London - Als der Luftfahrtingenieur Richard Fairey 1930 für seine Modelle ein Testgelände suchte, kaufte er dem Pastor von Harmondsworth für 15.000 Pfund Sterling einen Pfarranger im Dörfchen Heath Row ab. Seitdem sind sowohl die Flugleidenschaft der Briten als auch die Ausmaße des Airports Heathrow ins Unermessliche gewachsen. Nur der Platz geht langsam aus: 70 Millionen Passagiere pro Jahr fertigt das größte Drehkreuz Europas heute in fünf Terminals ab; 1288 Starts und Landungen werden am Tag gezählt; alle 45 Sekunden hebt eine Maschine ab oder landet. Um auch künftig den Bedarf zu decken, ist mindestens eine weitere Start- und Landebahn nötig, warnt die Flughafengesellschaft.

Auf Hilfe des Londoner Bürgermeisters braucht sie nicht zu hoffen. Boris Johnson hat ganz andere Ideen. Er will Heathrow plattmachen und umpflügen. Das Luftdrehkreuz der britischen Inseln soll seiner Vorstellung nach weit entfernt auf einer Halbinsel an der Themsemündung neu entstehen – schöner, prächtiger und gigantischer.

Über den Ausbau Heathrows wird seit Jahrzehnten gestritten. Denn der Flughafen im Westen der Stadt, eingekeilt zwischen Wohngebieten, Wasserreservoirs und den Autobahnen M25 und M4, hat sich weit ins urbane Dickicht gefressen. Was die jüngste Flughafendebatte von früheren unterscheidet, sind der dramatische Dringlichkeitsappell und die Radikalität der Pläne.

"Es ist Zeit für Visionen"

Wenn Heathrow nicht bald expandiere, warnen Fluglobby und Wirtschaftsverbände, sei nicht nur Britanniens Vormachtstellung im Luftverkehr, sondern die Zukunft des Landes als Handelsnation in Gefahr. „Unsinn“, kontert Bürgermeister Johnson, der oberste Startbahngegner des Landes. Bereits heute lebten 750.000 Menschen in Heathrows Einflugschneise. Das Letzte, was die Achtmillionenstadt London im 21. Jahrhundert brauche, seien noch mehr Flugzeuge im Sinkflug über ihren Dächern. Boris Johnson will einen neuen Großflughafen fern der Ballungsräume im Marschland bauen, wo er höchstens Enten und Möwen stört. „Es ist Zeit für Visionen“, sagt er.

Einig sind sich alle Seiten, was die Ursache der Misere betrifft. Britannien, ringsherum von Wasser umgeben, braucht ein Drehkreuz mit ausreichend Start- und Landebahnen; Heathrow, der drittgrößte Passagierflughafen der Welt nach Dallas und Peking, hat aber nur zwei – das ist das Problem. Von den großen Rivalen auf dem Kontinent verfügen Paris CDG und Frankfurt über je vier Rollfelder, Schiphol in Amsterdam sogar über sechs. Ein klarer Wettbewerbsnachteil für die Briten.

Plan für dritte Startbahn geschreddert

Schon heute ist Heathrow bei den Flugzielen nicht mehr die Nummer eins in Europa: 184 Städte werden angeflogen, von Frankfurt aus sind es 295, von Schiphol aus 317. Die Kapazitätsgrenze des Londoner Großflughafens, klagen die Betreiber, wurde im Grunde vor zehn Jahren erreicht.

Die alte Labour-Regierung hatte 2009 schon grünes Licht für die umstrittene dritte Startbahn erteilt. Doch David Cameron, der um sein grünes Image bemühte konservative Premier, ließ die Pläne nach der Wahl 2011 schreddern.

Fünf große Flughäfen mit insgesamt sechs Rollfeldern gebe es rund um London – Heathrow im Westen, Gatwick im Süden, City im Osten, Stansted und Luton im Norden –, kleinere Airports wie Southend noch gar nicht eingerechnet. Das müsse ausreichen. Erst mit der Rezession brachte die Fluglobby den Ausbau von Heathrow als Teil einer Wachstumsstrategie wieder ins Spiel. Cameron setzte eine Kommission ein, die neue Flughafenkonzepte erbat.

