch nur Geschichten, ...die... ich erzähle... Die Wahrheit dieser Geschichten ist nicht unbedingt die der Fakten. Die Wahrheit ist meine Wahrheit. Mehr nicht." Biermann selbst hat dafür nur drei Worte: "Ein tragischer Fall". Kommentar überflüssig.------------------------------Foto: Es heißt, es war der Anfang vom Ende der DDR: Biermanns Köln-Konzert am 13. 11. 1976 und seine Ausbürgerung.

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