"Mehr Schweine als Flugzeuge in der Luft"

Heathrow hat drei Vorschläge für eine dritte Startbahn eingereicht, den Bau einer vierten behält man sich vor. Die Zahl der Flüge könnte von 480.000 auf 740.000 pro Jahr steigen. Voraussetzung ist jedoch, dass ganze Ortsteile verschwinden. Bei der südlichen Standort-Variante würde das Dörfchen Stanwell Moor plattgemacht; im Norden wären entweder Harmondsworth mit 950 oder Sipson und Harlington mit 2700 Häusern betroffen.

Als gute Nachricht verkündete die Flughafengesellschaft, trotz der Zunahme des Flugverkehrs werde es weniger Lärmbelastung geben – dank künftig leiseren Motoren und steileren Flugkurven. Bürgermeister Johnson bleibt unbeeindruckt. Sein spöttischer Kommentar: „Eher fliegen mehr Schweine als Flugzeuge durch die Luft, als dass ich glaube, dass drei Startbahnen weniger Lärm machen als zwei Startbahnen.“

Auch er hat drei Pläne ausarbeiten lassen. Nummer eins auf der Boris-Johnson-Hitliste ist ein neuer, von Norman Foster entworfener Großflughafen mit vier Rollfeldern in der Themsemündung. Der Airport auf der Isle of Grain könnte bis zu 150 Millionen Passagiere pro Jahr bewältigen und ohne Nachtflugverbot operieren. Weil Starts und Landungen über Wasser erfolgten, wären angeblich nur 31. 000 Anwohner vom Fluglärm betroffen – ein Bruchteil der Londoner Leidtragenden. Für das Mammutprojekt werden enorme Baukosten von 65 Milliarden Pfund (75 Milliarden Euro) veranschlagt; aber nach Worten des Architekten sind „die Weitsicht und der Mut unserer Vorfahren des 19. Jahrhunderts“ nötig, um eine „moderne Transport- und Energie-Infrastruktur zu schaffen, die das Jahrhundert überdauern kann“.

Flughafen-Insel vor der Küste?

Billiger und weniger anspruchsvoll wäre freilich der Ausbau von Stansted, 60 Kilometer nördlich von London, zum neuen Luftdrehkreuz – das ist Boris Johnsons Alternativ-Idee. Kaum konsensfähig ist sein dritter Vorschlag, nach dem Hongkong-Modell eine Flughafen-Insel vor der Küste aufschütten zu lassen.

Heathrow spielt in den Plänen des einfallsreichen Bürgermeisters keine Rolle mehr, und er hat auch schon ein Nachnutzungskonzept. Sobald der Flughafen umgezogen ist, will er die 1227 Hektar Land zurückkaufen und darauf eine neue Gartenstadt für 250.000 Menschen errichten. Das, sagt Johnson, könne helfen, die massive Wohnungsnot in London zu beheben.

Viele kleine und ein großer Fehler

Auch dieses Szenario hat prompt für einen Aufschrei gesorgt. Ein britischer Star-Architekt, Sir Terry Farrell, nannte Boris Johnsons Fantasien „wahnsinnig“ und verglich sie mit „Hitlers Visionen“. Allerdings ist die Idee eines Flughafens in der Themse-Mündung alles andere als neu: Schon 1973 wollte eine konservative Regierung einen Flughafen im Watt, auf Maplin Sands, errichten. Damals wurde dann der Standort Stansted vorgezogen.

Für Stadtplaner bleibt es ein Fakt, dass der 1946 eingeweihte Passagierflughafen Heathrow von Beginn an an der falschen Stelle lag, viel zu nahe an London und den Kleinstädten Windsor, Staines und Slough. Mit jedem neuen Terminal wurde Anwohnern versprochen, dieser Ausbau sei der letzte. „Heathrows Geschichte ist eine Reihe kleinerer Planungsfehler, die zusammen eine der größten Planungskatastrophen des Landes ergeben“, hielt der Geografieprofessor Peter Hall einmal fest.

Bis die neue Flughafenkommission – vielleicht – eine geniale Lösung für Britanniens Luftdrehkreuz der Zukunft findet, müssen sich Fluglobby wie Lärmgeschädigte noch zwei Jahre gedulden. Flughäfen sind politisch heikel: Die Regierung will keine Empfehlung vor der nächsten Wahl.